Felix van Groeningen

Café Belgica

Jo (Stef Aerts), Frank (Tom Vermeir) und Davy Coppens (Boris van Severen). Fotoquelle: Pandora Filmverleih

(Kinostart: 23.6.) Wer sich daran erinnern kann, war nicht dabei: Exzessives Nightclubbing bringt der belgische Regisseur Felix van Groeningen faszinierend authentisch auf die Leinwand – als Vorbild diente ein Café in Gent, das früher sein Vater betrieb.

Mit seinen letzten drei Spielfilmen hat der belgische Regisseur Felix van Groeningen gezeigt, dass er zu subtiler Tragik fähig ist. Das Proletarierdrama „Die Beschissenheit der Dinge“ gab 2010 den rauen Ton vor. Dann ließ er in „The Broken Circle Breakdown“ das Publikum zu feinster bluegrass-Musik an der Liebesgeschichte zwischen einem Banjo-Spieler und einer Tätowiererin teilhaben – nur um ihr Leben nach Strich und Faden zu zerstören.

 

Info

 

Café Belgica

 

Regie: Felix van Groeningen,

127 Min., Belgien/ Frankreich 2016;

mit: Tom Vermeir, Stef Aerts, Hélène Devos

 

Website zum Film

 

Insofern schwant einem nichts Gutes, wenn sich in „Café Belgica“ zwei Brüder zusammentun, um besagtes Café zu einer party-Kaschemme umzubauen. Abermals taucht Regisseur van Groeningen in die Subkultur von Gent ab, wo hochprozentiges Bier in Strömen fließt, schrullige Charaktere vor und hinter dem Tresen auf- und abtauchen und dabei blitzschnell zwischen Flämisch, Französisch und Englisch hin- und herwechseln – die belgische Mischung eben. Die schlägt sich auch in der hervorragend ausgewählten Musik nieder; für sie sorgen die DJ-masterminds der belgischen band „Soulwax“. Willkommen im Café Belgica.

 

Elch nimmt hinterrücks Nashorn

 

Die Absturzkneipe mit dem problematischen Klogeruch und dem sympathischen Logo – ein Elch penetriert ein Nashorn im Scherenschnitt – wird anfangs von Jo betrieben. Der einäugige, coole, aber sich eindeutig noch selbst suchende Mittzwanziger wird eines Tages überraschend von seinem älterem Bruder besucht; beide waren einander entfremdet.

Offizieller Filmtrailer


 

Konzertsaal-Vision im Obergeschoss

 

Frank (fantastisch: Tom Vermeir) hält sich als Gebrauchtwagen-Händler über Wasser und unterstützt die Mutter seines Kindes in ihrer Hundepension – Vorstadt-Tristesse unter grauem belgischem Himmel. Auch Frank erwartet noch mehr vom Leben gewesen, und siehe da: Der Betrieb seines Bruders weckt unternehmerische Instinkte in ihm.

 

Im Obergeschoss von Jos Kneipe haben beide sofort die Vision eines Konzertsaals mit allem drum und dran; mit einer bunten Truppe von Freunden machen sie sich an die Verwirklichung. Nun beginnt gastronomischer Alltag: Brandschutz-Bestimmungen müssen umgangen, Schichtpläne eingeteilt und eine door policy festgelegt werden – wer darf rein, wer bleibt draußen? Dazu bietet sich ein professioneller Sicherheitsdienst an.

 

Hommage ans Feiern + Leben im Moment

 

Doch Jo und Frank sind sich einig: Die bisherigen Stammgäste sollen, egal in welchem Zustand, nicht abgewiesen werden, ebenso wenig wie Araber und Afrikaner. Die Mischung macht’s eben – und so gerät die Eröffnung zum ausgelassenen, von Bier und Kokain befeuerten Fest, das bis zum nächsten Mittag andauert. Im Lauf der Zeit fordern durchgekokste Nächte und der Gastro-Alltag ihren Tribut, amouröse und häusliche Konfrontationen tun ihr übriges. Irgendwann – man ahnt es von Beginn an – muss dem Höhenflug der Absturz folgen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Broken Circle“bewegendes Melodram über eine belgische Bluegrass-Band von Felix van Groeningen

 

und hier ein Interview mit Regisseur Felix van Groeningen zu seinem Film „The Broken Circle“

 

und hier eine Besprechung des Films „Koffelschroa. Frei. Sein.Wollen“ – feinsinnige Doku über Neo-Volksmusik-Gruppe aus Oberammergau von Barbara Weber

 

und hier einen Beitrag über den Film „Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared“ – radikales Gedanken-Experiment von Stephan Schwietert.

 

Aber Entwarnung: So übel wie in „The Broken Circle“ endet diese Gründer-Geschichte nicht; zumindest stirbt kein Kind. Zwischendrin wird der Vater der beiden Brüder beerdigt, aber ihm weinen beide keine Träne nach; am Ende stirbt „nur“ ihre Idee. Dabei geht es Regisseur van Groeningen nur am Rande um die Konstruktion einer eher bescheidenen Fallhöhe für den anschließenden Sturz, sondern in erster Linie um eine hommage ans Feiern, das Leben im Moment, die Euphorie einer gelungenen club-Nacht, den Rausch und den Kater.

 

Kaleidoskop einer Gegenutopie

 

Die Kamera fliegt, stolpert und krabbelt durch party-Szenen in psychedelisch verstärkten Farben. Rasche Lichtwechsel und hautnah eingefangene Entgrenzungen werden zum Kaleidoskop einer Gegenutopie, authentisch bis ins letzte Detail und musikalisch vorangetrieben vom kompletten lokalen underground: von der rockabilly-Band bis zum techno-Trio, vom splitternackten Ausdruckstänzer bis zur obligatorischen Blaskapelle.

 

Was immer van Groeningen anpackt: Man glaubt ihm sofort, dass er weiß, wovon er da erzählt. Niemand könnte von außen so eine lokalspezifische Stimmung heraufbeschwören oder sich solch lebensnahen Charaktere am Schreibtisch ausdenken. Tatsächlich hat das „Café Belgica“ ein reales Vorbild: das legendäre „Café Charlatan“ in Gent wurde früher vom Vater des Regisseurs betrieben.

 

Wie zwei Nächte lang mitfeiern

 

Diesem Gesamtkunstwerk hat sein Sohn ein filmisches Denkmal gesetzt, das einen nachhaltig physischen Eindruck hinterlässt: Wenn man nach unzähligen Kippen, Kurzen und Kokslinien mit weichen Knien und vernebeltem Hirn aus der Vorstellung kommt, fühlt man sich, als habe man zwei Nächte mit Jo und Frank und ihrer verrückten Schar mitgefeiert.


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