Heino Ferch

Fritz Lang

Fritz Lang (Heino Ferch) bei der Arbeit am Drehbuch für "M". Foto: (c) Belle EpoqueFilms, Fotograf Tim Fulda

(Kinostart: 14.4.) Regie-Genie sucht Tonfilm-Stoff: Sein Dokudrama über die Entstehung des Klassikers „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ setzt Gordian Maugg aus Archiv-Material und Spielszenen zusammen. Dieses Puzzle verstört mehr als der Serienkiller.

Seit seinem ersten Film „Der olympische Sommer“ (1993) über ein fiktives Liebespaar während der Olympiade 1936 in Berlin ist Regisseur Gordian Maugg ein Spezialist für die Verquickung von zeitgeschichtlicher Doku-Aufnahmen mit einer fiktionalen Handlung. Was bei seinem Debüt gut funktionierte, wirkt nun bei „Fritz Lang“ eher fragwürdig.

 

Info

 

Fritz Lang

 

Regie: Gordian Maugg,

104 Min.,  Deutschland 2015;

mit: Heino Ferch, Thomas Thieme, Samuel Finzi

 

Weitere Informationen

 

Maugg nimmt sich einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere des legendären Regisseurs vor: Mit sensationellen Erfolgen wie „Die Nibelungen“ (1924) war Lang zum shooting star der deutschen Filmindustrie aufgestiegen. Doch sein science fiction-Opus „Metropolis“ (1927), die bis dato teuerste Produktion aller Zeiten, wurde an der Kinokasse zum flop.

 

„The Jazz Singer“ läutet Tonfilm ein

 

Zwar versprach der Nachfolger „Frau im Mond“ (1929) ein kommerzieller Erfolg zu werden. Doch Lang hatte abermals einen Stummfilm gedreht, obwohl bereits 1927 „The Jazz Singer“ das Tonfilm-Zeitalter eingeläutet hatte. Konkurrenten wie sein österreichischer Landsmann G.W. Pabst wandten sich der neuen Technik zu. Lang steckte in einer Schaffenskrise; er drohte den Anschluss zu verlieren.

Offizieller Filmtrailer


 

Samuel Finzi als Vampir von Düsseldorf

 

Da stößt der eifrige Leser 1930 in der Zeitung auf den Fall des „Vampirs von Düsseldorf“: Der brutale Kinder- und Frauenmörder trinkt das Blut seiner Opfer. Einen geeigneten Stoff für seinen ersten Tonfilm witternd, reist Lang (Heino Ferch) – zumindest in Mauggs Film – an den Rhein, um die Suche nach dem Kriminellen zu verfolgen.

 

In Düsseldorf begleitet Lang die Ermittlungen des ebenfalls aus Berlin angereisten Kriminalrats Gennat (Thomas Thieme). Das gesuchte Monster stellt sich schließlich als ein freundlicher Herr namens Peter Kürten (Samuel Finzi) heraus. Gennat erteilt Lang die Erlaubnis, Kürten in der Haft zu interviewen, um zu verstehen, was in dessen Kopf vor sich geht. Dabei steigen bei Lang unschöne Erinnerungen hoch.

 

Sechstbester Film aller Zeiten

 

Der Rest ist Kino-Historie: Lang dreht „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Der Kriminalfilm feiert drei Wochen nach Kürtens Verurteilung zum Tode Premiere. Ein künstlerischer Triumph: Lang demonstriert, dass er die neuen Möglichkeiten des Tonfilms bestens verstanden hat. Die beeindruckende performance von Hauptdarsteller Peter Lorre hat mehr als 80 Jahre später an Eindringlichkeit nicht verloren.

 

Bis heute gilt „M“ als einer der Höhepunkte des deutschen Films; das französische Fachblatt Cahiers du Cinéma listet ihn als sechstbesten Film aller Zeiten auf. Damit sollte Lang – der laut Kollege Volker Schlöndorff „alle Film-Genres erfunden hat” – das Strickmuster von Serienmörder-Psychothrillern begründen.

 

Aristokrat kokst + hurt inbrünstig

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Forbidden Room“ – Remake-Potpourri aus Fake-Stummfilmen von Guy Maddin

 

und hier einen Beitrag über den Film „Von Caligari zu Hitler – Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen“ – Essay-Film über Stummfilm-Klassiker der 1920er Jahre von Rüdiger Suchsland.

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung Am Set: Paris – Babelsberg – Hollywood über Standfotografie bei Stummfilm-Dreharbeiten wie zu „Metropolis“ von Fritz Lang in der Deutschen Kinemathek, Berlin.

 

Kurzum: Diese Entstehungs-Geschichte schrie geradezu nach einer Verfilmung. Umso unbefriedigender ist, was Regisseur Maugg daraus macht. Zwar zeigt Heino Ferch, bekannt als Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer in „Der Untergang“ (2004) von Oliver Hirschbiegel, in der Titelrolle, dass er ein Händchen für megalomane Kreative in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat: Sein Fritz Lang gibt sich nach außen als unnahbarer Aristokrat, aber privat kokst und hurt er inbrünstig.

 

Doch Mauggs Inszenierungskonzept will nicht aufgehen: Technisch virtuos, aber ohne erkennbaren Sinn verwirbelt der Regisseur Archiv-Material, erfundene Spielszenen und Ausschnitte aus Langs Original-Filmen – vor allem natürlich „M“ – zu einem höchst suggestiven Brei mit seltsam fadem Aroma.

 

Fantasie-Konstrukt im Doku-look

 

So schleicht sein Lang, noch bevor er mit Ermittler Gennat gesprochen hat, auf dem Düsseldorfer Polizeirevier herum, belauscht durch die offene Tür eine Vernehmung und begutachtet anschließend im Nebenraum die Fotos der Opfer von Kürten. Solche Kolportage-Szenen sind unschwer als reine Fantasie-Konstrukte zu erkennen.

 

Doch zugleich verleiht Maugg dem Film einen möglichst starken dokumentarischen Anstrich: mit Schwarzweiß-Bildern im alten 4:3-Format und einer Inszenierung, die leicht angestaubt wirkt. Für ein biopic ist „Fritz Lang“ zu spröde, für einen Dokumentarfilm zu diffus. Manche Momente, etwa die Konfrontation von Lang und Kürten im Gefängnis, sind durchaus fesselnd. Am Ende bleibt aber das schale Gefühl zurück, kaum mehr zu wissen als zuvor.


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