
Eine Premiere zum 20. Jahrestag: Die Doku von Judy Landkammer und Philipp Fussenegger über die Jubiläumstournee von Peaches enthält, was man von diesem Format erwarten darf. Beide filmten die Multiinstrumentalistin und Performerin auf und hinter der Bühne, dazu Band und Crew, und montierten die Aufnahmen mit privaten und medialen Archivbildern. So zeichnen sie eine mehr als dreißig Jahre währende Karriere nach.
Info
Teaches of Peaches
Regie: Judy Landkammer + Philipp Fussenegger,
102 Min., Deutschland 2024;
mit: Peaches, Leslie Feist, Chilly Gonzales, Shirley Manson
Weitere Informationen zum Film
Exzess für alle
Als Peaches im Jahr 2000 nach Berlin reist, um ihren dort erfolgreichen Musiker-Freund Chilly Gonzales zu besuchen, hat sie auch ein Demo ihres Songs „Fuck the Pain Away“ dabei. Dafür begeistert sich das Indie-Plattenlabel Kitty-Yo, bei dem auch Gonzales unter Vertrag ist. Bald macht sich Peaches mit ihrer sexpositiven One-Woman-Bühnenshow mit Gästen einen Namen in der Berlin-Mitte-Szene der Nuller Jahre; also bleibt sie in der Stadt. Die Freuden exzessiven Genießens für alle, gleich welchen Geschlechts oder welcher Orientierung, beschwört sie auf ihren ersten Album „The Teaches of Peaches“ sehr direkt – unterlegt von harten, monotonen Electroclash-Beats.
Offizieller Filmtrailer
Mit Rollator auf die Bühne
Zwei Dekaden später: 2022 reinszeniert Peaches ihr Debütalbum mit erweiterter Besetzung auf ihrer „Anniversary Tour“. Die Filmemacher Fussenegger und Landkammer nutzen die Proben, um Peaches‘ Werdegang zu rekapitulieren und alle Beteiligten vorzustellen. Dann landet der Film mit Karacho mitten auf der Bühne. Sofort wird deutlich, dass die Rhythmen, Sounds und der Energiepegel unverändert im roten Bereich geblieben sind. Andererseits fängt das Regie-Duo auch ein, wie sich mit der Zeit die Bühne, das Publikum und Künstlerin selbst verändert haben – nicht nur körperlich.
So erweitert sich das Thema des Films von selbst: Die kontinuierlich exzessive Party bedingt eine Reflexion übers Altern. Vor allem stellt sich die Frage, wie Peaches‘ radikale Fokussierung auf Körperlichkeit und Sex damit umgeht. Anfangs stand die Performerin allein mit einem Umschnall-Dildo, einer Gitarre und ihrem Drumcomputer auf den Bühnen kleiner Berliner Clubs; sie hatte allenfalls ein paar beschwipste Freundinnen an ihrer Seite, um Chaos zu entfesseln. Heute kommt Peaches mit einem Rollator auf die Bühne.
Anpassung an Festivalbühnen
Mitte bis Ende der Nuller Jahre wuchs international ihre Popularität; so hatte sie einige Halb-Hits in den britischen Charts. Nun musste sie ihre intime Show aus Schweiß, Spaß und großspurigem Auftreten auf die Dimensionen von Festivalbühnen anpassen. Gleichzeitig zog sie damit neue kreative Geister an, die seither ihre Kostüme, Frisuren und Lichtkonzepte entwerfen. So bereitet etwa der feste Freund der Propagandistin freier Liebesverhältnisse, Black Cracker, ihre Show an der Tontechnik vor, oder er ist beim Be- und Entladen von LKWs zu sehen.
Dagegen hat Peaches einstiger Bühnenpartner Chilly Gonzales wenig zu sagen; im Gegensatz zu Leslie Feist, einer anderen Freundin, mit der Peaches häufig kollaborierte. Shirley Manson, Sängerin der US-Grungerock-Band „Garbage“, erzählt davon, welche enormen Eindruck die mit einfachsten Mitteln produzierten Klänge von Peaches auch außerhalb von Berlin und Deutschland machten.
Trockener Humor + Blick nach vorn
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Shut Up And Play The Piano" - Doku über den Multiinstrumentalisten + Entertainer Chilly Gonzales mit Auftritten von Peaches von Philipp Jedicke
und hier eine Besprechung des Films "Conny Plank - The Potential of Noise" - Doku über den legendären Musikproduzenten von Reto Caduff + Stephan Plank
und hier einen Beitrag über den Film "Django – Ein Leben für die Musik" - über die Jazzlegende Django Reinhardt von Étienne Comar.
Stattdessen widmet sie sich lieber anderen Projekten. 2010 brachte Peaches das Musical „Jesus Christ Superstar“ als One-Woman-Show auf die Bühne. 2019 war sie an der Inszenierung eines Tanzstücks zu Musik von Kurt Weill im Staatstheater Stuttgart beteiligt; im selben Jahr zeigte sie unter dem Titel „Whose Jizz Is This?“ Installationen im Kunstverein Hamburg.
Die Frisur macht die Musik
In dieser Doku wirkt Peaches inmitten ihrer Wahlfamilie von meist jüngeren Kollegen und Helfern wie ein mütterlicher Ruhepol, der den anderen Raum gibt, sich zu entfalten. So wird deutlich, wie sich ihre entschiedene „Do it yourself“-Haltung quasi als Familienunternehmen auf die große Bühne transportieren lässt. Wie man auch immer Peaches Electroclash-Musik beurteilen mag: Der Film fängt ihre unbändige Energie ein und macht die Begeisterung ihres Publikums verständlich.