Rosamund Pike + Sam Riley

Marie Curie – Elemente des Lebens

Ein Leben vor und für den Bunsenbrenner: Marie Curie (Rosamund Pike) arbeitet besessen an der Entdeckung neuer Elemente. Foto: Studiocanal Filmverleih

(Kinostart: 16.7.) Mit einer Phiole Radium ins Bett gehen: Die zweifache Nobelpreisträgerin widmete sich Tag und Nacht der Physik. Ihre Idealisierung vermeidet Regisseurin Marjane Satrapi, doch ihr facettenreiches Biopic krankt ein wenig an überflüssigen Aktualisierungen.

Manche Filmstoffe scheinen einfach in der Luft zu liegen. 2016 versuchte sich die französische Regisseurin Marie Noëlle an einem Biopic über Marie Curie, das einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Leben erzählte leider wenig geglückt. Dass nach nur vier Jahren schon der nächste Spielfilm über die legendäre Wissenschaftlerin in die Kinos kommt, dürfte vor allem am heutigen Zeitgeist liegen, der für außergewöhnliche Leistungen von Frauen sensibilisiert ist.

 

Info

 

Marie Curie – Elemente des Lebens

 

Regie: Marjane Satrapi,

103 Min., Großbritannien 2019;

mit: Rosamund Pike, Sam Riley, Aneurin Barnard

 

Weitere Informationen

 

Neben Curies Entdeckung der chemischen Elemente Radium und Polonium, wofür sie zwei Nobelpreise 1903 und 1911 erhielt, hat ihr Leben zudem noch erschütternde Dramen und Intrigen zu bieten. Das versucht die exiliranische Regisseurin Marjane Satrapi herauszuarbeiten; sie landete mit „Persepolis“ über ihre Kindheit im Mullah-Regime als Comic (2000/3) und Film (2007) einen Welterfolg.

 

Hospital-Phobie durch Mutters Tod

 

Das Biopic ist halbwegs chronologisch angelegt. Es zeigt anfangs die kleine Marie beim Besuch ihrer Mutter in einem Warschauer Krankenhaus; wenig später stirbt sie, was dem Mädchen eine lebenslange Hospital-Phobie einbringen wird. Zugleich suggeriert diese Szene die Ursache von Maries Forscherdrang; dann springt die Handlung abrupt, wie noch öfter im Verlauf des Films, mehrere Jahre voran.

Offizieller Filmtrailer


 

Vom Labor zum Traualtar

 

1891 wird Marie Skłodowska (quasi strahlend: Rosamunde Pike), so ihr Mädchenname, an der Pariser Sorbonne aufgenommen; im damals dreigeteilten Polen ist Frauen ein Studium generell nicht gestattet. Hartnäckig fordert die brillante junge Frau vom Dekan der Uni zunächst erfolglos immer mehr Mittel für ihre Experimente – bis ihr Pierre Curie (Sam Riley) über den Weg läuft, der sich von ihrem scharfen Verstand nicht einschüchtern lässt und ihr einen Platz in seinem Labor anbietet. Anfangs ist Marie skeptisch, doch allmählich nähern sich beiden durch ihre Arbeit einander an, was der Film sehr nachvollziehbar zeigt.

 

Fast zärtlich gleitet dabei die Kamera über schön ausgeleuchtete Laboreinrichtungen und die daran eifrig auf Augenhöhe Forschenden, deren gemeinsame Tätigkeit in eine gleichberechtigte Ehe führen wird. Dabei zerstampft Marie genau wie ihr Mann in mühevoller Knochenarbeit zentnerweise Pechblende, um daraus Radium zu extrahieren. Als dann 1903 nur ihr Mann zur Vergabe des Nobelpreises eingeladen wird, trifft sie das tief, obwohl er in seiner Dankesrede sie als treibende Kraft klarstellt.

 

Radium-Euphorie mit Gesichtscremes

 

Nach diesem ersten Höhepunkt werden nun weitere wichtige Ereignisse abgearbeitet: der tragische Unfalltod Pierre Curies, ihre Berufung zur ersten Professorin an der Sorbonne, ein Ehebruch-Skandal und der zweite Nobelpreis. Dabei bemüht sich Regisseurin Satrapi um eine facettenreiche Darstellung ihrer Hauptfigur: nicht zur perfekten Wissenschaftlerin, Gattin und Mutter idealisiert, sondern als Frau mit Schwächen, die für ihre Forschung mitunter auch ihre beiden Töchter vernachlässigt. Dennoch wird die ältere, Irène Joliot-Curie, später in ihre Fußstapfen treten.

 

Als Curies eigentliches Wunschkind präsentiert der Film aber das Radium. Marie nimmt die radioaktive Substanz in einer grün leuchtenden Phiole sogar als Talisman mit ins Bett, da sie nichts von seiner schädlichen Wirkung ahnt. Zunächst kommt es zur allgemeinen Radium-Euphorie mit entsprechenden Gesichtscremes und Streichhölzern; als Gefahren für die Gesundheit bekannt werden, verkehrt sich die öffentliche Begeisterung ins Gegenteil.

 

Störende Aktualisierungen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Marie Curie“ – etwas klitschiges Helden-Epos über die Nobelpreisträgerin von Marie Noëlle

 

und hier einen Bericht über das exil-iranische Melodram „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ – Biographie des Physik-Genies Stephen Hawking von James Marsh

 

Dann wird Marie, nachdem sie ihre Stelle an der Sorbonne angetreten hat, zum Opfer einer medialen Schlammschlacht: Ihre Affäre mit dem verheirateten ehemaligen Assistenten ihres verstorbenen Ehemanns ist ruchbar geworden. Damals unerhört; in der nationalistischen Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg mutiert die geachtete Nobelpreisträgerin flugs zur geächteten ausländischen Ehebrecherin.

 

Dieser Episode sowie Curies Einsatz im Krieg, als ihre Erfindung einer mobilen Röntgeneinheit für den Fronteinsatz vielen Soldaten Gliedmaßen und Leben rettet, gibt der Film viel Raum – wobei er versucht, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Solche gewollten Aktualisierungen stören den Erzählfluss ebenso wie eingestreute Traumsequenzen mit Vorahnungen auf Auswirkungen der Radioaktivität wie Strahlentherapie oder die Atombombe. Sie wirken deplatziert; auch wenn sie in der Graphic Novel, die als Vorlage diente, ihre Berechtigung haben mögen.

 

Flut animierter Atome

 

Da macht sich Satrapis künstlerische Herkunft als Comiczeichnerin bemerkbar; ebenso, wenn zur Illustration von Maries wissenschaftlichen Erläuterungen plötzlich computeranimierte Atome die Leinwand füllen. Das ist, wie der ganze Film, schön anzuschauen – doch bei all diesen Einfällen und Abschweifungen geht die Hauptfigur ein wenig unter.