Lee Isaac Chung

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Jacob (Steven Yeun, Mitte) zieht mit seiner Frau Monica (Yeri Han, hinten l.) und den gemeinsamen Kindern David (Alan S. Kim) und Anne (Noel Cho) nach Arkansas. Foto: © Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

(Kino-Start: 15.7.) Ein Kraut aus Korea als Symbol: Lee Isaac Chungs Oskar-prämierter Film erzählt die Geschichte einer koreanischen Einwandererfamilie, die als moderne Pioniere im amerikanischen Süden Wurzeln schlagen – wie Koreanische Petersilie, die am Ende alles überwuchert.

Anfang der Achtzigerjahre zieht David Yi mit seiner Familie von Kalifornien nach Arkansas. Seine aus Korea eingewanderten Eltern arbeiten als „Kükensexer“: Sie bestimmen das Geschlecht junger Hühner. Aber Vater Jacob (Steven Yeun) hat ehrgeizige Pläne. Das neue Haus im ländlichen Süden ist zwar – zur Enttäuschung seiner Frau Monica (Han Ye-ri) – nur ein besserer Trailer, doch das dazugehörige Land ist fruchtbar, und so will Jacob als Landwirt etwas dazuverdienen. Da er weiß, dass nach wie vor Landsleute in die Vereinigten Staaten kommen, setzt er auf koreanisches Gemüse.

 

Info

 

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

 

Regie: Lee Isaac Chung,

115 Min., USA 2020;

mit: Steven Yeun, Alan Kim, Yuh-Jung Youn 

 

Weitere Informationen zum Film

 

Unterstützung bekommt er ausgerechnet vom ortsansässigen Korea-Kriegs-Veteranen Paul (Will Patton). Der geht Jacob zwar mit seinem religiösen Getue auf die Nerven, erweist sich für den unerfahrenen Farmer aber als unverzichtbare Hilfe. Während David und seine ältere Schwester Anne (Noel Kate Cho) sich an die neue Umgebung gewöhnen, taucht ihre Großmutter Soon-ja (Yoon Yeo-jeong) auf und teilt fortan das Leben der Kleinfamilie.

 

Das Kraut der Heimat

 

Soon-ja ist allerdings nicht die Oma, die David sich gewünscht hätte: Sie kann weder backen noch kochen, trägt Männerunterwäsche, und ihre wahre Leidenschaft gilt dem Kartenspiel. Und sie ist auch eine Kräuterhexe: Der wegen eines Herzfehlers überfürsorglich behütete David muss nun allerlei seltsames Gebräu zu sich nehmen. An einem Bach baut Soon-ja das Minari-Kraut aus ihrer Heimat an; am Ende des Films ist der Bach überwuchert – unschwer zu deuten als Symbol für die Fähigkeit, sich in einer neuen Umgebung durchzusetzen.

Offizieller Filmtrailer


 

Die kindliche Perspektive

 

Davon abgesehen fährt der autobiographisch eingefärbte Film von Regisseur Lee Isaac Chung keine allzu schweren intellektuellen Geschütze auf: Er konzentriert sich auf die emotionalen Schlüsselmomente im neuen Leben der Familie und lässt dabei enge Bildausschnitte und Großaufnahmen für sich sprechen; oft sind Personen einfach in stiller Betrachtung zu sehen. Der Film besticht mit seinem lakonischen Erzählton, größtenteils aus Davids kindlicher Perspektive. Dass Paul im Korea-Krieg gedient hat, wird nur beiläufig erwähnt. Rassismus schimmert kurz auf, wird aber nie zur Gefahr.

 

Chung legt in seinem Film ganz andere Schwerpunkte: zum Beispiel auf Davids Verhältnis zur Großmutter oder das Schicksal der männlichen Küken. Oder auf Paul, der denselben Gott anbetet wie David und seine Familie – aber verwirrend anders: Paul geht nicht in die Kirche wie sie – stattdessen schleppt er Sonntags ein Kreuz mit sich herum. Nach dem Schlaganfall der Großmutter nimmt das Drama allmählich seinen Lauf und wächst zur existentiellen Bedrohung heran.

 

Eine christlich-amerikanische Musterfamilie

 

Nebenbei erzählt der Film noch einmal die Geschichte des amerikanischen Pioniertraums – zeitgemäßer, aber auch nicht frei von Verklärung. Die Kamera von Lachlan Milne vermeidet die weiten Totalen und die Landschaftsverherrlichung der klassischen Western: Das Land wird hier eher als indifferent, eng und abweisend inszeniert. Es muss bearbeitet, gelockert und gewässert werden, bevor die Familie Wurzeln schlagen kann.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bis dann mein Sohn“bewegendes Familien-Epos aus China von Wang Xiaoshuai

 

und hier eine Besprechung des Films „Parasite“ – gallige Sozialsatire aus Südkorea von Bong Joon-ho, prämiert mit Goldener Palme 2019

 

und hier einen Bericht über den Film „Shoplifters – Familienbande“ – Porträt einer japanischen Prekariats-Familie von Hirokazu Kore-Eda, Gewinner der Goldenen Palme 2018

 

Asiatische Einwanderer waren im traditionellen Siedlerdrama bestenfalls für Handreichungen zuständig, hier stehen sie im Mittelpunkt der Geschichte. Lange genug wurden Minoritäten im amerikanischen Narrativ marginalisiert, und so hat die Academy im Sinne ihrer neuen Sensibilität den Film für sechs Awards nominiert, von denen schließlich einer an Yoon Yeo-jeong, die Darstellerin der Soon-ja, ging. Der vom Sundance-Festival bis zu den Golden Globes ungebrochene Konsens mag auch daher kommen, dass „Minari“ einen überaus versöhnlichen Ton anschlägt – die Yis empfehlen sich als christlich-amerikanische Musterfamilie.

 

Dennoch geht „Minari“ weit über das koreanisch-amerikanische Thema hinaus. Mit seiner ebenso schlichten wie mitunter ergreifenden Bildsprache verhandelt der Film am konkreten Beispiel eine universale menschliche Erfahrung. Obwohl die Geschichte fast ohne Krieg, Flucht, Tod und Trauma auskommt, erteilt sie eine eindringliche Lektion: Wer alles hinter sich gelassen hat, für den geht es im weiteren Leben um alles.