Jean Dujardin

Auf dem Weg – 1300 Kilometer zu mir

Der Abenteurer Pierre (Jean Dujardin) ist am Ziel seiner Wanderung in der Normandie angekommen - hier läuft er am Mont St. Michel vorbei. Foto: X Verleih
(Kinostart: 30.11.) Von Mittelmeer bis zum Ärmelkanal: Um nach einem Unfall zu sich selbst zu finden, durchquert ein Reiseschriftsteller ganz Frankreich zu Fuß. Zwar fängt Regisseur Denis Imbert eindrucksvolle Landschaften ein, doch ansonsten ist der Film zu sehr auf seine Hauptfigur fixiert.

Wandern ist angesagt. Sein etwas angestaubtes Image hat diese entschleunigte Art des Reisens längst abgelegt. Zu Fuss unterwegs zu sein gilt als heilsames Antidot für unsere zunehmend digitalisierte Lebenswelt: Ein Schritt folgt auf den anderen. Abkürzen geht nicht.

 

Info

 

Auf dem Weg - 1300 Kilometer zu mir

 

Regie: Denis Imbert,

95 Min., Frankreich 2023;

mit: Jean Dujardin, Izïa Higelin, Jonathan Zaccaï

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Renaissance des Wanderns hat in Film und Literatur ein eigenes Genre hervorgebracht. Hierzulande landete Entertainer Hape Kerkeling 2006 mit „Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg“ einen Mega-Bestseller; Julia von Heinze verfilmte 2015 seinen spirituell grundierten Erlebnisbericht. In den USA porträtierte Regisseur Jean Marc Vallée im Film „Der große Trip – Wild“ 2014 eine junge Frau, die mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpfte – und mit dem 2000 Kilometer langen Pacific Crest Trail von der kanadischen zur mexikanischen Grenze.

 

Entlang der Diagonale der Leere

 

Diese häufig autobiographischen Geschichten verbindet, dass ein Mensch Kraft der eigenen Beine eine Krise überwindet und zu sich selbst findet. In dieselbe Kerbe schlägt nun der französische Film „Auf dem Weg“ von Regisseur Denis Imbert: Reiseschriftsteller Pierre (Jean Dujardin) verlässt das Krankenbett für eine lange Wanderung von der Provence im Südosten bis an die Küste der Normandie im Nordwesten. Entlang der „Diagonale du vide“ („Diagonale der Leere“): So nennt man eine Schneise quer durch Frankreich, die wegen langjähriger Landflucht sehr dünn besiedelt ist.

Offizieller Filmtrailer


 

Beim Fassadenklettern abgestürzt

 

Inspiriert wurde der Film ebenfalls von einem autobiographischen Bericht: „Auf versunkenen Wegen“ (2016) von Sylvian Tesson. Der französische Abenteurer war vier Jahre zuvor betrunken beim Fassadenklettern abgestürzt. Er kehrte daraufhin mit seiner Wanderung über zweieinhalb Monate ins Leben zurück – auch wenn Tesson, anders als Filmfigur Pierre, zuvor die langwierigen Reha-Maßnahmen nicht einfach übersprungen hatte. In Deutschland wurde Tesson durch seinen ebenfalls verfilmten Tibet-Erlebnisbericht „Der Schneeleopard“ von 2019 bekannt.

 

Zurück zu Pierre: Schon auf den ersten Kilometern erteilt ihm sein Körper eine Lektion. Er muss lernen, seinen unruhigen Geist an seine physischen Einschränkungen anzupassen. Aufgeben kommt für ihn jedoch nicht in Frage, schließlich ist er Abenteurer von Beruf: Er will sich beweisen, dass er überhaupt noch am Leben ist.

 

Durch Flucht dem Schicksal befehlen

 

Dabei zuzuschauen, erweist sich als ambivalente Angelegenheit. Zwar vermeidet der Film plumpen Heroismus; man sieht Pierre realistisch leiden. Doch seine letztlich doch sehr machohafte Egomanie wird unentwegt als Willensstärke gedeutet, was bald ermüdet. Bedauerlicherweise passiert in diesem Film wenig mehr, als dass man einem früheren Lebemann dabei zusieht, wie er sich selbst beweist, wozu er noch fähig ist.

 

„Napoleon sagte, es gebe zwei Arten Männer: die, die befehlen, und die, die gehorchen. Napoleon vergaß die Männer, die fliehen. Zu fliehen heißt zu befehlen! Man befiehlt dem Schicksal, dass es keine Macht mehr über einen hat.“ Derartiges Geschwurbel macht es schwer, an Pierre wirkliches Interesse zu entwickeln. Wenn Tessons filmisches Alter Ego nicht aus dessen oft pseudophilosophischer Buchvorlage rezitiert, unterhält er sich mit Menschen, denen er begegnet – was zu den spannenderen Momenten der Reise gehört.

 

Freund rettet vor Epilepsie-Anfall

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ich bin dann mal weg" – Adaption des Bestsellers von Hape Kerkeling über seine Jakobsweg-Wanderung durch Julia von Heinz 

 

hier eine Besprechung des Films "Der grosse Trip – Wild" – beeindruckendes US-Fernwanderungs-Epos von Jean-Marc Vallée mit Reese Witherspoon

 

und hier eine Besprechung des Films "Intrige (J'accuse)" – exzellenter Historienfilm über die Dreyfus-Affäre von Roman Polanski mit Jean Dujardin

 

und hier einen Beitrag über den Film "The Artist" – brillantes Stummfilm-Remake von Michel Hazanavicius mit Jean Dujardin, prämiert mit fünf Oscars.

 

Zwar haben Läuterungs-Fabeln oft eine vorhersehbare Dramaturgie. Doch dieser Film verschenkt die meisten Spannungsmomente, indem sie zu schnell glattgebügelt werden. Als Pierre unterwegs einen epileptischen Anfall erleidet, geht der allein deshalb glimpflich aus, weil er zufälligerweise gerade von seinem Freund Arnaud (Jonathan Zaccaï) begleitet wird. Oder: Seine Schwester Céline (Izïa Higelin), die ebenfalls für einige Etappen mitkommt, hält Pierre vor, wie wenig er beim Ausleben seiner Abenteuerlust Rücksicht auf sein Umfeld genommen hat. Auch dieser angedeutete Konflikt wird prompt mit einer Umarmung aufgelöst.

 

Zumindest sind die Rückblenden in Pierres Leben vor dem Unfall recht stimmig ins Geschehen eingebunden. Auch die Bilder von alten Wegen zwischen Provence und Normandie, vom Seealpen-Nationalpark über das Zentralmassiv bis zum Ärmelkanal sind spektakulär und abwechslungsreich: schroffe Geröllhalden und plätschernde Bäche konturieren Hügel, die mal lieblich wirken, dann wieder wie Mondlandschaften.

 

Zu sehr auf Held zugeschnitten

 

Gerne würde man über diese menschenleeren Regionen mehr erfahren. Doch das Gespräch mit einem Ex-Landwirt, der seine Käse-Produktion eingestellt hat, erscheint fast als pflichtschuldiger Einschub in diesem Film, der vor allem auf seine Hauptfigur zugeschnitten ist. Um Entwicklungen persönlicher oder gesellschaftlicher Natur geht es leider viel zu selten. So wirkt dieses Wander-Epos trotz eindrucksvoll eingefangener Landschaften letztlich recht monoton.