Nicole Kidman

Stoker

Evelyn 'Evie' Stoker (Nicole Kidman) wird von ihrer Tochter India Stoker (Mia Wasikowska) belauscht. Foto: © 2013 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 9.5.) Sterben in Schönheit: Der neue Film von Südkoreas Regie-Chamäleon Park Chan-wook ist ein sehr stilvoll ausgestatteter Familien-Thriller. Delikate Details und das gute Ensemble lassen über den leicht verkorksten Plot hinwegsehen.

Gründe, Schuhfetischist zu werden, gibt es viele. Doch India Stoker (Mia Wasikowska) ist weder versessen auf high heels von Manolo Blahnik, noch hat sie einen Sneakers-Tick, wie ihn männliche Gleichaltrige zelebrieren.

 

Info

Stoker

 

Regie: Park Chan-wook

99 Min., USA 2013;

mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode

 

Website zum Film

Das junge Mädchen aus gutem Hause wurde quasi wider Willen zur Schuhsammlerin. Zu jedem Geburtstag erhält sie ein Päckchen von ihrem Onkel Charlie (Matthew Goode). Darin: ein Paar altmodische, schlichte Tennisschuhe der US-Traditionsmarke Wilson.

 

Uterus aus Schuhkartons

 

Nach ihrem 18. Geburtstag liegt India in Embryonalstellung auf ihrem Bett – inmitten eines Uterus aus Schuhkartons. Sie hat immer nur diese Wilsons getragen, die nun in allen Größen um sie herum liegen. Außer dem gewohnten Geschenk ist diesmal aber alles anders.

Offizieller Filmtrailer


 

Wie «A Single Man» oder «I am Love»

 

Ihr Vater ist soeben tödlich verunglückt. Ihr Onkel ist nicht mehr auf Reisen wie angeblich seit Jahren, sondern plötzlich ständiger Hausgast und ihrer Mutter offenbar amourös zugetan. Das scheu-eigensinnige Mädchen weiß nicht, wie sie darauf reagieren soll; sie flüchtet sich in adrette Einkehr, von spröden Gefühlsausbrüchen unterbrochen.

 

Park Chan-wooks erster auf Englisch gedrehter Spielfilm ist äußerst stilvoll und bis ins letzte Detail delikat ausgestattet. Optisch knüpft er weniger an seine koreanischen Erfolge wie «Joint Security Area» (2000) oder «Old Boy» (2003) an, sondern an die visuelle Eleganz von Filmen wie Tom Fords Psychogramm «A Single Man» (2009) oder das Melodram «I am Love» (2010) mit Tilda Swinton.

 

Onkel Charlie bezirzt Mutter + Tochter

 

Wer zeitgenössische Kostümfilme mag, kommt bei «Stoker» also auf seine Kosten – und sollte über den leicht verkorksten Plot hinwegsehen. Denn dieser Film will ein psychologisch vertrackter Thriller über eine Familie sein. India Stoker wächst behütet auf einem Anwesen in der US-Provinz auf. Die Jungs in ihrer Schule interessieren sie nicht; sie geht lieber jagen oder träumt in den Tag.

 

Dann stirbt ihr Vater Richard bei einem Unfall; zur exaltierten Mutter Evelyn (Nicole Kidman) hat India nicht das beste Verhältnis. Anfangs beargwöhnt sie auch ihren Onkel Charlie kritisch, erliegt aber schnell seinem jungenhaften Charme. Doch irgendetwas stimmt nicht; das ruft Tante Gwendolyn (Jacki Weaver) auf den Plan. Sie kann allerdings nicht mehr eingreifen – die dunklen Wolken über Familie Stoker brauen sich zu einem grässlichen Gewitter zusammen.

 

Zitate aus Hitchcock-Klassikern

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Dead Man Down“ – spannender Action-Thriller mit Colin Farrell + Noomi Rapace

 

und hier eine Besprechung des Films „Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld“ – Hommage von Miguel Gomes an den Stummfilm-Klassiker von F.W. Murnau

 

und hier ein Bericht über den Film „Jane Eyre“ – Roman-Verfilmung von Cary Fukunaga nach Charlotte Brontë mit Mia Wasikowska

 

Regisseur Park hat sich ausgiebig bei Alfred Hitchcock bedient. Weniger, um suspense aufzubauen, sondern um ein paar Zitate in die Geschichte um Mord, Zweifel, Eifersucht und coming of age einzustreuen. Einen zwielichtigen Onkel Charlie gab schon Joseph Cotten in Hitchcocks Film «Im Schatten des Zweifels» von 1943.

 

Das einsame Landhaus der Stokers kann man als Reminiszenz an «Psycho» betrachten; offenbar leiht sich Matthew Goode sein sinistres Lächeln bei Anthony Perkins aus. Und Hitchcocks Faible für schwindelerregende Stufen teilt wohl auch Park, der sein Kammerspiel gern im Treppenhaus inszeniert.

 

Vom Backfisch zur femme fatale

 

Doch während Hitchcock gewöhnlich unwissende Protagonisten zielstrebig in mysteriöse Plots verstrickte, gönnt Park seinen Hauptdarstellern den Raum für kleine, kuriose Szenen, die kaum die psychologische Logik seiner Geschichte befördern, aber außerordentlich schön anzusehen sind. Etwa, wenn India beim beseelten Klavierspiel eine Spinne das Bein hinaufklettert. Oder wenn Nicole Kidman ihre grundverschiedenen Rollen aus «Eyes Wide Shut» und «Die Frauen von Stepford» zu verschmelzen scheint.

 

Trotz inhaltlichen Abstrichen imponiert die durchgängige Eleganz von «Stoker»; neben der Ausstattung trägt den Film vor allem das gute Ensemble. Mia Wasikowska spielt India, die sich vom verstörten Backfisch zur verstörenden femme fatale entwickelt, mit sehenswerter Präsenz. Mit Nicole Kidman hat sie eine Gegenspielerin, die man in dieser Form wieder öfter sehen will.


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