Jella Haase + Albrecht Schuch

Berlin Alexanderplatz

Berlin erweist sich für Francis (Welket Bungué) als hartes Pflaster. Fotoquelle: © 2019 Sommerhaus/eOne Germany (Foto: Frédéric Batier)

(Kinostart: 16.7.) Es braust ein Ruf wie Donnerhall: Alfred Döblins Meisterwerk über die Höllenfahrt eines Arbeiters aktualisiert Regisseur Burhan Qurbani als politisch korrektes Problemfilm-Einerlei. Aus ihm sticht nur Albrecht Schuch als brillanter Psychopath heraus.

„Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin (1878-1957) ist ein Jahrhundertroman. Er war für seinen produktiven Autor, der mit vielen Formen experimentierte, der einzige große Erfolg – und zugleich ein literarisches Denkmal seiner Zeit, der wilden Jahre der Weimarer Republik. Das 1929 veröffentlichte Buch eignet sich wie kein anderes die Reizüberflutung in der Moderne an: als übermächtiges Stimmengewirr der Großstadt, das auf den Protagonisten Franz Biberkopf einprasselt. Daran muss der einfache Arbeiter, der nach jahrelanger Haft ein „anständiger Mensch“ werden will, zwangsläufig scheitern.

 

Info

 

Berlin Alexanderplatz

 

Regie: Burhan Qurbani,

183 Min., Deutschland/ Niederlande 2019;

mit: Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch

 

Website zum Film

 

Diese expressionistische Metropolen-Chronik, die ihr Schöpfer mit unzähligen Bezügen auf Literatur- und Kulturgeschichte anreicherte, schreit förmlich nach einer Verfilmung: Viele Romanpassagen sind mit hektisch wechselnden Perspektiven geradezu kinogerecht komponiert. Die erste Adaption von 1931, deren Drehbuch Döblin selbst mitverfasst hatte, geriet zur One-Man-Show für den Hauptdarsteller Heinrich George.

 

Fassbinders düstere TV-Serie

 

1980 verhob sich Regisseur Rainer Werner Fassbinder beim Versuch, der Komplexität des Werks mit monströsem Aufwand gerecht zu werden: Seine 14-teilige TV-Serie mit Günter Lamprecht in der Hauptrolle und mehr als 15 Stunden Laufzeit fiel beim Publikum durch. Es sah schlicht zuwenig: Fassbinders kontrastreiche Bildgestaltung wirkte, besonders bei Innenaufnahmen, auf damaligen Fernsehbildschirmen viel zu dunkel.

Offizieller Filmtrailer


 

Biberkopf als afrikanischer Flüchtling

 

Dass 40 Jahre später eine Neuverfilmung ins Kino kommt, wurde im Vorfeld einhellig begrüßt. Kein anderer Wettbewerbsfilm der diesjährigen Berlinale bekam so viel Presseecho und Vorschusslorbeeren wie „Berlin Alexanderplatz“. Alles an dieser Version erscheint punktgenau aktuell: Als Hauptfigur fungiert nun ein afrikanischer Flüchtling, der unter Drogendealer gerät.

 

Regisseur Burhan Qurbani ist afghanischer Herkunft; mit „Shahada“ (2010) und „Wir sind jung. Wir sind stark.“ (2015) hat er bereits in zwei Spielfilmen das konfliktreiche Zusammenleben von Migranten und Biodeutschen thematisiert. Und die Hauptstädter leiden heftig unter Phantomschmerzen nach dem Verschwinden ihrer gemütlichen Frontstadt in der gentrifizierten Gegenwart.

 

Langatmige Nacherzählung

 

Doch wie das mit Erfolgsformeln häufig so ist: Was sich als Skript perfekt stimmig liest, überzeugt auf der Leinwand kaum – weil die Darsteller hölzern agieren und ihre Dialoge papieren klingen. So ergeht es auch „Berlin Alexanderplatz“ für das 21. Jahrhundert: Der Werdegang von Biberkopf, der nun Francis (Welket Bungué) heißt und bei der Überfahrt übers Mittelmeer seine Geliebte in die See stieß, wird getreulich Station für Station nacherzählt; viel zu zahm und langatmig.

 

Zwar hat Regisseur Qurbani etliche Nebenfiguren des Romans gestrichen, doch es bleiben einige übrig: der Psychopath Reinhold (Albrecht Schuch), dessen dämonischer Ausstrahlung sich Franz/Francis nicht entziehen kann, und sein Chef Pums (Joachim Król), der vom Hehlerbanden- zum Drogenboss mutiert ist. Sowie die Nachtclub-Besitzerin Eva (Anabelle Mandeng), die Franz liebt, und die Edelnutte Mieze (Jella Haase), die ihm ebenso verfällt. Dazu jede Menge Komparsen: Nachtschwärmer, Kleindealer und Flüchtlingsheim-Bewohner.

 

Wie „Berlin Babylon“ im „Wintergarten“

 

Dieses vielköpfige Personal bewegt sich durch seltsam unbelebte Straßen, die an Hannover nach der Sperrstunde erinnern. Obwohl an Originalschauplätzen gedreht, verströmen sie den Reiz einer sorgsam ausgestatteten und schön ausgeleuchteten Kulissenstadt; Berlin als digital gedrechseltes Kunsthandwerk.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mediterranea“ – authentisches Flüchtlings-Drama in Süditalien von Jonas Carpignano

 

und hier eine Besprechung des Films „Styx“eindringliches Flüchtlings-Drama auf hoher See von Wolfgang Fischer

 

und hier einen Bericht über den Film „Love Steaks“ – rasant realistisches Liebesdrama von FOGMA-Regisseur Jakob Lass

 

und hier einen Beitrag über den Film „Ich fühl mich Disco“ – Coming-Out-Komödie in Ostberlin von Axel Ranisch.

 

Insbesondere die zahlreichen Nachtclub-Szenen wirken wie eine ach so verruchte Transvestiten-Show, die mit Requisiten aus „Berlin Babylon“ im „Wintergarten“ einstudiert wird. Hat irgendwer vom Filmteam in den letzten 20 Jahren mal einen Technoclub von innen gesehen?

 

Phänomenale Gangster-Performance

 

Regisseur Qurbani mag sich an das Handlungsgerüst der Romanvorlage halten; ihren fiebrigen, temporeichen und zugleich anspielungsgesättigten Geist fängt er keine Sekunde lang ein. Vielleicht hätte er Berliner mumblecore-Regiekollegen wie Axel Ranisch, Jakob Lass oder Philipp Eichholtz fragen sollen, wie man das macht. Der artifiziellen Studio-Atmosphäre hauchen auch passable Schauspieler-Leistungen von Haase, Król und Mandeng kaum Leben ein. Zumal Welket Bungué als Hauptperson dazu nur seine markante Physiognomie beiträgt.

 

Es gibt genau einen Grund, warum dieser „Berlin Alexanderplatz“ das Anschauen lohnt: Albrecht Schuchs fabelhafte Performance als Kleingangster Reinhold. Wie er seine seelische Versehrtheit und destruktive Intelligenz in diabolischen Charme kleidet; wie er sich windet und verrenkt, meckert und kichert, bis er plötzlich sadistisch zuschlägt – das ist phänomenal. Da könnte selbst Gustav Gründgens als Mephisto neidisch werden. Zurecht erhielt Schuch dafür den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller. Um ihn zu erleben, muss man allerdings drei Stunden politisch korrektes Problemfilm-Einerlei ertragen.