
Das Gesetz der Serie im Kulturbetrieb lautet: Jeder Erfolg verlangt nach einer Fortsetzung. So auch hier: Vor zwei Jahren feierten die Museen im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen den 150. Geburtstag des Malers Heinrich Vogeler mit einem Ausstellungs-Reigen in drei Häusern. Zugleich zeichnete der „Doku-Fiktion“-Film „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ von Marie Noëlle seine wechselhafte Vita nach, in Form eines eigenwilligen Kino-Kaleidoskops.
Info
Bernhard Hoetger –
Zwischen den Welten
Regie: Gabriele Rose
90 Min., Deutschland 2024;
mit: Moritz Führmann, Katharina Stark, Florian Lukas
Weitere Informationen zum Film
Bernhard Hoetger –
Zwischen den Welten
17.03. - 03.11.2024
in mehreren Häusern in Worpswede
Weitere Informationen zur Ausstellung
Mit Paula Moderson-Becker in Paris
Wobei Hoetger diese geballte PR-Offensive nicht nötig hat: Sein Leben und Schaffen faszinieren genug. Als ausgebildeter Steinmetz und frisch gebackener Kunstakademie-Absolvent zog er 1900 nach Paris. Dort blieb er sieben Jahre und arbeitete sich vom Nobody zum anerkannten Hersteller von Kleinplastiken hoch, deren bewegte Formen von Auguste Rodin und Aristide Maillol beeinflusst waren. Zudem lernte er Paula Moderson-Becker kennen, die ihm von Worpswede berichtete.
Offizieller Filmtrailer OmU
Bauboom in Worpswede
1909 wurde Hoetger an die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe berufen; in ihr sollte nach dem Willen des reformbegeisterten Großherzogs die Lebenswelt von morgen entstehen. Der überaus produktive Bildhauer trug allerhand dazu bei; u.a. zwei Portalpfeiler, eine Brunnengruppe, ein Schaugrab für die 1907 verstorbene Moderson-Becker und vier mannshohe Steinreliefs. Auf ihnen symbolisierten asiatisch anmutende Gestalten die Jahreszeiten. Auch 15 Majolika-Plastiken mit Allegorien der Tugenden und Laster erschienen fernöstlich inspiriert – in dieser Phase frönte Hoetger einer esoterischen Multikulti-Religiosität, die damals en vogue war. Später stellte er vergrößerte Steinguss-Kopien in seinem Garten in Worpswede auf.
Dorthin siedelte er mit seiner Frau Helene „Lee“ Natalie 1914 über. Und mit Aplomb: Erst kaufte er den so genannten Brunnenhof und erweiterte ihn zum repräsentativen Anwesen. Als es ihm nicht mehr zusagte, baute er sich 1921/22 ein neues: Der Hoetger-Hof hat die Grundform eines steilen Dreiecks und wurde als Fachwerkhaus mit Klinkerverkleidung errichtet. Ähnlich gestaltete er drei Jahre später das „Kaffee Worpswede“, im Volksmund „Kaffee Verrückt“ genannt – seine Gäste sollten durch Exponate in Vitrinen zum Kunstkauf animiert werden. Sowie die 1927 fertiggestellte „Große Kunstschau“, das größte Ausstellungshaus in Worpswede.
Von Asien-Begeisterung zu nordischer Heilslehre
Damit nicht genug: Auf den Weyerberg nahe seines Wohnhauses wuchtete Hoetger 1922 den „Niedersachsenstein“, ein 18 Meter hohes Backstein-Denkmal für Kriegsgefallene mit rätselhafter Symbolik. Bei Großaufträgen im öffentlichen Raum zeigte er sich politisch flexibel: Hannover belieferte Hoetger 1915 mit der Kolossalstatue für einen Generalfeldmarschall, seinen Geburtsort Dortmund-Hörde 1928 mit einem Friedrich-Ebert-Denkmal. Im Auftrag des Keksfabrikanten Hermann Bahlsen entwarf er eine altägyptisch inspirierte Modellstadt, die nie gebaut wurde. In Bad Harzburg legte er einen „Sonnenhof“ samt „Café Winuwuk“ an, dessen Hexenhäuschen-Ausstattung ohne rechten Winkel auskommt.
Diese Anlage entsprach wohl am ehesten seiner Weltanschauung: Vor dem Ersten Weltkrieg ein Anhänger asiatischer Weisheitslehren und antiker Ästhetik, wandelte sich Hoetger nach dem Krieg zum Befürworter einer nordisch-nationalistischen Heilslehre – Sonnenkult und erdverbundene Materialien sollten das wahre deutsche Wesen zum Ausdruck bringen. Im „Kaffee-HAG“-Fabrikanten Ludwig Roselius fand er einen gleichgesinnten Finanzier, der Hoetger große Teile der Bremer Böttcherstraße gestalten ließ; als Mustergasse fürs nationale Erwachen.
Jenseits kunsthistorischer Kategorien
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Dem Licht entgegen – Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914" – große Jugendstil-Schau mit Werken von Bernhard Hoetger im Institut Mathildenhöhe Darmstadt
und hier eine Besprechung der Ausstellung "Paula Modersohn-Becker" – umfassende Werkschau der Worpswede-Künstlerin in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main
und hier einen Beitrag über den Film "Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers" – originelles Biopic über den Worpswede-Maler + Hoetger-Freund von Marie Noëlle
und hier einen Bericht über den Film "Das Mädchen und der Künstler" – sensibles Dokudrama über den Bildhauer Aristide Maillol von Fernando Trueba.
Ein deutsches Künstlerschicksal, das schillernder kaum sein könnte. Regisseurin Gabriele Rose, spezialisiert auf TV-Dokus zu historischen Themen, erzählt es detailliert und angenehm differenziert nach. Zahlreiche O-Töne von Museumsdirektoren und anderen Hoetger-Kennern beleuchten die verschiedenen Werkphasen, Mäzene und Motivationslagen dieses ebenso energischen wie unsteten Bildhauers, der sich ideologischen Schubladen und kunsthistorischen Kategorien entzieht.
Originalzitate als Problem
Wenn nur die unsäglichen Spielszenen nicht wären! Am Anfang wird eingeblendet, sie basierten „ausschließlich auf Originalzitaten“ – genau das ist das Problem. Vor 100 Jahren war im Schriftdeutschen ein hoher Ton gängig; Hoetger pflegte ihn offenbar mit noch mehr Pathos anzureichern. Das müssen nun mäßig begabte Schauspieler vor laufender Kamera aufsagen; ihre papiernen Dialoge, wohl aus Briefen oder Tagebüchern kompiliert, strotzen vor unfreiwilliger Komik.
In dürftigen Kulissen: Mangels Budget agieren die Akteure entweder in düsteren Gemächern oder vor Hintergrund-Projektionen zeitgenössischer Fotografien. Da lagern etwa Hoetger (Moritz Führmann) und sein Freund Vogeler (Florian Lukas, der ihn schon im Biopic von 2022 mimte) auf einem Mini-Deich vor einer unscharfen Schwarzweiß-Landschaft bei Worpswede und werfen sich ihre Privatphilosophien an den Kopf. Das bekäme kein Schülertheater besser hin. Nichts gegen Begleitfilme zu Gedenkausstellungen – aber bitte als klassische Doku ohne pseudoauthentisches Fabulieren.