Robert Redford

All Is Lost

Robert Redford kämpft im Sturm ums Überleben. Foto: Universum Film

(Kinostart: 9.1.) Der alte Mann und das Meer: Robert Redford kämpft als schiffbrüchiger Segler unermüdlich um sein Überleben. Diese Seenot-Saga von JC Chandor, Regisseur von „Der große Crash – Margin Call“, ist ein minimalistisches Meisterwerk.

Der alte Mann und das Meer: Das war in Hemingways gleichnamiger Novelle von 1952 noch der Kampf eines kubanischen Fischers mit einem riesigen Fisch. Im Film von JC Chandor ist der Held ohne Gegenspieler: Auf seiner Hochsee-Yacht trotzt Robert Redford allein der Gewalt der Elemente.

 

Info

 

All Is Lost

 

Regie: J.C. Chandor,

106 Min., USA 2013;

mit: Robert Redford

 

Website zum Film

 

Schweigend, versteht sich; mit wem sollte er auch reden? „All is lost“ dürfte der wortkargste Tonfilm aller Zeiten sein: Außer zu Beginn beim Vorlesen einer Flaschenpost-Botschaft aus dem Off ist Redfords Stimme nur ein einziges Mal zu hören. Da schreit er aus tiefstem Entsetzen ein four letter word – als seine letzte Trinkwasser-Reserve brackig geworden ist.

 

Zweiter Extremfilm des Regisseurs

 

Chandors zweite Regie-Arbeit ist abermals ein Film der Extreme. Sein Debüt „Der große Crash – Margin Call“ war es auf umgekehrte Weise: Darin palavert ein Rudel Investment-Banker eine Nacht lang darüber, wie sie beim Ausbruch der Finanzkrise 2008 ihre Milliarden und ihren Hals retten können. Am Ende dieser brillanten Dialog-Orgie steht bei Morgengrauen die Weltwirtschaft vor dem Abgrund; und der Zuschauer hat begriffen, warum.


Offizieller Filmtrailer


 

Hochsee-Kollision mit Container

 

In „All is lost“ gibt es nichts zu verstehen: Sturm, Gewitter und tobende See sind einfach da und akustisch ständig präsent. Das Prasseln von Regen und Gischt, das Heulen des Windes und das bedrohliche Gurgeln von Wasser, das ins Boot eindringt, füllen die Tonspur; oder gemächliches Glucksen, wenn sich der Sturm legt und der Skipper kurz verschnaufen kann. Die Natur verschafft sich andauernd Gehör, stellenweise kurz von Musik unterlegt.

 

Die Ausgangssituation ist einfach: Während die Yacht über den Indischen Ozean segelt, rammt sie einen im Wasser treibenden Frachtcontainer. Die Kollision reißt ein Leck in die Bordwand, das der erfahrene Segler provisorisch flicken kann. Dem aufziehenden Sturm hält das Boot aber nicht mehr stand. Es kentert, der Mast bricht, dann läuft es voll und säuft ab.

 

Frachtschiff ignoriert Schiffbrüchigen

 

Redford hat sich rechtzeitig in ein Schlauchboot gerettet. Damit treibt er langsam in die internationale Wasserstraße zwischen Madagaskar und Sumatra hinein. Endlich erscheint am Horizont ein riesiges Frachtschiff: Mit Hunderten von Containern vollgepackt, wirkt es wie eine schwimmende Festung.

 

Der Schiffbrüchige macht mit bengalischem Feuer und Leuchtmunition auf sich aufmerksam. Doch der Frachter gleitet vorbei: Sieht seine Besatzung ihn nicht? Oder ignoriert sie ihn zynisch, weil ein zeitaufwändiges Bergungsmanöver ihren Fahrplan durcheinander bringen würde? Der Mann wird es nie erfahren – ebenso wenig wie afrikanische Flüchtlinge, die im Mittelmeer treiben.

 

Kamera taumelt durch Kajüte

 

Bis dahin hat der Segler alle Gefahren gefasst gemeistert. Bei jedem Rückschlag reagiert er wie ein moderner Hiob mit eiserner Disziplin, um das Schlimmste zu verhindern; es gelingt ihm sogar, das gekenterte Schlauchboot wieder aufzurichten. Doch allmählich werden seine Optionen immer weniger; stumme Verzweiflung steht ihm ins wettergegerbte Gesicht geschrieben.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur J.C. Chandor über „All Is Lost“

 

und hier eine Besprechung des Films „The Company You Keep – Die Akte Grant“  – Polit-Thriller von + mit Robert Redford

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller “Der große Crash – Margin Call” von JC Chandor mit Kevin Spacey

 

und hier einen Beitrag über den 3D-Film “Life Of Pi – Schiffbruch mit Tiger”  von Ang Lee

 

und hier einen Bericht über den Film “Kon-Tiki” – über Thor Heyerdahls legendäre Pazifik-Seefahrt von Joachim Rønning + Espen Sandberg

 

Für dieses existentielle Drama braucht es nicht mehr als ein Boot auf offener See, den Ausnahmeschauspieler Redford und eine exzellente Kameraführung. Manchmal steigt sie über dem Meer empor oder taucht in seine Tiefen hinab, aber meist ist sie ganz nah dran am einsamen Segler, taumelt mit ihm durch die schlingernde Kajüte und über Deck, wenn er irgendwas vertäut oder repariert.

 

Kein US-Autorenkino ohne Redford

 

Dass diese quasi dokumentarische Beobachtung eines Seemanns bei seinem tristen Tagwerk keine Sekunde langweilig wird, ist fast ein kleines Naturwunder. Nach nur zwei Spielfilmen erscheint Regisseur Chandor als Universaltalent, das jeden noch so spröden Stoff packend aufbereiten kann.

 

Wenn jemand wie Robert Redford mitspielt: Wer könnte dieses Heldenepos vom einsamen Überlebenskampf glaubwürdiger verkörpern als er? Er hat sich stets vom Hollywood-System ferngehalten. Mit dem 1981 gegründeten Sundance Institute und dem vier Jahre später etablierten Sundance Film Festival hat Redford unabhängige US-Filmemacher gefördert wie kein anderer. Ohne ihn gäbe es das heutige amerikanische Autorenkino nicht ansatzweise.

 

Uramerikanische Pionier-Tugend

 

Allein gegen das Establishment: Chandors Film gleicht beinahe einer Parabel auf Redfords Biographie. Dazu gehört eine uramerikanische Tugend seit Pionier-Tagen: Niemals aufgeben, solange noch Leben in den Gliedern zuckt, auch wenn die Chancen noch so klein sind. Denn alles ist besser als das stille Grab am Meeresgrund: It ain’t over ‚til it’s over.


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