
Leon (Thomas Schubert) und Felix (Langston Uibel) sind auf dem Weg an die Ostsee. Im Ferienhaus von Felix’ Eltern wollen die Berliner Mittzwanziger ein paar Tage Urlaub machen und zudem an ihren jeweiligen Projekten feilen: Felix arbeitet an einer Bewerbung für ein Fotografiestudium, Leon muss dringend den ersten Entwurf seines zweiten Romans fertigstellen. Sein Verleger (Matthias Brandt) hat sich bereits angekündigt, um das Manuskript mit ihm durchzusprechen.
Info
Roter Himmel
Regie: Christian Petzold,
103 Min., Deutschland 2023;
mit: Thomas Schubert, Paula Beer, Langston Uibel u.a.
Weitere Informationen zum Film
Gefangen im Wolckenkuckucksheim
Denn Leon scheint tatsächlich in seinem „Mind“ gefangen: einem Wolkenkuckucksheim, in dem er ein bedeutender Schriftsteller ist – und von dem aus er mit Unsicherheit und Arroganz auf seine Umgebung blickt. Felix wirkt dagegen ganz bei sich, emotional elastisch und seinen Mitmenschen zugewandt.
Offizieller Filmtrailer
Unerwartete Gesellschaft
Bald gibt das Auto tatsächlich den Geist auf. Die beiden müssen zu Fuß weiter, zur besseren Orientierung vorübergehend getrennt. Die Kamera bleibt bei Leon, und plötzlich wähnt sich der Zuschauer in einem Horrorfilm: Laut knacken die Äste, dazu hallt Tiergeschrei durch den Wald. Dann donnert auch noch ein Flugzeug über ihn hinweg. Letzteres werden sie in diesen Tagen noch öfter erleben. Seit Wochen hat es nicht geregnet, ganz in der Nähe brennt der Wald; die Löschflugzeuge sind im Dauereinsatz.
Doch prompt folgt ein weiterer Genrewechsel. So unvermittelt wie die Anmutung von Grusel kam, verfliegt sie wieder. Felix hat die Abkürzung durch den Wald gefunden; bald stehen die beiden vor ihrem Ferienhaus auf einer idyllischen Lichtung. Blöderweise hat Felix’ Mutter ein Zimmer an Nadja (Paula Beer) vermietet, ohne ihrem Sohn Bescheid zu sagen. Die jobbt in dem Seebad als Eisverkäuferin, genießt den Sommer und hat sich zudem einen Bettgefährten angelacht, den Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs), mit dem sie sich lautstark vergnügt.
Schriftstellerpose und Schreiblockade
Das bringt Leon, der schon angefressen ist, weil er sich das Zimmer mit Felix teilen muss, dem Durchdrehen noch näher. Schließlich er ist hier, um zu arbeiten – was er bei jeder sich bietenden Gelegenheit betont. Dass sein Roman nicht der große Wurf ist, ahnt er selbst. Seine Stoffeligkeit verstärkt das nur. Dass er sich zudem ein bisschen in die so freundliche wie enigmatische Nadja verguckt hat, würde er sich wohl nicht einmal selbst eingestehen.
Sobald seine Mitbewohner am Strand sind und das Publikum für seine Schriftsteller-Pose fehlt, schlägt Leon völlig sinnlos die Zeit tot. Wie einst Jack Nicholson im Horror-Klassiker „Shining“ (1980) von Regisseur Stanley Kubrick feuert er immer wieder einen Tennisball an die Wand – zumindest, bis er Felix kommen hört und zurück an seinen Arbeitsplatz eilt. Sein Umfeld begegnet ihm mit bemerkenswerter Gelassenheit. Warum sich an den Neurosen anderer aufreiben, in diesen perfekten Tagen?
Psychogramm eines Möchtegern-Autors
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Undine" – ergreifendes Liebes-Drama von Christian Petzold mit Paula Beer
und hier eine Besprechung des Films "Transit" – Flüchtlings-Melodram von Christian Petzold mit Paula Beer
und hier einen Bericht über den Film "Phoenix" – komplexes KZ-Überlebenden-Drama von Christian Petzold
und hier einen Beitrag über den Film "Call me by your Name" – atmosphärisch dichte schwule Sommer-Liebesgeschichte in den 1980ern von Luca Guadagnino.
Zugleich bleibt der Film eine leichtfüßige Komödie über sozialen Dünkel, unausgesprochenes Begehren und ungelebtes Leben. Manchmal wird er aber auch zu einem erbarmungslosen Psychogramm des selbstbezogenen Möchtegern-Autors Leon. Dass er das zumindest als Problem erkennt, legt seine Mimik nahe. Sympathisch wirkt er deswegen nicht, aber irgendwie liebenswert.
Die Rückkehr des Horrors
Nach „Undine“ (2020) ist „Roter Himmel“ der zweite Teil einer Trilogie, mit der sich Petzold nach eigener Auskunft der deutschen Tradition der Romantik annimmt. Das Unheimliche, das sich immer wieder, mal deutlich, mal unterschwellig, durch Petzolds Filme zieht – ob im Nachwende-Drama „Yella“ (2007) oder der abgründigen Nachkriegsgeschichte „Phoenix“ (2014) –, scheint in diesem Film dennoch etwas heruntergedimmt.
Das Komödiantische ist dagegen präsenter denn je. Und als der Horror in den letzten Filmminuten dann doch noch zurückkehrt, auf eine einerseits erwartbare, aber ganz beiläufige Weise, entfaltet das bemerkenswerte Wucht.