Ulrich Seidl

Paradies: Liebe

Teresa (Margarethe Tiesel) im Bett des Beachboys Munga. Foto: Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 3.1.) Weiblicher Sex-Tourismus unter Palmen: In Kenia sucht eine ältliche Wienerin das Gefühl, begehrt zu werden. Stattdessen findet sie neokoloniale Ausbeutung, die Regisseur Seidl so nüchtern wie schonungslos registriert.

Prostitution gilt meist als Einbahnstraße zwischen den Geschlechtern: Männer kaufen Frauen, die ihre Haut zu Markte tragen. Dass und warum auch Frauen für Liebesdienste bezahlen, kommt selten zur Sprache – und noch seltener auf die Leinwand.
 

Info

Paradies: Liebe

 

Regie: Ulrich Seidl, 120 min., Österreich/Deutschland/
Frankreich, 2012; 
mit: Margarete Tiesel, 
Peter Kazungu, Inge Maux

 

Website zum Film

2005 ließ der Franzose Laurent Cantet in «Vers le sud» («Im Süden») Charlotte Rampling Anfang der 1980er Jahre nach Haiti reisen, um sich farbige Gespiele zu gönnen – und konfrontierte sie mit dem Elend der ruinierten Karibik-Insel. Nun greift Ulrich Seidl, schonungslosester Naturalist des österreichischen Autorenkinos, das Thema weiblicher Sextourismus in Kenia auf: als ersten Teil seiner «Paradies»-Trilogie.

 

Daheim kaum Chancen auf Partner

 

Teresa (Margarethe Tiesel) ist Anfang 50 und Behinderten-Betreuerin in Wien. Als alleinstehende Mutter mit aufgeschwemmten Rundungen hat sie daheim kaum Chancen auf einen neuen Partner. Das ersehnte Gefühl, begehrt zu werden, sucht sie in einem all inclusive resort am Indischen Ozean.


Offizieller Filmtrailer


 

Zwei-Klassen-Gesellschaft am Strand

 

Am Palmenstrand wird sofort klar, welche Zwei-Klassen-Gesellschaft hier herrscht: Von Wächtern geschützt, rösten die Weißen aufgereiht in der Sonne. Vor einer Absperrung warten schwarze beachboys geduldig auf potentielle Kundinnen. Geht Teresa ans Wasser, wird sie sofort umringt. Knackige Jungs bieten ihr Tinnef zu Mondpreisen an; bei Gefallen noch mehr.

 

Anfangs geniert sich Teresa; dann geht sie – angefeuert von ihrer Ferien-Freundin Inge (Inge Maux), die als Stammgast die Spielregeln kennt – zögerlich darauf ein. Ihr erster lover behandelt sie im Stundenhotel so ruppig, dass sie weinend flieht. Der zweite überzieht, als er viel Geld für einen Bruder verlangt, der nach einem Unfall im Krankenhaus liege.

 

Zuneigung und Zärtlichkeit nicht inbegriffen

 

Fortan weist Teresa zudringliche Angebote ab – bis sie Munga (Peter Kuzungu) trifft. Er schmeichelt ihr mit Komplimenten und lässt sie für gute Zwecke spenden: arme Schulkinder oder das Baby seiner angeblichen Schwester. Die sich als seine Frau entpuppt, was die Genarrte zynisch werden lässt; mit drei anderen sugar mamas feiert sie eine bizarre Orgie. Der strippende Jüngling kann aber nicht verbergen, dass ihn welkes Fleisch wenig animiert.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Paradies: Glaube“ von Ulrich Seidl, der zweite Teil seiner Paradies-Trilogie

 

und hier einen Beitrag über den Film „Nairobi Half Life“ von Tosh Gitonga aus Kenia, produziert von Tom Tykwer

 

und hier eine Kritik der Doku “Whores’ Glory – Ein Triptychon” von Michael Glawogger über Prostitution weltweit.

Bei diesem Kontrast zwischen Arm und Reich geht es nur ums schnelle Geschäft: Gehandelt werden schöne Illusionen, gezahlt wird in bar. Teresa lernt rasch, dass jede Lüge wohlfeil, aber keine Gefälligkeit umsonst ist. Und echte Zuneigung und Zärtlichkeit sind im Pauschalpreis nicht inbegriffen.

 

Blinde Flecken im Tropen-Licht

 

Ihre Desillusionierung verfolgt der Film in dokumentarisch anmutenden Szenen. Sie wirken absolut authentisch, weil er nichts auslässt: von schlecht simulierten Flirts zwischen Menschen, die sich weder verbal noch mit Körpersprache verstehen, bis zu grotesken Missverständnissen auf der Bettkante. Das mutet Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel bewundernswerte Selbstentblößung zu, wobei ihr Humor nie die Tristesse des Ganzen verhehlt.

 

Regisseur Seidl zeigt das vermeintliche Exotik-Paradies als Neuauflage kolonialer Abhängigkeit mit unverhüllter Ausbeutung. Die er ungeschönt registriert, ohne seine Figuren zu denunzieren: Jede füllt nur eine Rolle aus, die ihr die Machtverhältnisse vorschreiben. Seidls nüchtern distanzierter Blick auf diese Wirklichkeit ist so ehrlich wie ehrenwert: Er setzt die blinden Flecken unserer Wahrnehmung dem grellen Licht der Tropen aus.


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