Gael García Bernal

Ema

Ema (Mariana Di Girolamo) und ihre Mädchen-Gang leben ihre unbändige, jugendliche Kraft im Reggaeton aus – dem Tanz der Straße und der Jugend. Foto: © Koch Films

(Kinostart: 22.10) Femme fatale als Männerfantasie: Eine junge Chilenin rebelliert mit Flammenwerfer, Tanz und Sex. Regisseur Pablo Larraín, berühmt für bestechende Film-Analysen seines Landes, hat einen überlangen Videoclip gedreht, der eher kalt lässt.

Burn, baby, burn: Immer wieder brennt es in der Hafenstadt Valparaíso an der chilenischen Pazifikküste. Ampeln oder Autos gehen nachts in Flammen auf – in Brand gesteckt von einer zarten jungen Frau mit platinblondem Haar. Sie wird getrieben von großer Wut und noch größerem Freiheitsdrang. Die impulsive Tänzerin Ema (Mariana Di Girolamo) rebelliert mit dem Flammenwerfer gegen ihre ganze Welt.

 

Info

 

Ema

 

Regie: Pablo Larraín,

107 Min., Chile 2020;

mit: Gael García Bernal, Mariana Di Girolamo, Santiago Cabrera 

 

engl. Website zum Film

 

Gegen ihren Ehemann Gastón (ein in dieser Rolle erstaunlich alt wirkender Gael García Bernal), dessen zeitgenössische Choreographien ihr zu brav werden. Gegen die gesellschaftlichen Konventionen darüber, was eine gute Mutter und eine normale Familie ausmacht. Und vor allem gegen das Jugendamt, das ihr jeglichen Kontakt zu ihrem früheren Adoptivsohn Polo verbietet.

 

Destruktiv degenerierende Dialoge

 

Nachdem der Achtjährige Emas Schwester schwer verletzt hatte, machte sie seine Adoption spontan rückgängig – was sie kurz danach schon wieder bereut und ungeschehen machen möchte. Doch es ist zu spät. Von ihrer Umgebung wird Ema als Monster betrachtet, die sich im Kreise drehenden Dialoge mit Gastón degenerieren auf beiden Seiten ins Destruktive.

Offizieller Filmtrailer


 

Reggaeton als neue Leidenschaft

 

Also tritt Ema die Flucht nach vorn an, wechselt ihren Ehemann gegen eine Girlgang aus und fängt diverse Affären mit Männern und Frauen an – nicht zu vergessen der Flammenwerfer, der nun häufig zum Einsatz kommt. Außerdem entdecken Ema und ihre chicas den Reggaeton als neue Leidenschaft für sich. Diese sehr körperbetonte Musik mit meist vulgären Texten bietet den eingängigen Rhythmus, zu dem Lateinamerikas Jugend tanzt.

 

Der Chilene Pablo Larraín zählt zweifellos zu den am meisten profilierten Autorenfilmern des Kontinents. In früheren Filmen wie „¡No!“ (2012), „El club“ (2015) oder „Neruda“ (2016) sezierte er mit analytischem Blick und mitreißender Verve die Vergangenheit seines Landes. Die von der Pinochet-Diktatur hinterlassenen Verheerungen bilden das Grundthema fast aller seiner Werke.

 

Femme fatale als Männerfantasie

 

Mit „Ema“ nimmt sich Larraín nun zum ersten Mal einen aktuellen Stoff vor, der ohne politische Bezüge auskommt. Seine eigenwillige Tänzerin tritt als schillernde Figur auf, deren viele Facetten allerdings disparat wirken. Ema ist mehr Konstrukt als Charakter; eine zeitgenössische Femme fatale, die mit ihren Verführungskünsten ohne Rücksicht auf emotionale Verluste manipuliert. Letztlich ist diese Gestalt vor allem eine attraktive Pose – und damit im Grunde eine Männerfantasie.

 

Neben dieser Überfrau wirken alle anderen Akteure wie Statisten. Das gilt vor allem für das Adoptivkind, das angeblich Emas Rebellion auslöst – aber seine Perspektive wird schlicht ausgeblendet. Es sei eben einfach nicht genug geliebt worden, lautet die zu simple Diagnose.

 

Move your ass, your mind will follow

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter“ – überraschendes Drama über gewalttätiges Adoptivkind von Katrin Gebbe mit Nina Hoss

 

und hier eine Besprechung des Films „Neruda“ – grandioses Biopic über Chiles Nationaldichter mit Gael García Bernal von Pablo Larraín

 

und hier einen Bericht über den Film „El Club“ – beklemmendes Drama über pädophile Priester in Chile von Pablo Larraín

 

und hier eine Kritik des Films „Systemsprenger“– Drama über schwer erziehbares Kind von Nora Fingscheidt, prämiert mit Silbernem Bären 2019

 

und hier einen Beitrag über den Film „¡No!“ – packendes Polit-Drama über das Ende der Pinochet-Diktatur in Chile von Pablo Larraín.

 

Dagegen zeigen Filme wie „Systemsprenger“ (2019) oder jüngst „Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter“ eindrücklich, wie komplex die Situation und Charaktere von traumatisierten und dadurch gewalttätigen Kindern sind. Ganz abgesehen davon, dass es auch in Chile nicht so leicht sein dürfte, eine Adoption mal eben so rückgängig zu machen – oder das wiederum zurückzunehmen.

 

Nur interessieren den Regisseur solche Realitäten nicht wirklich. Im Zentrum seines Films steht vielmehr Emas sexuelle Befreiung als Lösung aller Probleme. Selbst der Tanz ist da nur schmückendes Beiwerk, zuständig für cool and sexy looks. Als YouTube-Videoclip mag das hervorragend funktionieren; auf 100 Minuten gestreckt wirkt es jedoch ermüdend statt mitreißend.

 

Leidenschaft bleibt Behauptung

 

Diese Kopfgeburt kann auch eine exquisite Optik nicht retten: Bild, Schnitt, Sound, Setdesign und Kostüme sind wie in allen Filmen Larraíns virtuos gestaltet. Und die quirlige Hafenstadt Valparaíso mit ihren Hügeln, bunten Häusern und altertümlichen Aufzügen gibt zweifellos einen pittoresken Schauplatz ab.

 

Doch trotz all dieser Zutaten bleibt die ganze ausgiebig zelebrierte Leidenschaft und Fiebrigkeit letztlich Behauptung, ohne die Zuschauer emotional sonderlich zu berühren. Dazu fehlt es „Ema“ wegen all ihrer Künstlichkeit schlicht an echtem Schmerz.