Zeresenay Berhane Mehari

Das Mädchen Hirut – Difret

Die Anwältin Meaza Ashenafi (Meron Getnet) kämpft für Hiruts Recht. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 12.3.) Brautwerbung in Äthiopien: Eine 14-Jährige wird entführt, vergewaltigt – und erschießt ihren Peiniger. Aus der wahren Geschichte macht Regisseur Mehari ein fesselndes Justizdrama voller Einblicke in heutiges Leben am Horn von Afrika.

Brautwerbung auf Äthiopisch: Als die 14-jährige Hirut Assefa (Tizita Hagere) aus der Schule im Nachbardorf nach Hause wandert, folgen ihr sechs Reiter. Sie entführen das Mädchen und sperren es in eine Hütte; dort wird es von einem Mann vergewaltigt, um es zur Heirat zu zwingen. Kurz darauf kann Hirut mit einem Gewehr fliehen. Als ihre Verfolger sie umzingeln, löst sich ein Schuss und trifft ihren Peiniger: Für ihn endet seine telefa tödlich.

 

Info

 

Das Mädchen Hirut – Difret

 

Regie: Zeresenay Berhane Mehari,

99 Min., Äthiopien 2014;

mit: Tizita Hagere, Meron Getnet, Haregewine Assefa

 

Website zum Film

 

Ordnungshüter bringen sie auf die nächste Polizeistation; ihr droht die Todesstrafe. Doch die Anwältin Meaza Ashenafi (Meron Getnet) von der Frauenrechts-Organisation „Adenet“ eilt ihr zu Hilfe: Sie will für Hirut einen Freispruch wegen Notwehr erwirken. Allerdings trifft die Aktivistin überall auf Widerstand.

 

140 Euro Entschädigung für Toten

 

Zwar stellt der Dorfrat fest, dass diese telefa nicht rechtens war, verbannt aber das Mädchen aus der Gemeinschaft. Außerdem wird sein Vater verpflichtet, der Familie des Toten 3.000 Birr (ca. 140 Euro) Schadensersatz zu zahlen: eine hohe Summe für den armen, analphabetischen Bauern. Auch die Behörden stellen sich quer. Ein ehrgeiziger Staatsanwalt erklärt Hirut für deutlich älter, um sie strafmündig erscheinen zu lassen.


Offizieller Filmtrailer


 

Kontakte nach oben lösen Probleme

 

Zudem finden sich keine Zeugen, die bereit wären, zu ihren Gunsten vor Gericht auszusagen. Um die Entscheidung des Dorfrats aufzuheben, schaltet Meaza das Justizministerium ein, das aber untätig bleibt – weswegen die Anwältin das Ministerium vor dem Obersten Gerichtshof verklagt. Ein unerhörter Vorgang, der sie ihre Zulassung kostet. Erst als der Minister überraschend gefeuert wird, erfährt der Fall eine unverhoffte Wendung.

 

Eine deus ex machina-Auflösung, die durchaus plausibel ist: Schon zuvor deutet Regisseur Zeresenay Berhane Mehari diskret an, wie sich knifflige Probleme am besten lösen lassen. Mit Kontakten zu hochrangigen Stellen verschwinden lästige Formalitäten im Nu, und störrische Beamte werden kooperativ – Legitimität durch Verfahren sieht anders aus.

 

Dritter je in Äthiopien gedrehter Kinofilm

 

Zugleich zeigt der Regisseur das ostafrikanische Land aber als Staat mit funktionierender Justiz und fairen Richtern; wohl deshalb unterstützte die autoritäre, aber um Modernisierung bemühte Regierung unter Hailemariam Desalegn sein Projekt. Was nötig war: „Difret“, wie er auf Amharisch heißt, ist erst der dritte 35-Millimeter-Spielfilm, der je in Äthiopien entstand. Dort gibt es keinerlei Filmwirtschaft; belichtetes Material musste zum Entwickeln nach Indien transportiert werden.

 

Der plot folgt einem Präzedenzfall: 1996 wurde der Aufsehen erregende Musterprozess gegen das reale Vorbild von Hirut verhandelt. Seit 2004 drohen Entführern und Vergewaltigern laut Gesetz 15 Jahre Haft; erstmals wurden sexuelle Gewalttaten und weibliche Beschneidung als Straftaten definiert. Doch weniger diese Strafrechts-Reform macht den Film für hiesige Zuschauer interessant, als vielmehr seine Einblicke in den way of life im heutigen Afrika.

 

Außenwelt nur im Radio

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Timbuktu“ über islamistischen Terror in Nordafrika von Abderrahmane Sissako

 

und hier einen Beitrag über den Film „White Shadow“ über Verfolgung + Diskrimierung von Albinos in Ostafrika von Noaz Deshe

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Morgentau – Teza“ – komplexes Biopic über einen Exilanten aus Äthiopien von Haile Gerima.

 

Etwa der scharfe Kontrast zwischen Stadt und Land: In der Hauptstadt Addis Abeba arbeiten Akademiker mit PC und Telefon ähnlich hektisch wie ihre Kollegen in Europa oder Ostasien. Dagegen wirken idyllisch anmutende Dörfer zwischen grünen Hügeln, als sei hier die Zeit stehen geblieben: Von der übrigen Welt erfahren ihre Bewohner allenfalls aus dem Radio. Beide Sphären wissen wenig voneinander und haben sich kaum etwas zu sagen.

 

Derlei erzählt Regisseur Mehari schnörkellos chronologisch mit absolut zeitgemäßer Bildsprache: Schnelle Schnittfolgen und parallele Handlungsstränge verleihen dem Film einen drive, den vergleichbare Produktionen aus Afrika häufig vermissen lassen. Wobei die in Äthiopien beliebte TV-Schauspielerin Meron Getnet als Anwältin Meaza verschärftes Tempo vorgibt: Ihre schnippischen Wortkaskaden nageln behäbige Widersacher rhetorisch quasi an die Wand.

 

Publikumspreis der Berlinale

 

Dabei kommt Lokalkolorit nicht zu kurz: Panorama-Ansichten des sanft gewellten Hochlands, Ragout-Mahlzeiten mit injera-Fladenbrot oder barock möblierte Elite-Wohnungen vermitteln Eindrücke von der einzigartigen Kultur des Vielvölkerstaats. Er wird hierzulande immer noch mit der Hungersnot 1984/85 assoziiert; dem rundum gelungenen Film wäre zu wünschen, dieses Elendsbild von Äthiopien zu korrigieren. Das sehen die Besucher von Berlinale und Sundance genauso: Auf beiden Festivals erhielt „Das Mädchen Hirut“ den Publikumspreis.


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