Aleksandar Nikolić

Der serbische Anwalt – Verteidige das Unfassbare!

Radovan Karadžić und sein Anwalt Marko Sladojević (vorne li.) bei der Verhandlung vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Foto: Barnsteiner Film

(Kinostart: 8.10.) Auf der Kriegsverbrecher-Anklagebank: Ein junger Jurist aus Belgrad verteidigt einen der Hauptverantwortlichen für Massaker im Bosnien-Krieg. Regisseur Nikolić beobachtet ihn dabei – und geht mit seinem Helden in Aktenbergen unter.

Sympathy for the devil: Marko Sladojević verteidigt seit 2008 Radovan Karadžić vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal (International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia, ICTY) in Den Haag. Karadžić – wer war das noch gleich? Im zerfallenden Jugoslawien amtierte er 1990 bis 1992 als Parlamentspräsident von Bosnien-Herzegowina, danach bis 1996 als Präsident der bosnischen Teil-Republik Srpska.

 

Info

 

Der serbische Anwalt – Verteidige das Unfassbare!

 

Regie: Aleksandar Nikolić,

82 Min., Serbien/ Deutschland 2014;

mit: Marko Sladojević, Tina Drolec

 

Website zum Film

 

Neben Serbiens Präsident Slobodan Milošević und General Ratko Mladić war Karadžić der Hauptverantwortliche für den Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995; in ihm starben etwa 100.000 Menschen. Im Juli 1996 erging ein internationaler Haftbefehl gegen ihn. Karadžić tauchte unter, wurde lange von Gefolgsleuten gedeckt und erst 2008 in Belgrad festgenommen; dort hatte er unter falschem Namen als Arzt praktiziert. Seit 2009 steht er in Den Haag vor Gericht.

 

Erst Protest, dann Jura-Studium

 

All das setzt Regisseur Aleksandar Nikolić als bekannt voraus; sein Film verrät es ebenso wenig wie manch andere Eckdaten der Jugoslawien-Kriege. Im Mittelpunkt steht der Serbe Marko Sladojević: Er protestierte als Teenager gegen das Milošević-Regime, floh 1999 nach der NATO-Bombardierung Belgrads als 23-Jähriger in die Niederlande, schloss hier sein Jura-Studium ab – und wurde 2008 in das Verteidiger-Team von Karadžić berufen.

Offizieller Filmtrailer, OmU (Engl.)


 

Alltags-Impressionen bleiben Splitter

 

Warum ihm als 32-jährigem Jung-Anwalt diese Herkulesaufgabe anvertraut wurde, bleibt unklar. Im Gespräch lässt er durchblicken, wie sehr das seinem Ehrgeiz schmeichelte; außerdem spricht er etwas nebulös vom Willen, die Wahrheit herauszufinden und „jedem Schwachen gegen das System beizustehen“ – kaum glaubhaft bei einem mutmaßlichen Massenmörder.

 

Kurz darauf taucht seine slowenische Frau Tina Drolec auf; beide haben sich im Verteidiger-Team kennengelernt. Scheinbar ist sie mittlerweile ausgeschieden, aber das bleibt gleichfalls offen; wie vieles weitere. In Direct Cinema-Manier begleitet Filmemacher Nikolić seinen Helden mit der Kamera und fängt kommentarlos allerlei Alltags-Momente ein; manche mehr, die meisten weniger aussagekräftig. Diese Impressionen fügen sich nicht zu einem Bild; sie bleiben Splitter.

 

Kein einziger Sachverhalt nachgezeichnet

 

Dass Nikolić keine Verhandlungen im Gerichtssaal filmen konnte, versteht sich. Doch ihm gelingt nicht ansatzweise, zu verdeutlichen, wie ein ICTY-Verfahren in Grundzügen abläuft. Genauso wenig, welche Strategie die Verteidiger eigentlich verfolgen: Mal reden sie mit einem russischen Ex-UNO-Stabschef, der behauptet, die serbische Feuerkraft werde überschätzt. Dann erscheinen Ballistiker, die Belege über Kriegsopfer als manipuliert bezeichnen.

 

Schließlich geht es um einen Artikel in der New York Times, der sich auf einen Zeugen stützt, den die Karadžić-Anwalte für unglaubwürdig halten – warum, erfährt man nicht. Vermutlich verfolgte der jahrelange Prozess zahlreiche solcher Sachverhalte, um konkrete Taten und Verantwortlichkeiten zu klären. Doch Nikolić erspart sich die Mühe, auch nur einen davon exemplarisch nachzuzeichnen.

 

BBC informiert aus dem Off

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Djeca – Kinder von Sarajevo – Drama über Kriegswaisen in Bosnien von Aida Begić

 

und hier einen Bericht über den bosnischen Film “Aus dem Leben eines Schrottsammlers” – Sozialstudie von Danis Tanović, prämiert mit dem Großen Preis der Berlinale-Jury 2013

 

und hier einen Beitrag über den Film “Cirkus Columbia” – vielschichtige Tragikomödie von Danis Tanović über den Beginn des Bosnien-Kriegs.

 

Stattdessen widmet er sich ausgiebig Markos Privatleben – oder dem, was nach langen Arbeitstagen im Büro und Aktenwälzen daheim noch übrig bleibt: skype-Telefonate mit Tina, Feierabend-Fußball, Heimatbesuche bei Mama und Freunden. Alles brav aufgezeichnet und ziemlich banal. Wie Recherche an früheren Kriegsschauplätzen: Mütter klagen über getötete Söhne, Überlebende über verlorene Jahre. Am informativsten sind noch BBC-Berichte aus Radio und Fernseher im Off zum fragilen Frieden in Bosnien.

 

Dabei ist Marko ein sympathischer und reflektierter Mensch, der bereitwillig Auskunft gibt: über den Seitenwechsel vom Regime-Gegner zum -Verteidiger, seine zunehmende Abstumpfung und das Gefühl, allmählich jeden Durchblick zu verlieren. Aber der Regisseur versäumt es, all das sinnvoll zu gliedern. Ein Gerichtsprozess, der so unstrukturiert verliefe, würde sofort wegen Verfahrensfehlern neu aufgerollt.

 

Urteilsverkündung im Oktober

 

Wie schwierig es ist, Kriegsverbrecher juristisch einwandfrei zu belangen, hat Hans-Christian Schmid 2009 in seinem dichten ICTY-Justizdrama „Sturm“ anschaulich dargestellt. Und wie unübersichtlich der Frontverlauf in Bosnien seinerzeit war, dokumentierte Marcel Ophüls schon 1994 in seiner vierstündigen Sarajevo-Chronik „Veillées d’armes/ The Troubles We’ve Seen“. Anwalt Marko will mit Kollegen nach dem Prozess ein Buch schreiben; vielleicht wird man daraus schlauer. Das Urteil im Fall Karadžić soll noch in diesem Oktober verkündet werden.


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