Christian Petzold

Undine

Undine (Paula Beer) nimmt sich im Schwimmbad ihren Ex-Freund vor. Foto: © Schramm Film/ Christian Schulz

(Kinostart: 2.7.) Gefühlsrausch unter Wasser: Mit ihrem neuen Geliebten lehnt sich Paula Beer als Wassergeist gegen einen fatalen Mythos auf. Regisseur Christian Petzold verwebt Legende und Gegenwart zur ergreifend schönen Geschichte einer unmöglichen Liebe.

Eine Frau und ein Mann sitzen sich in einem Café gegenüber und schweigen. Es ist kein angenehmes Schweigen in stiller Eintracht, sondern eines, das entsteht, wenn die Sprache wegbleibt. Wie hier: Der Mann hat der Frau gerade erzählt, dass er eine neue Geliebte habe und die Beziehung beenden möchte. Doch dann entgegnet sie mit ruhiger Stimme: „Wenn du mich verlässt, bringe ich dich um“. Ihre Worte wirken wie die reflexhafte Übertreibung einer verletzten Seele – doch ihre Augen lassen keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meint.

 

Info

 

Undine

 

Regie: Christian Petzold,

92 Min., Deutschland 2019;

mit: Paula Beer, Franz Rogowski,

Jakob Matschenz

 

Website zum Film

 

Diese Anfangsszene ist so stark, weil sie ambivalent ist: Ist das jetzt die Ruhe vor oder nach dem Sturm? Richtig beantworten lässt sich diese Frage bis zum Schluss nicht – denn der Film des Regisseurs Christian Petzold pendelt stetig zwischen dem, was zu sehen ist, und dem, was verschwiegen wird.

 

Angestellte Stadthistorikerin

 

Atmosphäre ist hier alles. Die wird nicht nur von den poetischen Bildern erzeugt, sondern vor allem vom Mienenspiel der Protagonisten; allen voran Undine (Paula Beer), deren Gesicht immer wieder in Nahaufnahme zu sehen ist. Sie spielt eine schizophrene Figur – hat sie doch, wenn sie nicht gerade beängstigende Worte wählt, ihr Leben fest im Griff: Undine lebt in Berlin, ist Kunsthistorikerin und verdient ihr Geld mit Vorträgen über die Geschichte der Hauptstadt. Doch sie hat auch eine ganz andere Seite.

Offizieller Filmtrailer


 

Bleiben oder sterben

 

Das Antlitz der Schauspielerin, die für ihre Rolle bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären prämiert wurde, deutet dabei immer wieder an, wie sehr sie von unsichtbaren Kräften getrieben ist. Offenbar scheinen diese Kräfte ständig wiederzukehren, wie die stets nur angedeutete Melodie eines Cembalo-Konzerts von Johann Sebastian Bach.

 

Wie sich bald herausstellt, handelt es sich bei diesen Kräften nicht nur um zerstörte Liebe, sondern auch um die eines jahrhundertealten Mythos. Demnach ist Undine ein jungfräulicher Wassergeist, der nur durch die Liebe eines Menschen eine Seele erhalten und damit ein irdisches Leben führen kann. Wird sie von jemanden verlassen, muss sie diese Person töten, sonst ist sie für immer verflucht. Doch wie in der Erzählung „Undine geht“ der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die 1961 ebenfalls den Mythos aufgriff, versucht auch Petzolds Figur, sich von diesem Fluch zu emanzipieren.

 

Gemeinsam im See abtauchen

 

Undine trifft nur ein paar Stunden, nachdem ihr Freund sie verlassen hat, im selben Café Christoph (Franz Rogowski) und verliebt sich sofort in ihn. Wie auch in seinen früheren Filmen, zuletzt etwa im hochgelobten Flüchtlings-Drama „Transit“ (2018) nach einem Roman von Anna Seghers, überlässt Petzold auch diesmal nichts dem Zufall. Die dicht konstruierte Handlung ist voller Anspielungen auf den Mythos, vor allem auf Wasser als Leitmotiv.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Christian Petzold über seinen Film „Undine“

 

und hier eine Rezension des Films „Transit“ – mitreißendes Flüchtlings-Melodram nach Roman von Anna Seghers mit Paula Beer und Franz Rogowski von Christian Petzold

 

und hier einen Bericht über den Film „Phoenix“ – komplexes KZ-Überlebenden-Drama von Christian Petzold

 

und hier einen Beitrag über den Film „In den Gängen“poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Franz Rogowski

 

Bereits bei ihrer ersten Begegnung liegen Undine und Christoph nebeneinander in der Pfütze eines Aquariums, das kurz zuvor zu Bruch gegangen ist. Dann stellt sich heraus, dass Christoph Industrietaucher ist; nur wenige Tage später tauchen die beiden gemeinsam in einem See. Die Unterwasser-Aufnahmen, bei denen sich die beiden ballettartig durch grünliches Wasser und amorphe Wasserpflanzen bewegen, wirken nicht weniger surreal als die Szenen in Berlin.

 

Trockene Stelle im Sumpf

 

Die Hauptstadt wird durch trübe Farbfilter und reduzierte Bild-Ausschnitte zu einem entrückt märchenhaften Ort verfremdet; und somit ebenfalls zu einem Teil des Wasser-Leitmotivs. So erwähnt Undine bei einem ihrer Vorträge die vermeintliche sprachliche Herkunft des Wortes Berlin. Es stammt aus dem Slawischen und bedeutet: „trockene Stelle im Sumpf“. Das wiederum ließe sich auch als Anspielung auf die Handlung verstehen: Die Liebe zwischen den Beiden scheint auf keinem festen Fundament zu ruhen und droht, in der zweiten Filmhälfte zu versinken.

 

Es ist der Gegensatz zwischen diesem abstrakten, bisweilen sehr melancholischen Gefühl des Versinkens einerseits und der sehr konkreten Geschichte einer (unmöglichen) Liebe andererseits, was diesen Film zu etwas sehr Besonderem macht – und das oft klischeeverseuchte Thema der Liebe in ein zeitgenössisches Gewand kleidet.