Sam Mendes

1917

Lance Corporal Schofield (George MacKay, mi.) im Schützengraben. Foto: Universal Pictures International Germany

(Kinostart: 16.1.) Krieg als inneres Erlebnis: Regisseur Sam Mendes schickt zwei Soldaten auf ein Himmelfahrtskommando durch das Niemandsland zwischen den Frontlinien. Und der Zuschauer ist ständig mittendrin – Gräuel und Schrecken so hautnah wie nie zuvor.

Wozu noch Kriegsfilme? Ist über Kriege, insbesondere die beiden Weltkriege, nicht längst alles gesagt und gezeigt worden? Dass Kriege im Nu die Firnis der Zivilisation abschleifen und aus Menschen das Schlimmste hervorlocken, zu dem sie fähig sind; dass Kriege unfassbare Grausamkeiten zeitigen, fasst alles vernichten und fast nichts Gutes hervorbringen. Wozu noch mehr Truppenaufmärsche, Bombenexplosionen und Massaker im Kino?

 

Info

 

1917

 

Regie: Sam Mendes,

119 Min., Großbritannien/ USA 2019;

mit: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth, Benedict Cumberbatch

 

Website zum Film

 

Geläufige Leinwand-Materialschlachten haben sich wohl erledigt. Doch eine neue Generation von Kriegsfilmen schickt sich an, das Publikum möglichst ungefiltert und intensiv am grausigen Geschehen teilhaben zu lassen. Fast kommentarlos, damit es die Sinnlosigkeit dieser entsetzlichen Zerstörungsorgie hautnah miterleben kann – ohne Ablenkung durch vermeintlich sinnstiftende Militärstrategie, Propaganda oder Zynismus.

 

Absurd inhaltsarme Pyrotechnik-Orgie

 

Das kann schiefgehen: „Dunkirk“ (2017) von Christopher Nolan über die Evakuierung der in Nordfrankreich eingekesselten britischen Truppen im Juni 1940 ist eine absurd inhaltsarme Orgie aus Komparsen-Massen und Pyrotechnik. Wer bis dahin nicht wusste, warum das Geschehen zu den Schlüsselereignissen des Zweiten Weltkriegs zählt, hat es aus dieser 150 Millionen Dollar teuren Mammutproduktion nicht erfahren.

Offizieller Filmtrailer


 

Fake News über 1914 bis 1918

 

Der Anspruch größtmöglicher Authentizität ist ambivalent. Zum 100. Jahrestag des Versailler Friedensvertrags ließ das britische „Imperial War Museum“ historisches Doku-Archivmaterial aufbereiten, um die visuelle Erinnerung an den Ersten Weltkrieg von der Patina grobkörnig ruckelnder Schwarzweiß-Bilder zu befreien, die ihn unwirklich entrückt erscheinen lassen.

 

Dieses Material montierte der neuseeländische Regisseur Peter Jackson zu einer Kriegschronik aus der Sicht einfacher Soldaten; dafür zog er alle Register heutiger Bildbearbeitungs-Technik. Mit zwiespältigem Ergebnis: Manche Passagen von „They Shall Not Grow Old“ wirken wie eine verblüffend aktuelle TV-Reportage, andere wie eine angestrengte Simulation solcher TV-Reportagen – Fake News über 1914 bis 1918.

 

Befehl soll 1600 Leben retten

 

Dagegen wählt sein britischer Kollege Sam Mendes, Spezialist für ambitionierte Actionfilme, für „1917“ die Form eines klassischen Heldenepos. Allerdings mit völlig unheroischem Kontext: An der Front sollen zwei britische Rekruten einem vorgeschobenen Bataillon binnen 24 Stunden den Befehl überbringen, eine geplanten Angriff zu unterlassen und stattdessen in ihren Stellungen zu bleiben. Andernfalls würden sie in eine Falle der deutschen Armee laufen, die sich an diesem Abschnitt taktisch zurückgezogen hat; 1600 Männern droht, verheizt zu werden.

 

Schon die Befehlsübergabe gerät denkbar nüchtern. General Erinmore (Colin Firth) kann dem Duo nichts versprechen außer Blut, Schweiß und Tränen. Der Weg von Corporal Blake (Dean-Charles Chapman) und Corporal Schofield (George MacKay) durch das Gewirr der Schützengräben zur vordersten Frontlinie wird sogleich zum Panoptikum des Stellungskriegs: Überall lungern hungernde, verwundete oder zu Tode gelangweilte Kameraden herum.

 

Suggestiv gefilmtes Stationendrama

 

Dann steigen Blake und Schofield an die Erdoberfläche – das von Gefechten umgepflügte Niemandsland bietet ein Bild totaler Verwüstung. Bombenkrater und Stacheldraht-Verhaue, in denen verwesende Leichen hängen, an denen fette Ratten nagen; Regisseur Mendes spart nicht an Drastik. Doch wenige hundert Meter weiter wartet scheinbar ländliche Idylle: lauschige Wäldchen, grüne Wiesen und gepflegte Bauernhöfe. Wenn nur die Höfe nicht verwaist und ihre Obstbäume nicht umgehauen wären.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „They Shall Not Grow Old“ – eindrucksvolle Doku über den Ersten Weltkrieg mit Archivmaterial von Peter Jackson

 

und hier einen Bericht über den Film „Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D“historische Weltkriegs-Doku mit animierten Stereoskopie-Fotos von Nikolai Vialkowitsch

 

und hier einen Beitrag über den Film „Frantz“ – subtiles Kammerspiel über Hinterbliebene nach dem Ersten Weltkrieg von François Ozon

 

und hier eine Besprechung des Films „Dunkirk“: monumentales Echtzeit-Epos über die Evakuierung britischer Truppen im Zweiten Weltkrieg von Christopher Nolan.

 

 

Das Himmelfahrtskommando der Boten ist als Stationendrama angelegt. Auf jeder Etappe müssen sie sich gegen neue Gefahren bewähren; seien es Sprengfallen, abstürzende Doppeldecker, Scharfschützen an einer Wasserstraße oder brennende Ruinen einer umkämpften Stadt. Das könnte leicht konstruiert wirken, wäre es nicht so suggestiv gefilmt: Unaufhörlich umkreist das Objektiv die Köpfe beider Protagonisten, klebt ihnen an den Fersen – oder stürzt mit ihnen eine Treppe hinab.

 

Für zehn Oscars nominiert

 

Angeblich soll der zweistündige Film in einer einzigen, ungeschnittenen Plansequenz entstanden sein. Was sich kaum überprüfen lässt, denn manche Szenen spielen in stockdunklen Kellern – oder enden im Blackout. Nichtsdestoweniger ist die stets schwebende, schweifende oder taumelnde Kamera schlicht mitreißend: Der Zuschauer erlebt diesen Todesmarsch zur Lebensrettung, als wäre er selbst dabei. Für diese Leistung ist „1917“ zurecht für insgesamt zehn Oscars nominiert worden.

 

Nur am Ende, als Corporal Schofield in buchstäblicher letzter Minute seinen Brief an den befehlshabenden Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) übergibt, trägt Regisseur Mendes etwas dick auf. Indem er Stereotypen des Überwältigungskinos bemüht, die sein Film gar nicht nötig hat; da stürzt Schofield etwa einen Wasserfall hinunter oder sprintet quer durch den Strom massenhaft angreifender Bataillons-Soldaten.

 

Alle Kriegsgräuel an einem Tag

 

Denn zuvor hat Mendes den Horror des großen Gemetzels meisterhaft auf eine minimale Handlung reduziert: Zwei einfache Landser erleben auf ihrer eintägigen Mission alle Kriegsgräuel – und der Betrachter taucht in der Froschperspektive völlig darin ein. So macht man ergreifende Antikriegsfilme.