Andrew Onwubolu

Blue Story – Gangs of London

Wortgefecht zwischen Marco (Michael Ward, 3.v.r.) und seinem großen Bruder Switcher (Eric Kofi-Abrefa (3.v.l.). Foto: Paramount Pictures Germany/Nick Wall

(Kinostart: 25.6.) Auf derselben Schule, aber in verfeindeten Gangs: Zwei Freunde werden in ein brutales Rachedrama hineingezogen. Das Ghetto-Sozialdrama des britischen Rappers Andrew Onwubolu wirkt authentisch, aber im Vergleich zu Genre-Klassikern etwas epigonal.

Das Spielfilmdebüt des Rappers und Regisseurs Andrew Onwubolu alias Rapman nimmt das Publikum mit in den tristen Südosten Londons: Der Stadtteil Deptford hat noch keinen einzigen Popstar hervorgebracht, ist aber dafür bekannt, dass hier 1593 der Dramatiker und Shakespeare-Konkurrent Christopher Marlowe ermordet wurde. Ein paar Pubs aus jener Zeit stehen noch herum, doch heute dominieren funktionale Architektur und uniforme Wohnblöcke das Stadtbild. Familien, die hier leben, kommen meist aus der Karibik, Afrika, Osteuropa und Asien.

 

Info

 

Blue Story – Gangs of London

 

Regie: Andrew Onwubolu,

91 Min., Großbritannien 2019;

mit: Stephen Odubola, Micheal Ward, Karla-Simone Spence

 

Der schüchterne Protagonist Timmy (Stephen Odubola) wohnt in Deptford, geht aber im ähnlich öden Peckham zur Schule, wo seit dem ersten Tag Marco (Micheal Ward) sein bester Kumpel ist. Schritt für Schritt führt der Film in die Welt der Freunde ein; er zeigt, wie sie in Mutters Küche das westafrikanische Gericht „Jollof Rice“ verputzen, Fußballspiele auf dem Schulhof, die Aufregung über eine Party am Wochenende, und wie sich Timmy und seine Mitschülerin Leah (Karla-Simone Spence) langsam näherkommen.

 

Zwischen Deptford + Peckham

 

Beim ersten Date schauen sie die TV-Serie „Game of Thrones“ – nicht ahnend, dass sie selbst bald in eine verheerende Clan-Fehde hineingezogen werden. Sowohl Marcos als auch Timmys große Brüder sind Mitglieder verfeindeter Gangs. Als die Freunde gezwungen werden, ihren jeweiligen Anführern Treue zu schwören, entspinnt sich zwischen Deptford und Peckham ein brutales Rachedrama um Freundschaft, Loyalität, Liebe, Gewalt und Verrat.

Offizieller Filmtrailer


 

Rückgriff auf Theatertradition

 

Die Handlung wirkt vertraut, doch sie entwickelt zunehmend ihre Eigenheiten. Da ist zunächst der durchgängig vorherrschende Slang „Jafaican“, der sich aus dem Londoner Cockney-Dialekt entwickelt hat und selbst für britische Zuschauer Untertitel notwendig machte. Zudem schaltet sich Regisseur Onwubolu selbst ein, indem er zwischen den Abschnitten rappend zusammenfasst, was gerade passiert ist.

 

Dieser Rückgriff auf den Chor-Kommentar in der antiken Tragödie und eine an Shakespeare erinnernde Personenkonstellation verbinden diesen Gangsterfilm mit der europäischen Theatertradition. Seine filmischen Vorläufer sind US-Dramen wie „Mean Streets – Hexenkessel“ (1973) von Martin Scorsese und „Boyz in the Hood“ (1991) von John Singleton oder „Menace II Society“ (1993) von Albert und Allen Hughes und deren europäische Variationen wie „La Haine“ („Hass“, 1995) von Mathieu Kassovitz oder Fatih Akins „Kurz und Schmerzlos“ (1998).

 

Gewalt als großes Durcheinander

 

Der in Deptford aufgewachsene Rapman verknüpft die Fäden der komplexen Story, die zu einem guten Teil seine eigene ist, mit großer Aufmerksamkeit für jugendkulturelle Details und Codes vom Handshake bis zur Musik. „Blue Beat“ war ein Sammelbegriff für importierte Musik der karibischen Einwanderer in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg; für Rhythmen wie Rocksteady, Calypso und vor allem Ska. In der „Blue Story“, die von Kindern und Enkeln dieser Einwanderergeneration handelt, sind an deren Stelle die Stile Rap, Grime und Afrobeats getreten.

 

Gegenwärtiger als Musik ist in dem Film nur die immer wieder plötzlich hereinbrechende Gewalt. Inszeniert wird sie unprätentiös und mitunter unübersichtlich: ein großes Durcheinander, am Ende liegen Körper auf dem Boden, Mütter trauern, Brüder schwören Rache. Die Logik der Vendetta wird durchaus nicht glorifiziert; vielmehr zeigt der Film, was sie unter Menschen anrichtet. Am Ende rappt der Regisseur: „There ain’t no winner when you’re playing with the gun“ („Es gibt keine Gewinner, wenn Du mit der Knarre spielst“).

 

Rassismus wird ausgeblendet

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Wütenden – Les Misérables“ – packend authentisches Sozialdrama aus der Pariser Banlieue von Ladj Ly

 

und hier eine Besprechung des Films „Beale Street“ – Drama über Diskriminierung Schwarzer in den USA von Barry Jenkins

 

und hier einen Bericht über den Film „Moonlight“ – Coming-of-Age-Drama eines schwarzen Ghetto-Kids von Barry Jenkins, Oscar für den besten Film 2017

 

und hier einen Beitrag über den Film „Nächster Halt: Fruitvale Station“ – Doku-Drama über die Erschießung eines US-Schwarzen von Ryan Coogler

 

Dennoch steht der Film seit der bewaffneten Attacke auf eine Vorführung in Birmingham im November 2019 unter Generalverdacht. Obwohl der Film für zahlreiche Preise nominiert wurde, nahmen ihn britische Kinos und Streaming-Dienste vorübergehend aus ihrem Programm. Dabei ist Onwubolus Intention unverkennbar, vermummte Vorstadt-Kids, die es sonst nur bei Unruhen kurz in die TV-Nachrichten schaffen, aus der Anonymität zu holen, ihnen Profil zu geben und Auswege aus der Gewalt anzumahnen.

 

Trotzdem wirkt er damit unzeitgemäß. In den USA käme heute niemand mehr auf die Idee, den Mikrokosmos „hood“ zu porträtieren, ohne den Rassismus anzusprechen, der solche Verhältnisse im Nachbarschafts-Kiez erzeugt hat – und der sich durch jede Meldung von Gang-Morden auch noch bestätigt fühlt.

 

Erster Star aus Deptford

 

Das und ein paar stilistische Unbeholfenheiten lassen „Blue Story“ im Vergleich zu seinen Vorläufern aus den 1990er Jahren, aber auch aktuelleren Filmen wie „Die Wütenden – Les Misérables“ (2019) von Ladj Ly über die Pariser Banlieue etwas blass und epigonal aussehen. Allerdings bleibt das überzeugende Nachwuchs-Ensemble in Erinnerung und der Umstand, dass mit diesem skandalumwitterten Filmdebüt erstmals ein Immigrantenkind aus Deptford es zu internationalem Ruhm bringt.