Andrej Kontschalowski

Paradies

Glückliche Vorkriegstage: Prinz Kamenski (Evgeny Ratkov), Olga (Julia Vysotskaya) und Helmut (C. Clauss) in der Toskana. Foto: © Alpenrepublik
(Kinostart: 27.7.) Von Tschechow zu Himmler und zurück: Der russische Regisseur Andrej Kontschalowski porträtiert drei Menschen in der Weltkriegs-Endphase. Sein so eigenwilliges wie fesselndes Psychogramm wurde in Venedig 2016 für die beste Regie prämiert.

Wie kann ein junger, gebildeter Mann hochadliger Abstammung, der sich für russische Literatur begeistert, gleichzeitig glühender Hitler-Anhänger sein und vom "deutschen Paradies" träumen? Warum kollaboriert ein französischer bonvivant mit den Nazi-Besatzern? Warum versteckt eine Exil-Russin, die in Paris als "Vogue"-Redakteurin arbeitet, zwei jüdische Kinder und riskiert damit ihr Leben?

 

Info

 

Paradies

 

Regie: Andrej Kontschalowski,

131 Min., Russland/ Deutschland 2016;

mit: Julia Vysotskaya, Christian Clauss, Philippe Duquesne

 

Website zum Film

 

Solche Fragen stellt Andrej Kontschalowski mit sich kreuzenden Lebensläufen in seinem Film "Paradies", der in drei Sprachen gedreht wurde. Der 80-jährige Russe ist in seiner Heimat seit Jahrzehnten ein angesehener Regisseur; doch sein umfangreiches und vielseitiges Schaffen – darunter auch Hollywood-Filme wie die action-Komödie "Tango & Cash" (1989) mit Sylvester Stallone – blieb in Deutschland so gut wie unbekannt. Anders als dasjenige seines Bruder Nikita Michalkow: Er wurde für "Urga" 1991 in Venedig und für "Die Sonne, die uns täuscht" 1994 in Cannes prämiert – und fiel in den letzten Jahren als Putin-Propagandist auf.

 

Verhör-Monologe oder Beichten?

 

Im Jahr 1944 angesiedelt, erzählt Kontschalowskis Film von den Verstrickungen zwischen der Russin Olga (Julia Vysotskaya), dem Franzosen Jules (Philippe Duquesne) und dem Deutschen Helmut (Christian Clauß) in bestechend komponierten Schwarzweiß-Bildern. Sie zeigen kaum äußere Gräuel des Krieges, sondern seine Verheerungen in der menschlichen Seele. Dafür unterbricht der Regisseur die Handlung öfter durch Monologe seiner Hauptfiguren. Am kahlen Tisch vor grauer Wand legen sie Rechenschaft über ihr Leben ab. Sind das Verhöre – oder Beichten vor höheren Mächten?

Offizieller Filmtrailer


 

Leidensweg einer Märtyrerin

 

Der Film beginnt in Frankreich: Nach Olgas Verhaftung entscheidet der Polizeibeamte Jules über ihr Schicksal. Gegen erotische Gefälligkeiten will er ihr Los erleichtern. Bevor es dazu kommt, wird Jules von résistance-Kämpfern erschossen – und Olga in ein namenloses KZ in Osteuropa deportiert. Dortiger Alltag wird dokumentarisch nüchtern gezeigt: die Brutalität der Wachmannschaften und die Rohheit der Häftlinge, die auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Zufälligerweise trifft Olga im Lager die beiden jüdischen Kinder wieder, wegen derer sie verhaftet worden ist.

 

Die Leidensgeschichte der Widerstands-Märtyrerin Olga, von Julia Vysotskya bravourös gespielt, und ihr selbstloses Opfer ziehen sich als roter Faden durch den Film. Nicht zufällig ist die einzige positive Figur eine russische Frau: Das spiegelt wider, wie man in Russland bis heute den "Großen Vaterländischen Krieg" sieht. Alljährlich wird am 9. Mai aufwändig der "Tag des Sieges" über den Nationalsozialismus gefeiert; dann herrscht Volksfest-Stimmung.

 

Slawist mit Erschießungs-Lizenz

 

Allerdings fokussiert Regisseur Kontschalowski vor allem auf den deutschen SS-Offizier Helmut. Ihm gibt Himmler persönlich den Auftrag, im Lager die Wirtschaftsweise der Leitung zu kontrollieren; sollte er auf Unterschlagung oder Korruption stoßen, wäre das mit Erschießung zu ahnden. Im KZ trifft der Adelsspross nicht nur auf den brutalen Kommandanten Krause (mit brachialer Präsenz: Peter Kurth) und einen desillusionierten Ex-Kommilitonen, sondern zu seiner großen Überraschung auch auf seine unerfüllte Liebe: Olga lernte er einst während eines Vorkriegs-Urlaubs in Italien kennen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Dunkirk" – Kriegsdrama über die Evakuierung britischer Truppen 1940 von Christopher Nolan

 

und hier eine Besprechung des Films "Unter dem Sand - Das Versprechen der Freiheit" – beeindruckendes Drama über deutsche Kriegsgefangene als Minenräumer in Dänemark 1945 von Martin Zandvliet

 

und hier einen Bericht über den Film "Francofonia" – poetisch origineller Essayfilm über die Rettung der Kunstschätze des Louvre im Zweiten Weltkrieg von Alexander Sokurow

 

und hier einen Beitrag über den Film "Leviathan" – fesselnde Tragödie über Rechtlosigkeit in Russland unter Putin von Andrej Swjaginzew.

 

Christian Clauß verkörpert überzeugend die zwiespältige Figur des Helmut. Sein weiches Jungengesicht will trotz der Propaganda-Phrasen, die er ständig von sich gibt, nicht so recht zu seiner SS-Uniform passen. Vor dem Krieg studierte er Slawistik; er hegt eine Vorliebe ausgerechnet für Anton Tschechow, den modernsten aller russischen Klassiker. Dabei verdrängt er völlig, dass er sich nicht gleichzeitig für Hitler, Tschechow und Olga begeistern kann.

 

Ins russisch-orthodoxe Paradies

 

Während sich die Konflikte zwischen den Akteuren zuspitzen, scheut Regisseur Kontschalowski nicht vor metaphysischen Einschüben zurück; sie brechen das Quasi-Dokumentarische des Films immer wieder auf. So sieht Helmut im Wald schemenhafte Geister von Ermordeten zwischen den Bäumen – später scheint beim Treffen des SS-Manns mit Himmler gleichsam der Geist des Führers im Raum präsent.

 

Nachdem er die Idee der NS-Propaganda vom "deutschen Paradies auf Erden" mit seltener Konsequenz ausformuliert hat, stellt der Regisseur diesem Albtraum am Ende das himmlische Paradies im christlichen Glauben gegenüber – genauer: seiner spezifisch russisch-orthodoxen Variante. Sie findet sich schon in vielen Werken von Dostojewski und Tolstoi: Das Heil liegt nicht im irdischen Jammertal, Erlösung gibt es nur im Jenseits.

 

Eine Weltsicht, die vom heutigen Kreml aus nahe liegenden Gründen wieder sehr gefördert wird. Daran schließt Kontschalowski an, aber auf sehr eigenwillige Art: Sein Film schert sich nicht um geläufige Konventionen des Historienkinos. Gerade dadurch lässt er die Zuschauer aufgewühlt zurück.


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