Colin Firth + Jude Law

Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft

Thomas Wolfe (Jude Law) ist glücklich: Seine Bücher werden mit Maxwell Perkins´ (Colin Firth) Hilfe ein voller Erfolg. Foto: Wild Bunch Germany

(Kinostart: 11.8.) Hinter jedem großen Autor steht ein starker Lektor: Max Perkins ist kaum bekannt, doch er verhalf drei modernen Klassikern zum Durchbruch. Den Glutkern des Literaturbetriebs führt Regisseur Michael Grandage mit funkelnden Dialogen vor.

So beginnen Helden-Legenden seit der Antike: Der künftige Heros scheint am Ende. Keine Freunde, keine Anerkennung, kein Geld, und es gießt auch noch in Strömen. Sehnsüchtig blickt Thomas Wolfe (Jude Law) auf das New Yorker Verlagshaus von „Charles Scribner’s Sons“, das die bestseller von F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway publiziert hat. Und der Zuschauer ahnt: Bald wird man den Namen von Wolfe (1900-1938) in einem Atemzug mit diesen Star-Literaten der 1920er Jahre nennen.

 

Info

 

Genius –
Die tausend Seiten einer Freundschaft

 

Regie: Michael Grandage,

104 Min., Großbritannien/ USA 2016;

mit: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman

 

Weitere Informationen

 

Dazu verhelfen dem Möchtegern-Romancier seine Muse und ein Freund. Die Muse ist Aline Bernstein (Nicole Kidman); für Wolfe verließ die 20 Jahre ältere Bühnenbildnerin ihre Familie, weil sie an sein Talent glaubt. Zum Freund wird Maxwell Perkins, genannt Max (Colin Firth): Der Lektor von „Scribner’s Sons“ hat bereits Fitzgerald (Guy Pearce) und Hemingway (Dominic West) zum Durchbruch verholfen. Als er das 1100-seitige Manuskript von Wolfe sichtet, beeindruckt ihn der eigenwillige Stil des Neulings – er sagt ihm zu, es zu veröffentlichen.

 

US-Version des „Sturm und Drang“

 

Der Rest ist Literaturgeschichte: 1929 wird Wolfes Debütroman „Schau heimwärts, Engel“ zum Kassenschlager der Saison. Die autobiographische „Geschichte vom begrabenen Leben“, so der Untertitel, begeistert vor allem Jugendliche durch ausufernd geschilderte Konflikte des Romanhelden mit seinem Alkoholiker-Vater und der Krämerseelen-Mutter, grundiert von Abscheu vor dem Kleinstadt-Dasein, in dem er sich gefangen fühlt. Als Abrechnung mit dem american way of life, die zugleich Amerikas Vitalität romantisch feiert: eine Art US-Version des „Sturm und Drang“ im 20. Jahrhundert.

Offizieller Filmtrailer


 

Drei Jahre nach zweitem Roman gestorben

 

1932 findet die deutsche Übersetzung ebenso reißenden Absatz. Wolfe reist mehrmals nach Europa, lässt sich hofieren und besucht 1936 die Olympischen Spiele in Berlin. Im Vorjahr hat er mit „Von Zeit und Strom“ die Fortsetzung seines epischen Selbstporträts vorgelegt – auf 1200 Seiten. Den erneuten Erfolg bei Kritik und Publikum kann der Autor nicht lange genießen: Er stirbt mit nur 38 Jahren an Tuberkulose.

 

Heute sind er und sein Œuvre inklusive Erzählungen, die posthum erschienen, kaum noch bekannt. Neuübersetzungen seiner beiden Romane 2009 und 2014 waren nur fürs Feuilleton ein Ereignis. Kein Wunder, denn Wolfe schrieb etwa so: „…unter glänzenden Sternen auf dieser so matten, glanzlosen Asche, verloren! Uns sprachlos erinnernd suchen wir die große, vergessene Sprache, den verlorenen Himmelspfad, einen Stein, ein Blatt, eine nie gefundene Tür. Wo? Wann?“ Solch wolkiges Pathos wirkt in der Ära von Google snippets und Facebook postings recht angestaubt; wenn noch Wälzer gelesen werden, dann eher Krimis oder mystery thriller.

 

5000 Manuskript-Seiten in sechs Kisten

 

Diese vergilbte success story eines fast vergessenen Schriftstellers verwandelt Regisseur Michael Grandage in einen grandiosen Film: weil dessen heimliche Hauptperson nicht Wolfe, sondern Lektor Max Perkins ist. Indem er das überbordende Konvolut Zeile für Zeile und Absatz für Absatz redigiert, wird es um 300 Seiten kürzer – und dadurch erst zum fesselnden Buch, das den Nerv der Zeit trifft. Der Autor liefert Rohmaterial, das der Lektor zum Werk formt. Solange die Quelle sprudelt: Für „Von Zeit und Strom“ kritzelt Wolfe 5000 Seiten voll und stopft sie in sechs Kisten.

 

Dieser Glutkern des Literaturbetriebs bleibt gemeinhin unsichtbar: Was wäre öder als zwei Männer, die sich jahrelang über Papierbögen beugen? Für dieses Nicht-Ereignis findet der in Großbritannien berühmte Theaterregisseur Michael Grandage den richtigen Dreh: Er inszeniert seinen ersten Spielfilm als Chronik einer so facettenreichen wie fragilen Freundschaft. Sie läuft in geschliffenen Dialogen ab, deren Funkeln die visuelle tristesse der Schauplätze vergessen lässt.

 

Der Autor als Ein-Personen-Drama

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Michael Grandage über „Genius“

 

und hier eine Rezension des Films „Zeit der Legenden“ – gelungener Historienfilm von Stephen Hopkins über die Olympiade 1936 in Berlin, die Thomas Wolfe besuchte

 

und hier eine Besprechung des Films „Der große Gatsby (3D)“ – prachtvoll-dekadente Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald durch Baz Luhrmann mit Leonardo DiCaprio

 

und hier einen Beitrag über den Film „Midnight in Paris“ – Zeitreise in die 1920er Jahre von Woody Allen mit Ernest Hemingway + F. Scott Fitzgerald als Protagonisten

 

und hier einen Bericht über den Film „Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika“ – beeindruckendes Biopic über den Star-Autor im Exil von Maria Schrader mit Josef Hader.

 

Im New York der Weltwirtschaftskrise scheint nie die Sonne; eine graue Menge schiebt sich wie zähe Lava durch Häuserschluchten. Fassaden sind rußig, Räume verraucht; selbst der jazz club, in den der Autor seinen Freund mitnimmt, gleicht einem stickigen Heizungskeller. Zwar führt der introvertierte Perkins ein wohlgeordnetes Vorstadt-Leben mit Frau, Kindern und Haus im Grünen – doch auch sein Pendler-Zug sieht aus, als fahre er nicht ins Büro, sondern in den Kohleschacht.

 

Das macht nichts: Beide Protagonisten leben „ganz in Büchern und mit Wörtern“, wie Wolfe es ausdrückt. Deren Reichtum kostet er vollmundig aus: Ganz selbst ernanntes Künstlergenie, spreizt er sich bei jedem Satz, als stünde er auf der Bühne. Ein Ein-Personen-Drama, wo immer er auftritt. Diesen Pfau spielt Jude Law mit hinreißendem overacting; man wird überwältigt von seiner blumigen Rhetorik, und möchte ihm doch dauernd zurufen: „Halt mal die Luft an!“

 

Im Licht der Schreibtischlampe

 

Sein sendungsbewusster Narzissmus fasziniert auch Perkins. Ihn gibt Colin Firth unnachahmlich cool als Pflichtmenschen, der Leidenschaften nur zwischen Buchdeckeln auslebt – und damit Anderen zu Meisterwerken und Ruhm verhilft. Wobei er sich nicht allein um seine Familie, sondern auch um seine Autoren kümmert, wenn sie wie F. Scott Fitzgerald in der Krise stecken: ein hidden champion, dessen Verdienste um moderne Klassiker endlich ins Scheinwerferlicht gerückt wird – auch wenn es nur eine trübe Schreibtischlampe ist.

 

In den Wortwechseln der beiden kommt alles zur Sprache, was das Wesen großer Literatur ausmacht: die Spannung zwischen Dionysischem und Apollinischem, exaltierter Fantasie und produktiver Disziplin, eitler Selbstdarstellung und demütigem Dienst an der Sache – und das Glück des treffenden Wortes. All das vorgetragen von zwei Herren in dunklen Anzügen, die um passende Formulierungen ringen: ein fabelhafter Film.


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