Alexander Hick

Thinking like a Mountain

Großartige Landschaftspanoramen und Nähe zu dem indigenen Volk der Arhuacos zeichnen den Film aus. Foto: deja vu Film
(Kinostart: 12.9.) Verletzung des Erdkörpers: Der Dokumentarfilmer Alexander Hick begleitet ein indigenes Volk in den Gipfeln Kolumbiens. Sein exzellent fotografierter Film erzählt von jahrhundertealtem Unrecht und vermeidet exotistische Klischees.

Der brennende Amazonas rückt Südamerika seit Wochen in den Fokus der internationalen Nachrichten. Das Problem ist vielschichtig; seine Ursachen reichen weit über die Grenzen der betroffenen Länder hinaus. Wirtschaftliche Not und Profitgier setzen die Natur und die dort lebenden indigenen Völker auf der ganzen Welt unter Druck – nicht nur im Amazonasgebiet.

 

Info

 

Thinking like a Mountain

 

Regie: Alexander Hic,

91 Min., Deutschland 2019;

mit: Jwikamey Torres 

 

Website zum Film

 

Auch die Arhuacos, ein kleines, im Norden Kolumbiens lebendes Volk, leiden seit Jahrhunderten unter den Konflikten um ihr Land. Ursprünglich reichte ihr Siedlungsgebiet von der kolumbianischen Karibikküste bis in die Berge der Sierra Nevada de Santa Marta. Doch im Laufe der Zeit wurden sie immer höher in die Berge gedrängt, die teilweise über 5.000 Meter aufragen.

 

Der Mensch verschwindet

 

In diese unwirtlichen Höhen folgt ihnen der Filmemacher und Bergführer Alexander Hick, der selbst aus den Alpen stammt. Entsprechend beginnt sein Film mit Einstellungen von Fels und Eis. In der Totalen wirken die Menschen verschwindend klein, die Natur dagegen überwältigend. Die traditionellen Siedlungen der Arhuacos bestehen aus runden Hütten, die sich perfekt an die Umgebung anpassen.

Offizieller Filmtrailer OmU

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Beseelte Welt

 

Über ein Jahr lang habe der Kontaktaufbau zu den Indigenen gedauert, berichtet der Regisseur. Erst dann habe er die Erlaubnis zum Filmen bekommen. Zusammen mit seinem Bruder, dem Kameramann Immanuel Hick, durchquerte er die Sierra über viele Wochen zu Fuß, um zu den abgelegenen Gemeinden zu gelangen.

 

Dieses langsame Sich-Einlassen auf Mensch und Natur zahlt sich in "Thinking like a mountain" aus. Denn Alexander Hick schildert nicht nur äußere Lebensumstände dieser Menschen. Er gewährt auch Einblick in ihre Weltsicht, indem er ihre geistigen Führer, die Mamos, begleitet. Die Arhuacos empfinden die Natur, ja die ganze Erde als beseelt.

 

Macht durch Ressourcen

 

Daraus leiten sie ihr Mandat ab, sie zu erhalten und zu beschützen – auf der physischen Ebene ebenso wie auf einer spirituellen. So sehen die Eingeborenen den gigantischen Kohletagebau am Fuß des Gebirges ganz konkret als Verletzung des Erdkörpers. Auch die Auswirkungen des Klimawandels bekommen sie zu spüren; Veränderungen in der Natur registrieren sie genau.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Becoming Animal" - Ambitionierter Essayfilm von Emma Davie + Peter Mettler

 

und hier eine Besprechung des Films "Birds Of Passage - Das grüne Gold der Wayuu" - Drogenmafia-Epos aus Kolumbien von Ciro Guerra

 

und hier einen Beitrag über den Film "Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent" – atemberaubendes Dschungeldrama am Amazonas von Ciro Guerra

 

Doch nicht nur die Ausbeutung ihres Lebensraumes durch Bergbau und Landwirtschaft gefährdet die indigenen Gemeinschaften. Sie wurden und werden zudem in die unübersichtlichen Konflikte Kolumbiens hineingezogen. Regierung, FARC-Guerilla, Drogenmafia: Alle verfolgen sie Interessen, bei denen die Eingeborenen schlicht im Weg sind. Im Grunde geht es immer um die Ressourcen des Landes, deren Kontrolle Macht und Reichtum verheißt: Ein uraltes, rund um die Welt immer wieder neu aufgeführtes Stück.

 

Gegen den westlichen Blick

 

Alexander Hick reißt die Komplexität dieser Gemengelage an, ohne sie allzu sehr zu vertiefen. Sein weitgehender Verzicht auf die Angabe von Namen und Örtlichkeiten erschwert die Orientierung. Trotzdem stimmt er nachdenklich über unseren Umgang mit der Welt und ihren Ressourcen: Schließlich sind es in erster Linie Konsumbedürfnisse, mit denen global Geld verdient wird.

 

Zwar liegen die Sympathien des Filmemachers klar bei seinen Protagonisten, zugleich haben seine sparsamen Off-Kommentare etwas Unaufgeregtes. Das unterscheidet den Film angenehm von alarmistischen Natur-Ethno-Dokus über die prekäre Situation solch "Edler Wilder". Eher hinterfragt Hick bewusst den westlichen Blick auf die Indigenen.

 

Widerständigkeit schafft Hoffnung

 

Heute setzt sich dieser Blick fort in den Touristengruppen, die durch eine Arhuaco-Siedlung geführt werden und die Exotik mit ihren Kameras festhalten. Und natürlich lebt auch "Thinking like a mountain" vom Reiz des Fremdartigen. Die brillianten Aufnahmen zeigen die Schönheit der Bergwelt und ihrer Bewohner, mit ihren langen, dunklen Haaren und konischen weißen Strickhüten: ein altes Volk, das sich den Zwängen der modernen Welt ausgesetzt sieht, sich ihnen aber nicht widerstandslos ergibt. In dieser Widerständigkeit liegen Hoffnung und Selbstbewusstsein der Arhuacos.


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