
„Bist du echt?“ – diese Frage stellt Petrow, die Hauptfigur in Kirill Serebrennikows Film, mehrmals den Menschen um ihn herum. Kurz vor dem Jahreswechsel tapert der wenig erfolgreiche Comiczeichner und (Über-)Lebenskünstler grippig angeschlagen durch seine Heimatstadt Jekaterinburg, in sowjetischen Zeiten Swerdlowsk genannt, kurz hinter dem Ural. Eigentlich will er nur mit dem Bus nach Hause zu Exfrau und Kind, die sich ebenfalls nicht wohl fühlen. Das Fahrzeug ist überfüllt und die ältliche resolute Schaffnerin als „Schneeflöckchen“ kostümiert, die traditionelle Assistentin von „Väterchen Frost“. Man beschwert sich über korrupte Politiker, ein alter Mann schüttet seinen Frauenhass über einem wehrlosen neunjährigen Mädchen aus, bis junge Männer ihn aus dem Bus zerren und verdientermaßen verprügeln.
Info
Petrov's Flu – Petrow hat Fieber
Regie: Kirill Serebrennikow,
145 Min., Russland 2022;
mit: Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, Vladislav Semiletkov
Weitere Informationen zum Film
Fieber und Drogen
Vorlage für diesen gut zweieinhalbstündigen Fiebertrip ist der gleichnamige, symphonisch komponierte Roman von Alexej Salnikow (Originaltitel: „Die Petrows haben Grippe“), dem bereits die Erfindung eines neuen Genres attestiert wurde: des Fieberromans. Als Vorläufer darf etwa ein Werk wie der drogenlastige, 1971 veröffentlichte Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“ von Hunter S. Thompson gelten, den Regisseur Terry Gilliams 1998 verfilmte.
Offizieller Filmtrailer
Theater auf der Filmbühne
Serebrennikow jedoch zieht in seiner Adaption alle kinematographischen Register – mit heute nur noch selten verwendeten Stilmitteln: lange, sparsam geschnittenen Einstellungen oder Kostüm- und Szenenwechsel direkt auf der Leinwand. Der Regisseur nutzt verschiedene Filmformate und handgezeichnete Animationen – und das alles dem Vernehmen nach ohne Hilfe von Computertechnik.
Das Geschehen wird von der Musikauswahl mal illustriert, mal kommentiert – eine nicht nur im Film „Leto“ (2018), sondern auch in seinen Theaterinszenierungen hervorstechender Kunstgriff von Serebrennikow. Und ein Kraftakt, nicht nur für die hervorragenden Akteure, sondern auch für den Regisseur: Der stand während der Dreharbeiten wegen angeblichen Steuerbetrugs in Moskau vor Gericht – was dem Film aber nicht anzumerken ist.
Virus aus der Vergangenheit
Der Film wirkt in mancher Hinsicht wie ein Abgesang auf seine russische Heimat – Serebrennikow lebt inzwischen in Berlin – die der Hauptfigur Petrow (Semyon Serzin) und vor allem seinem erfolglosen Schriftstellerfreund Sergey (gespielt von Popstar Ivan Dorn) nichts mehr zu bieten hat. Der lässt sich von Petrow beim Selbstmord assistieren, während dieser für seinen geliebten Sohn und die Exfrau (Chulpan Khamatova) weiterleben muss. Die Ex arbeitet als Bibliothekarin und entwickelt brutale Mordfantasien über ihre misogynen Kunden, aber auch über ihren Sohn – was in Manga-inspirierten Szenen genüsslich verstörend dargestellt wird.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Leto" - brillanter Film über spätsowjetische Jugendkultur von Kirill Serebrennikow
und hier einen Beitrag über den Film "Der die Zeichen liest – Uchenik" – eindrucksvolle russische Charakterstudie über religiösen Fanatismus von Kirill Serebrennikow
und hier eine Besprechung des Films "Die Sanfte" – wuchtige Parabel über Russland als Gefängnis von Sergei Loznitsa
und hier einen Bericht über den Film "The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem" - skurril-schräge SciFi-Groteske von Monty-Python-Altmeister Terry Gilliam.
Nackter Widerstand
In diesen räumlich begrenzten Kosmos wird man unversehens immer weiter hineingezogen und hofft für alle Protagonisten auf irgendeine Art Erlösung aus ihren scheinbar unentrinnbaren Sackgassen: des Provinzlebens, der allgemeinen Perspektivlosigkeit oder des Lebens schlechthin. Die Passagen aus der Vergangenheit bergen noch eine gewisse Leichtigkeit, wenn man sieht, wie Petrows Eltern in der Wohnung meistens nackt sind – und so immerhin im Privaten widerständig. Der kleine Petrow freut sich indessen auf das Jolkafest – das sowjetische Weihnachtsfest ohne christlichen Bezug – im Kulturhaus, misstraut aber bereits seiner Wahrnehmung.
Dieses ineinander verschmelzende Wechselspiel zwischen Erinnerung, Traum und subjektiv erlebter Realität erinnert auch an klassische russische Literatur, wie manche Erzählungen von Gogol mit ihrer leise surrealen Komik; ohne die das Ganze auch schwer erträglich wäre. „Petrov’s Flu“ ist ein Fiebertrip, den man schwer vergisst und der bei mehrmaligem Ansehen noch gewinnt. Das ist selten geworden.