Bonn

Inszeniert – Deutsche Geschichte im Spielfilm

Der ARD-Zweiteiler "Die Flucht" mit Maria Furtwängler führt 2007 zu Diskussionen, da Vertriebene als Opfer dargestellt werden. Foto: ARD Degeto/UFA Fiction/ Conny Klein. Fotoquelle: Stiftung Haus der Geschichte, Bonn

Filmbilder formen Geschichtsbilder: Wie Kino und TV historisches Bewusstsein prägen, zeichnet eine opulente Ausstellung im Haus der Geschichte nach. Allerdings beschränkt auf spektakuläre Umbrüche – das Lebensgefühl ganzer Jahrzehnte wird ignoriert.

„Zeigen, wie es eigentlich gewesen ist“: Das streben, frei nach dem Historiker Leopold von Ranke (1795-1886), sämtliche Geschichtsfilme an. Doch das ist unmöglich: Allein schon wegen der Beschränkung auf wenige Protagonisten, Schauplätze und Handlungsstränge. So erzählen Historienfilme oft mehr über das Geschichtsbild der Zeit, in der sie entstanden sind, als über die Epoche, die sie vermeintlich beleuchten.

 

Info

 

Inszeniert – Deutsche Geschichte im Spielfilm

 

09.06.2016 – 15.01.2017

täglich außer montags

9 bis 19 Uhr,

am Wochenende

10 bis 18 Uhr

im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Willy-Brandt-Allee 45, Bonn

 

Katalog 19,90 €

 

Weitere Informationen

 

Das macht sich das Haus der Geschichte in Bonn zunutze. Es will anhand von Spielfilmen über historische Stoffe deutsche Mentalitäts-Geschichte seit Kriegsende nachzeichnen: Wie bereitete die Filmindustrie Geschichten auf, deren Zeitumstände ihr Publikum meist selbst miterlebt hatte? Eine Analyse von Populärkultur, die überraschende Einsichten verspricht.

 

Nur drei Stationen für 70 Jahre

 

Ebenso die Methode, Filme über ähnliche sujets zu vergleichen, die in Bundesrepublik, DDR und Ausland in verschiedenen Jahrzehnten gedreht wurden – da werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede sofort deutlich. Allerdings eingeengt auf die übliche chronique scandaleuse gewaltsamer historischer Umbrüche: Von sieben Abteilungen sind vier – Holocaust, Widerstand, Zweiter Weltkrieg, Flucht und Vertreibung – der Nazi-Diktatur und ihren katastrophalen Folgen gewidmet. Für die fast 70 Jahre danach bleiben nur drei Stationen übrig: Wirtschaftswunder, Linksterrorismus und DDR-Erbe.

Impressionen der Ausstellung


 

Erster KZ-Film war ein flop

 

NS-Vergangenheitsbewältigung bietet natürlich das meiste Anschauungsmaterial. Dabei fördern die Kuratoren fast Vergessenes zutage: Etwa „Morituri“, mit dem der jüdische Produzent Arthur Brauner schon 1948 KZ-Elend auf die Leinwand brachte – der Film wurde ein flop. Besser lief die DEFA-Produktion „Ehe im Schatten“ über ein Paar, das angesichts der Judenverfolgung Selbstmord begeht: Sie fand zehn Millionen Zuschauer und erhielt 1948 den ersten „Bambi“-Filmpreis.

 

Die Schau erinnert an knarzige Kriegsfilme wie „Des Teufels General“ (1955) und „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959), in denen Wehrmachts-Soldaten trotz Nazi-Terror anständig blieben. Aber auch an frühe Ansätze einer Neubewertung: Schon 1955 versuchten gleich zwei Filme, die Verschwörer des 20. Juli zu rehabilitieren – die Mitwirkenden des gescheiterten Attentats auf Hitler galten noch weithin als Verräter.

 

Flüchtlingsschiff-Film ging wie Bleiente unter

 

Breiten Raum nehmen neuere Produktionen ein, die das Grauen von Völkermord und Krieg zusehends üppiger ausmalen: von der US-Fernsehserie „Holocaust“ (1979) über Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) und „Operation Walküre“ (2008) mit Tom Cruise bis zum TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013), für den Produzent Nico Hofmann enormen Presserummel entfachte. Präzise verzeichnet die Schau, welche Debatten solche event movies begleiteten – die Frage nach Sinn und Wirkung dieser holocaust industry stellt sie nicht.

 

Sechs Jahre zuvor fand Hofmann für „Die Flucht“ ähnlichen Zuspruch: Den Zweiteiler über die Massenflucht aus Ostpreußen 1945 sahen elf Millionen TV-Zuschauer. Er war der erste Film zum Thema seit den 1950er Jahren – die Erinnerung daran stand lange unter Revisionismus-Verdacht. Weil nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, legte im Folgejahr Regisseur Joseph Vilsmaier nach: „Die Gustloff“ über das Schiff, das im Januar 1945 mit 9000 Flüchtlingen sank, ging nach Ansicht von Kritikern unter wie eine Bleiente.

 

Abrechnungen + Kuschel-Gefühle

 

Arge Schlagseite bekommt auch diese Ausstellung im zweiten Teil. Die Wirtschaftswunder-Ära ist mit Werken vertreten, die in der damaligen Gegenwart spielen: von Heinz-Ehrhardt-Komödien über „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) zum Mord an der Edelprostituierten Nitribitt bis zur galligen Satire „Wir Wunderkinder“ (1959) mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss. Alles hübsche Ausgrabungen, gewiss – aber süffisante Sittenbilder, keine Historienfilme.

 

Im Rückblick des Regie-Genies Rainer Werner Fassbinder sah die Nachkriegszeit viel düsterer aus: Die Schau zitiert seinen Kassenschlager „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) herbei und könnte genauso gut ein halbes Dutzend anderer Abrechnungen aufführen. 24 Jahre später verbreitete Sönke Wortmann in „Das Wunder von Bern“ über den Fußball-WM-Sieg 1954 kuschelige Wir-sind-wieder-wer-Gemeinschaftsgefühle: Der Gegensatz könnte kaum schärfer sein.

 

Keine Kino-Kontroverse über DDR

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – Biopic über den Staatsanwalt, der Adolf Eichmann aufspürte, von Lars Kraume mit Burkhart Klaußner

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Fassbinder – Jetzt: Film und Videokunst“ – große Retrospektive des Regisseurs im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt am Main

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Neuer Deutscher Film – 50 Filmplakate von Margrit und Peter Sickert“ im Haus der Berliner Festspiele in Berlin

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das Wochenende“ – subtiles Kammerspiel über einen Ex-RAF-Terroristen von Nina Grosse mit Sebastian Koch.

 

Auch die obsessive Beschäftigung der 1968er-Generation mit den RAF-Terroristen wurde im Zeitverlauf staatstragender. Margarethe von Trotta in „Die bleierne Zeit“ (1981) und Reinhard Hauff in „Stammheim“ (1986) ließen noch Interesse für deren Motive erkennen. Dagegen übernahmen Heinrich Breloer im Dokudrama „Todesspiel“ (1997) oder Uli Edel bei „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) die Sicht der Staatsmacht, die schießwütige Fanatiker jagt.

 

Erstaunlich unkontrovers fallen Filme über Verfall und Ende der ostdeutschen Diktatur aus – vermutlich, weil diese Geschichte unzweifelhaft gut ausgeht. Frühere Stasi-Überwachung und Unterdrückung thematisiert einzig der Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“ (2006). Publikumslieblinge wie „Sonnenallee“ (1999) und „Good Bye, Lenin!“ (2003) nutzen die DDR als skurrile Kulisse für bittersüße Ostalgie: Wir sind noch einmal davongekommen!

 

Reize des Gewöhnlichen fehlen

 

So prächtig inszeniert wie auf einer Theaterbühne breitet die Schau mehr als 500 Exponate aus. Von jedem vorgestellten Film lassen sich kurze Ausschnitte auf Monitoren abrufen; das sorgt für konkrete Anschauung, die viele andere Ausstellungen über Filme vermissen lassen. Die opulente Ausstattung mit memorabilia täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die 1960er bis 1980er Jahre – bis auf Linksradikalen-Hatz – völlig unter den Tisch fallen.

 

Damit folgen die Macher dem schlechten Vorbild vieler Filmproduzenten: nur stories mit spektakulären Schauwerten ausschlachten und die subtilen Reize des Gewöhnlichen ignorieren. Daraus bestehen aber Zeit- und Lebensgeschichte der meisten Menschen – und etliche Autorenfilme bilden sie intelligent ab. Sie wären eine weitere Ausstellung wert: über deutsche Alltagsgeschichte in Kino und TV.


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