Gabriele Rose

Bernhard Hoetger – Zwischen den Welten

Bernhard Hoetger (Moritz Führmann) im Atelier. Foto: © Kinescope Film
(Kinostart: 25.7.) Er war einer der gefragtesten Bildhauer vor 1933, pflasterte das Künstlerdorf Worpswede mit exzentrischen Bauten, ist aber heute fast unbekannt: Zum 150. Geburtstag von Bernhard Hoetger widmet ihm Regisseurin Gabriele Rose eine angenehm differenzierte Doku – samt missratenen Spielszenen.

Das Gesetz der Serie im Kulturbetrieb lautet: Jeder Erfolg verlangt nach einer Fortsetzung. So auch hier: Vor zwei Jahren feierten die Museen im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen den 150. Geburtstag des Malers Heinrich Vogeler mit einem Ausstellungs-Reigen in drei Häusern. Zugleich zeichnete der „Doku-Fiktion“-Film „Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers“ von Marie Noëlle seine wechselhafte Vita nach, in Form eines eigenwilligen Kino-Kaleidoskops.

 

Info

 

Bernhard Hoetger –
Zwischen den Welten

 

Regie: Gabriele Rose

90 Min., Deutschland 2024;

mit: Moritz Führmann, Katharina Stark, Florian Lukas

 

Weitere Informationen zum Film

 

Bernhard Hoetger –
Zwischen den Welten

 

17.03. - 03.11.2024

in mehreren Häusern in Worpswede

 

Weitere Informationen zur Ausstellung

 

Weil diese Kombination gut ankam, legt der Museumsverbund von Worpswede nach: mit drei Ausstellungen über den so originellen wie umstrittenen Bildhauer und Baumeister Bernhard Hoetger (1874-1949) zu dessen 150. Geburtstag. Das liegt nahe: Mit seinen Gebäuden hat Hoetger nicht nur das Erscheinungsbild des Künstlerdorfs geprägt wie kein anderer; er war auch zeitweise mit Vogeler eng befreundet. Und abermals kommt simultan ein Filmporträt des Jubilars auf die Leinwand, das sogar denselben Titel trägt wie der Ausstellungs-Reigen. Ein Fall von effektiver Crossmedia-Promotion.

 

Mit Paula Moderson-Becker in Paris

 

Wobei Hoetger diese geballte PR-Offensive nicht nötig hat: Sein Leben und Schaffen faszinieren genug. Als ausgebildeter Steinmetz und frisch gebackener Kunstakademie-Absolvent zog er 1900 nach Paris. Dort blieb er sieben Jahre und arbeitete sich vom Nobody zum anerkannten Hersteller von Kleinplastiken hoch, deren bewegte Formen von Auguste Rodin und Aristide Maillol beeinflusst waren. Zudem lernte er Paula Moderson-Becker kennen, die ihm von Worpswede berichtete.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Bauboom in Worpswede

 

1909 wurde Hoetger an die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe berufen; in ihr sollte nach dem Willen des reformbegeisterten Großherzogs die Lebenswelt von morgen entstehen. Der überaus produktive Bildhauer trug allerhand dazu bei; u.a. zwei Portalpfeiler, eine Brunnengruppe, ein Schaugrab für die 1907 verstorbene Moderson-Becker und vier mannshohe Steinreliefs. Auf ihnen symbolisierten asiatisch anmutende Gestalten die Jahreszeiten. Auch 15 Majolika-Plastiken mit Allegorien der Tugenden und Laster erschienen fernöstlich inspiriert – in dieser Phase frönte Hoetger einer esoterischen Multikulti-Religiosität, die damals en vogue war. Später stellte er vergrößerte Steinguss-Kopien in seinem Garten in Worpswede auf.

 

Dorthin siedelte er mit seiner Frau Helene „Lee“ Natalie 1914 über. Und mit Aplomb: Erst kaufte er den so genannten Brunnenhof und erweiterte ihn zum repräsentativen Anwesen. Als es ihm nicht mehr zusagte, baute er sich 1921/22 ein neues: Der Hoetger-Hof hat die Grundform eines steilen Dreiecks und wurde als Fachwerkhaus mit Klinkerverkleidung errichtet. Ähnlich gestaltete er drei Jahre später das „Kaffee Worpswede“, im Volksmund „Kaffee Verrückt“ genannt – seine Gäste sollten durch Exponate in Vitrinen zum Kunstkauf animiert werden. Sowie die 1927 fertiggestellte „Große Kunstschau“, das größte Ausstellungshaus in Worpswede.

 

Von Asien-Begeisterung zu nordischer Heilslehre

 

Damit nicht genug: Auf den Weyerberg nahe seines Wohnhauses wuchtete Hoetger 1922 den „Niedersachsenstein“, ein 18 Meter hohes Backstein-Denkmal für Kriegsgefallene mit rätselhafter Symbolik. Bei Großaufträgen im öffentlichen Raum zeigte er sich politisch flexibel: Hannover belieferte Hoetger 1915 mit der Kolossalstatue für einen Generalfeldmarschall, seinen Geburtsort Dortmund-Hörde 1928 mit einem Friedrich-Ebert-Denkmal. Im Auftrag des Keksfabrikanten Hermann Bahlsen entwarf er eine altägyptisch inspirierte Modellstadt, die nie gebaut wurde. In Bad Harzburg legte er einen „Sonnenhof“ samt „Café Winuwuk“ an, dessen Hexenhäuschen-Ausstattung ohne rechten Winkel auskommt.

 

Diese Anlage entsprach wohl am ehesten seiner Weltanschauung: Vor dem Ersten Weltkrieg ein Anhänger asiatischer Weisheitslehren und antiker Ästhetik, wandelte sich Hoetger nach dem Krieg zum Befürworter einer nordisch-nationalistischen Heilslehre – Sonnenkult und erdverbundene Materialien sollten das wahre deutsche Wesen zum Ausdruck bringen. Im „Kaffee-HAG“-Fabrikanten Ludwig Roselius fand er einen gleichgesinnten Finanzier, der Hoetger große Teile der Bremer Böttcherstraße gestalten ließ; als Mustergasse fürs nationale Erwachen.

 

Jenseits kunsthistorischer Kategorien

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Dem Licht entgegen – Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1914" – große Jugendstil-Schau mit Werken von Bernhard Hoetger im Institut Mathildenhöhe Darmstadt

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Paula Modersohn-Becker" – umfassende Werkschau der Worpswede-Künstlerin in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main

 

und hier einen Beitrag über den Film "Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers" – originelles Biopic über den Worpswede-Maler + Hoetger-Freund von Marie Noëlle

 

und hier einen Bericht über den Film "Das Mädchen und der Künstler" – sensibles Dokudrama über den Bildhauer Aristide Maillol von Fernando Trueba.

 

Als es 1933 eintrat, konnten die neuen Machthaber damit wenig anfangen. Hoetger trat zwar im Folgejahr in die NSDAP ein, doch seine Werke wurden als „entartet“ gebrandmarkt und manche beschlagnahmt; ihn selbst warf man 1938 aus der Partei. Da wohnte er in Berlin-Frohnau; im Zweiten Weltkrieg floh er nach Bayern und später in die Schweiz, wo er 1949 starb.

 

Ein deutsches Künstlerschicksal, das schillernder kaum sein könnte. Regisseurin Gabriele Rose, spezialisiert auf TV-Dokus zu historischen Themen, erzählt es detailliert und angenehm differenziert nach. Zahlreiche O-Töne von Museumsdirektoren und anderen Hoetger-Kennern beleuchten die verschiedenen Werkphasen, Mäzene und Motivationslagen dieses ebenso energischen wie unsteten Bildhauers, der sich ideologischen Schubladen und kunsthistorischen Kategorien entzieht.

 

Originalzitate als Problem

 

Wenn nur die unsäglichen Spielszenen nicht wären! Am Anfang wird eingeblendet, sie basierten „ausschließlich auf Originalzitaten“ – genau das ist das Problem. Vor 100 Jahren war im Schriftdeutschen ein hoher Ton gängig; Hoetger pflegte ihn offenbar mit noch mehr Pathos anzureichern. Das müssen nun mäßig begabte Schauspieler vor laufender Kamera aufsagen; ihre papiernen Dialoge, wohl aus Briefen oder Tagebüchern kompiliert, strotzen vor unfreiwilliger Komik.

 

In dürftigen Kulissen: Mangels Budget agieren die Akteure entweder in düsteren Gemächern oder vor Hintergrund-Projektionen zeitgenössischer Fotografien. Da lagern etwa Hoetger (Moritz Führmann) und sein Freund Vogeler (Florian Lukas, der ihn schon im Biopic von 2022 mimte) auf einem Mini-Deich vor einer unscharfen Schwarzweiß-Landschaft bei Worpswede und werfen sich ihre Privatphilosophien an den Kopf. Das bekäme kein Schülertheater besser hin. Nichts gegen Begleitfilme zu Gedenkausstellungen – aber bitte als klassische Doku ohne pseudoauthentisches Fabulieren.