Alison Klayman

Ai Weiwei – Never Sorry

Nur ein individualistischer Künstler mit Digital-Fotoapparat: Ai Weiwei. Foto: DCM Verleih

(Kinostart: 14.6.) Der berühmteste Chinese der Welt hat viele Gesichter. US-Regisseurin Klayman dokumentiert die schillernde Persönlichkeit dieser Ein-Mann-Oppositionsbewegung – ein faszinierend vielschichtiges Porträt.

Wer ist Ai Weiwei? Ein Künstler, Architekt, Kunst-Unternehmer, Selbstdarsteller, manischer Blogger, Exzentriker, Menschenrechts-Aktivist, Regime-Kritiker oder Dissident? Alles zugleich, zeigt der Dokumentarfilm der US-Filmemacherin Alison Klayman – doch er geht in keiner dieser Rollen völlig auf.

 

Info

Ai Weiwei – Never Sorry

 

Regie: Alison Klayman, 91 min., USA 2012;
mit: Ai Weiwei, Ai Dan, Lu Qing, Wang Fen

 

Website zum Film

Zurzeit ist Ai der bekannteste Chinese der Welt – durch seine Festnahme im April 2011 wegen angeblicher Steuerhinterziehung. 81 Tage Haft und anschließender Hausarrest katapultierten ihn endgültig aus der Sphäre der Kunst in die der internationalen Politik.

 

Internet-Berühmtheit Ai

 

Ai wurde zur Symbolfigur für Opfer von Unterdrückung in der Volksrepublik. Es gibt etliche chinesische Oppositionelle, die von den Machthabern in Peking unbarmherziger und grausamer verfolgt werden, doch keiner ist so berühmt wie er. Das liegt am Internet.


Offizieller Film-Trailer


 

Mehr als 150.000 Online-Fotos in drei Jahren

 

Der Künstler, der noch vor acht Jahren kaum Computer-Kenntnisse hatte, setzt sich und seine Anliegen online exzessiv in Szene. 2005 bat ihn die Plattform Sina.com, einen Blog zu schreiben. Ai willigte ein und reizte das Medium voll aus: Von 2006 bis 2009 verfasste er täglich mehrere Einträge und lud weit mehr als 150.000 Fotos hoch. Rund zehn Millionen Chinesen sollen seinen Blog gelesen haben.

 

Als der auf amtliches Geheiß geschlossen wurde, wechselte Ai zu Twitter – und trat eine Lawine von Kurzmitteilungen los. Mit Erfolg: Allein im vergangenen Jahr hat sich ihm zufolge die Zahl seiner Follower fast verdoppelt – von 70.000 auf 130.000. Da kann kein anderer Dissident mithalten.

 

Sprachrohr der Unzufriedenen

 

Kein Wunder: Ai greift die Machthaber frontal an – er geißelt drastisch ihre Inkompetenz und Korruption. In einer Diktatur, die sämtliche Medien streng zensiert, ist derart schnörkellose Sprache ein Ereignis. Der Künstler wird zum Sprachrohr für Unzufriedene, die ihre Kritik nicht auszusprechen wagen; ob sie seine Werke kennen und schätzen, ist nebensächlich.

 

Seine Gefolgschaft macht ihn fast unverwundbar. Als ihn die Behörden im Herbst 2011 mit horrenden Steuer-Nachforderungen ruinieren wollten, spendeten 30.000 Chinesen mehr als neun Millionen Yuan – Ai konnte seine Strafzahlung begleichen. Obwohl sein Kleinkrieg gegen die Justiz weitergeht, kann es sich Peking kaum leisten, ihn dauerhaft wegzusperren: Der Image-Schaden wäre zu groß.

 

Positivistische Fakten-Sammelwut

 

Wie hat der Künstler diesen Superstar-Status erlangt? Durch positivistische Fakten-Sammelwut, zeigt Alison Klayman, die ihn drei Jahre lang begleitete: Ai trägt mit seinem Team Tausende Namen von Opfern des Erdbebens 2008 in Sichuan zusammen und dokumentiert jeden seiner Schritte mit der Kamera.

 

Er hält sich streng an formaljuristische Spielregeln und verklagt Polizisten, die ihn misshandelt haben; er fällt lästig und lässt sich nicht abwimmeln. Womit er ständig die Willkür-Herrschaft einer Einheitspartei entlarvt, die Entscheidungen hinter verschlossenen Türen auskungelt – und häufig ohne Begründung widerruft.

 

Kritik an Gigantomanie

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Ai Weiwei in New York“ mit Fotografien 1983-1993 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag zum Spielfilm „The Lady – Ein geteiltes Herz“ von Luc Besson über Burmas Oppositions-Führerin Aung San Suu Kyi

 

und hier einen Bericht über die TV-Doku “Bilder einer Ausstellung: China und die Aufklärung” und eine Debatte zum PR-Desaster deutscher Kulturpolitik in Peking im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Diskussion “Ai Weiwei: art, dissidence and resistance” am 27.07.2011 im Haus der Kunst, München

Dennoch bliebe Ai wohl ein innerchinesisches Phänomen, würde er nicht geschickt das Ausland als Resonanzboden einsetzen. Im Westen wurde der Künstler erst 2007 mit seiner Teilnahme an der documenta 12 bekannt. Er türmte alte Fenster und Türen zu einem Mahnmal gegen die Zerstörung von Kulturgütern auf und holte 1001 Chinesen für eine Stippvisite nach Kassel – ein PR-Geniestreich.

 

2009 pflasterte er die Fassade am Haus der Kunst in München mit der Installation «So Sorry» aus Rucksäcken von Kindern, die beim Sichuan-Erdbeben starben. 2010 folgte «Sunflower Seeds»: 100 Millionen von Hand bemalte Sonnenblumen-Kerne aus Porzellan in der Tate Modern in London. Manche Kunst-Kritiker werfen ihm Gigantomanie vor, doch Polit-Kommentatoren begeistern sich für seine so griffige wie vielschichtige Symbol-Sprache.

 

Vertrauensperson für den Rest der Welt

 

Deshalb täte man Ai Unrecht, beurteilte man seinen Aktivismus allein nach ästhetischen Gesichtspunkten. Das zeigt Klayson deutlich, indem sie verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit gleichermaßen beleuchtet: den wie ein Manager operierenden Groß-Künstler, den renitenten Regime-Ankläger – und den verheirateten Vater eines Sohnes, den seine Geliebte gebar.

 

Als Ein-Mann-Oppositionsbewegung, der nach zehn Jahren im New Yorker Exil perfekt Englisch spricht, ist er ein unersetzbarer Mittler zwischen China und der Außenwelt: die einzige Stimme, der westliche Beobachter im byzantinisch undurchdringlichen Interessen-Gewirr der Pekinger Politik vertrauen. Und der einzige Prophet, der ihrer boomenden Wirtschaftsmacht den Zusammenbruch voraussagt: Gäbe es Ai Weiwei nicht, müsste man ihn erfinden.


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