Xavier Dolan

Laurence Anyways

Laurence (Melvil Poupaud) im Wirbel der Gefühle. Foto: Copyright NFP, Shayne Laverdiere

(Kinostart: 27.6.) Der 24-jährige Xavier Dolan wird seit seinem Regiedebüt „I killed my Mother“ als Regiewunderkind gefeiert. In seinem neuen Film „Laurence Anyways“ erzählt er die berührende Geschichte der großen Liebe eines Transsexuellen – und ihr Scheitern.

Nach der Teenager-Rebellion („I killed my Mother“) und adoleszenter exzessiver Nabelschau („Herzensbrecher“) folgt im besten Falle das Erwachsensein. Bei Regie-Wunderkind Xavier Dolan stimmt das auf alle Fälle, denn mit „Laurence Anyways“ hat er einen äußerst erwachsenen Film gemacht und sich endgültig aus der Wunderkind-Ecke befreit.

 

Info

Laurence Anyways

 

Regie: Xavier Dolan

159 Min., Kanada 2012

mit: Melvil Poupaud, Suzanne Clement, Nathalie Baye


Website zum Film

Schauplatz ist wie in den anderen Filmen seine Heimatstadt Montreal. Hier treffen sich im Sommer 1989 Laurence (Melvil Poupaud) und Frédérique (Suzanne Clément), kurz Fred, verlieben sich auf der Stelle ineinander und werden ein Paar.

 

Folgenreiches Geständnis

 

Er ist ein äußerst beliebter Gymnasiallehrer, sie arbeitet beim Film. Jahrelang sind sie glücklich, bis Laurence eines Tages verkündet, er wolle von nun an als Frau leben. Für die ahnungslose Fred bricht eine Welt zusammen, denn bisher war für sie klar, dass sie eines Tages zusammen Kinder haben und gemeinsam alt werden.


Offizieller Filmtrailer


 

Plädoyer für alternative Lebensentwürfe

 

Sie liebt Laurence und versucht, ihn bestmöglich zu unterstützen. Doch bald stellt sich die Frage, ob das reicht, mit allen Problemen und Widerständen fertig zu werden. Sicher ist nur, dass Fred nicht ohne Laurence leben kann und will und umgekehrt.

 

Hochromantisch und ebenso dramatisch ist die Geschichte, die Dolan in stattlichen zweieinhalb Stunden erzählt. Zwar konzentriert sich die Handlung auf das Paar. Es ist aber auch ein Plädoyer für alternative Lebensentwürfe und ihre Akzeptanz. Natürlich ist weder Laurence‘ Schritt ins Frauenleben einfach, noch ist es für Fred leicht, mit den Auswirkungen für ihr Zusammenleben klarzukommen.

 

Ein neues Leben aufbauen

 

Ein Mann in Frauenkleidern muss viel Prügel einstecken, echte und auch seelische. Nach und nach verliert Laurence alles, was ihm etwas bedeutet, seine große Liebe, den Job und auch die Familie. Dennoch gibt er nicht auf und findet Ersatz für das Verlorene. Doch ohne Fred wird er aber nie wieder wirklich glücklich.

 

Und Fred kämpft zunächst wie eine Löwin um ihre Liebe, zweifelt und macht doch weiter, bis es nicht mehr geht. Irgendwann baut sie sich ein neues Leben auf, bekommt Kinder mit einem anderen Mann. Aber Laurence fehlt ihr. Sie versöhnen sich und trennen sich wieder, ganz aus den Augen verlieren sie sich aber nie.

 

Wunderbare Hauptdarsteller

 

Episch breit erzählt der Film nicht nur die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Ganz nebenher entwirft er auch ein stimmiges Gesellschaftsporträt Montreals in den 1990er Jahren, Dolans Kindheit. Gekonnt bewegt er sich dabei zwischen Melodram, period piece und abseitiger Komödie. Im Gegensatz zu den Vorgängern, wo er jeweils eine Hauptrolle spielte, bleibt Dolan ausschließlich hinter der Kamera. Nur einmal huscht er in bester Hitchcock-Tradition als cameo durchs Bild.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Paulista– Geschichten aus São Paulo“ – metrosexuelle Liebes-Dramen in Brasilien von Roberto Moreira

 

und hier einen Bericht über den Film „Parada“ – originelle serbische Schwulen-Komödie von Srdan Dragojević

 

und hier eine Rezension des Films „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ von Maryam Keshavarz über eine lesbische Liebe im Iran.

 

Dafür gibt er seinen wunderbaren Hauptdarstellern viel Raum, ihr Können zu zeigen: Melvil Poupaud spielt seine/n Laurence mit unendlicher Würde und Tiefe, aber auch ansteckender Lebensfreude. Und Suzanne Clément gibt ihrer Fred unendlich viel Energie und Kraft, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. Zurecht wurde sie in Cannes dafür mit dem Schauspielerpreis der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet.

 

Überbordende Ode an die Lebensfreude

 

Auch die Ausstattung ist Dank des wesentlich höheren Budgets üppiger als bisher. Da glühen Freds Haare knallrot über ihrem royalblauen Pulli, während im Hintergrund buntes Herbstlaub fällt, und Laurence´ grünes Kostüm, mit dem er das erste Mal in die Schule geht, schreit geradezu Optimismus vor der kahl-grauen Wand. Die Bilder von Kameramann Yves Bélanger sind ebenso opulent wie stimmig. Rasante Fahrten durchs Partygewühl lösen stille Innentableaus ab, und selbstverständlich fehlen auch die von Dolan geliebten Slow-Motion-Einstellungen nicht.

 

Das authentische Zeitgefühl wird durch den kongenialen Soundtrack nur noch verstärkt. Nicht umsonst vergleicht man Dolan gerne mit den Regisseuren der Nouvelle Vague wie Truffaut, die der junge Mann auch eifrig studiert haben dürfte. Auch Bildzitate aus der Kunstgeschichte haben ihren Platz, entweder als Bild im Bild oder gleich als filmische Interpretation. Dessen ungeachtet kann man auch ohne solches Wissen diese überbordende Ode an die Lebensfreude einfach nur genießen.


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