Michel Hazanavicius

The Artist

Die Ähnlichkeit zu Fred Astaire und Ginger Rodgers ist beabsichtigt: George Valentin feiert mit Peppy Miller sein Comeback. Foto: Delphi Filmverleih

(Kinostart: 26.1.) Schweigen ist Gold: Mit einer herzergreifenden Liebesgeschichte in der Traumfabrik lässt Regisseur Hazanavicius die große Zeit des Stummfilms wieder aufleben. Sein perfektes Retro-Remake ist für zehn Oscars nominiert.

1929 war das Jahr des großen Crashs – an den Börsen und Kino-Kassen. Im Gegensatz zur Finanz-Wirtschaft kurbelte Hollywood rasch ein Konjunktur-Programm an: die Einführung des Tonfilms. 1930 hatte sich der US-Box-Office-Erlös im Vergleich zu Ende der 1920er Jahre auf 155 Millionen Karten pro Woche verdreifacht.

 

Info

The Artist

 

Regie: Michel Hazanavicius, 1oo min., Frankreich/ USA 2011;
mit: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman

 

Website zum Film


Zum Unwillen der Film-Kritiker. Für Siegfried Kracauer, Feuilletonist der «Frankfurter Zeitung», verendete die Kino-Kunst auf der Tonspur: «Die Filmkomödie starb mit dem Stummfilm – durch das Hinzukommen des Dialogs. Das Spiel mit der Geschwindigkeit und mit der sprachlosen Materie bewegte sich in einer Tiefe des materiellen Lebens, in die Worte nicht hinabdringen; die Sprache und mit ihr alles, was aus ihr an artikulierten Gedanken und Emotionen folgt, musste daher notwendig das eigentliche Wesen dieses Genres verdunkeln.»

 

Markenzeichen Schönheitsfleck

 

Das sieht George Valentin (Jean Dujardin) genauso. Der Held von «The Artist» ist 1927 der berühmteste Stummfilm-Star seiner Zeit – eine Kreuzung aus Rudolfo Valentino und Douglas Fairbanks. Als großherziger Charmeur vermittelt er Peppy Miller (Bérénice Bejo), die ihn anhimmelt, eine Statisten-Rolle beim Film. Und verschafft ihr ein Markenzeichen: den kleinen Schönheitsfleck über der Oberlippe, der sie unverwechselbar macht.


Offizieller Film-Trailer


 

Keine Sprechpuppe, sondern Künstler

 

Zwei Jahre später stellt Studio-Boss Al Zimmer (John Goodman) seinem Star ein Ultimatum: Entweder dreht er fortan talkies, oder er fliegt raus. George lehnt kategorisch ab: Er sei keine Sprechpuppe, sondern ein artist, ein Künstler – und kündigt. Den neumodischen Quasselstrippen auf der Leinwand will er es zeigen, indem er sein ganzes Vermögen in die Eigenproduktion «Tears of Love» steckt.

 

Ein Abenteuerfilm alter Schule mit halbnackten Wilden, atemberaubender Action, hinreißenden Liebes-Szenen und dramatischem Finale: George versinkt in einem Strudel aus Wüstensand. Großes Kino, das keiner mehr sehen will. Das Publikum strömt in Tonfilme – wie «Beauty Spot» mit der neuen Schönheits-Königin Peppy Miller in der Hauptrolle.

 

Iris-Blenden und Dialog-Zwischentitel

 

George ist ruiniert; sein blondes Gift von Ehefrau verlässt ihn, doch Peppy hält ihm heimlich die Treue. Als er sein Hab und Gut versetzen muss, kauft sie inkognito alles auf. Der abgehalfterte Ex-Kassenmagnet suhlt sich in Selbstmitleid, während er säuft und seine alten Filme ansieht. Bis die Rollen in Flammen aufgehen und Peppy ihn vor dem Feuertod bewahrt. An ihrer Seite feiert er als step dancer ein strahlendes Comeback.

 

Mit dem Stakkato seiner Schuh-Spitzen: Stepp-Tanz ohne Ton wäre absurde Clownerie. Endlich hört George, was die Uhr geschlagen hat – und Regisseur Michel Hazanavicius dreht den Lautstärke-Regler hoch. Zuvor hat er 90 Minuten lang die Konventionen des Stummfilms peinlich genau beachtet: Schwarzweiße Bilder im 1:1,33-Format, statische Einstellungen und Iris-Blenden – sind Dialoge unerlässlich, werden sie als Zwischentitel eingeblendet.

 

Im Bett von Mary Pickford

 

Dabei zieht das Traumpaar Bejo und Dujardin – der dafür in Cannes die Goldene Palme erhielt – alle Register tonloser Schauspiel-Kunst. Sie erzählen ihre herzergreifende Liebesgeschichte allein mit Mimik und Gesten, ohne je outriert zu wirken.

 

In authentischem Ambiente: Das französische Team drehte in Hollywood-Studios mit Kameras, deren Motoren-Lärm so laut wie in den 1920er Jahren war; derweil erklangen im Hintergrund klassische Film-Musiken. Peppy residiert in der Villa von Stummfilm-Star Mary Pickford – in deren Satin-Bett wacht George nach seinem Hausbrand wie aus einem bösen Traum auf. Nicht nur die Zuschauer, auch die Mitwirkenden erleben eine Zeitreise: Die Illusion ist perfekt.

 

Emanzipation durch Medien-Revolution

 

Wer mag, kann darin eine Analogie zur Gegenwart entdecken. Nicht zufällig rettet eine starke Frau ihren Liebsten, der nostalgieselig einen Filmriss erlitten hat. Medien-Revolutionen lösen Emanzipations-Schübe aus: Tonfilm-Diven wie Marlene Dietrich oder Joan Crawford waren keine passiven Weibchen mehr, sondern diktierten der Männerwelt ihre Bedingungen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Am Set: Paris – Babelsberg – Hollywood“ über Standfotografie bei Stummfilm-Dreharbeiten in der Deutschen Kinemathek, Berlin.


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Vorwärts in die Vergangenheit

 

Davon können und wollen die Protagonisten von «The Artist» nichts wissen – vorwärts in die Vergangenheit! Für diese formvollendete Rückkehr zu den Wurzeln der Filmkunst regnet es Preise: bislang drei Golden Globes und zehn Nominierungen für die Oscars.

 


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