Thomas Imbach

Mary – Königin von Schottland

Königin Mary Stuart (Camille Rutherford) mit ihren Hofdamen. Foto: One Filmverleih

(Kinostart: 20.11.) Ihre Cousine Elisabeth I. ist weltberühmt, Maria Stuart nur die ewige Verliererin. Regisseur Thomas Imbach porträtiert sie als überraschend moderne Kämpferin, die scheitern musste – ein Historienfilm auf der Höhe unserer Zeit.

Dieses Königinnen-Drama hat Shakespeare nie geschrieben. Obwohl es alles enthält, was seine Stücke unsterblich werden ließ: Machtgier, Verblendung, Intrige, Verrat und Wankelmut der menschlichen Natur. Doch die Protagonistinnen waren seine Zeitgenossen; ein Kommentar hätte ihn den Kopf kosten können.

 

Info

 

Mary –
Königin von Schottland

 

Regie: Tho­mas Imbach,

120 Min., Schweiz 2013;

mit: Camille Ruth­er­ford, Sean Big­ger­staff, Mehdi Dehbi 

 

Website zum Film

 

Zwei Jahrhunderte später nahm Schiller den Stoff auf. Seine Tragödie „Maria Stuart“ behandelt nur die letzten Tage vor ihrer Hinrichtung als Exempel für den Konflikt zwischen Freiheit und Staatsräson. 1935 schrieb dann Stefan Zweig seine gleichnamige Romanbiographie. An dessen Psychogramm hat sich der Schweizer Thomas Imbach orientiert; eine so nahe liegende wie ausgefallene Vorlage.

 

Hoffnungsloser Fall im Kerker

 

Von Elisabeth I., der kühlen Machttechnikerin auf Englands Thron, die ein Zeitalter prägte und ein Weltreich begründete, handeln etliche Filme; ihre weitsichtige Skrupellosigkeit fasziniert bis heute. Darin taucht ihre Gegenspielerin Maria I., die als schottische Königin vergeblich die englische Krone beanspruchte, meist nur als hoffnungsloser Fall auf – a born loser im komfortabel ausgestatteten Kerker.


Offizieller Filmtrailer


 

Beide Königinnen begegneten sich nie

 

Regisseur Imbach dreht den Spieß radikal um: Seine Elisabeth I. ist die große Abwesende. Zwar ist ihr Konterfei als Bild allgegenwärtig und ständig von ihr die Rede, aber sie selbst taucht nie auf. Was stimmt: Beide Monarchinnen sind sich nie persönlich begegnet. Doch in Marys Bewusstsein war ihre Cousine stets präsent – sie betrachtete sie als ihr ebenbürtige Geistesverwandte. Geradezu flehentlich bat sie um ein Treffen; in den 19 Jahren ihrer Einzelhaft schrieb sie ihr unzählige Briefe, die Elizabeth nie erreichten.

 

Es ist der zeitlose Konflikt zwischen hochfliegenden Ambitionen und realer Ohnmacht, der Imbach an der glücklosen Renaissance-Königin interessiert. Überzeugt, legitime Ziele zu verfolgen, stürzt sie sich mit überraschend modernem Selbstbewusstsein in machtpolitische und amouröse Abenteuer, denen sie nicht gewachsen ist. Kein Wunder: Mary war in den wenigen Jahren ihrer Herrschaft blutjung.

 

Gemahl mit Explosion beseitigt

 

Um sie vor Machtkämpfen zu schützen, wird sie als Kind nach Frankreich geschickt. Dort wächst die Katholikin am Hof auf und wird als Backfisch mit dem Thronfolger vermählt. Der stirbt ein Jahr darauf, und Mary (Camille Ruth­er­ford) kehrt mit 17 Jahren nach Schottland zurück. Trotz ihrer Königswürde kann sie sich gegen den protestantischen Adel kaum durchsetzen, zumal sie den englischen Katholiken Lord Darnley ehelicht. Ihr gemeinsamer Sohn ist für die kinderlose Elizabeth eine Bedrohung.

 

Darnleys Radikalismus bringt Mary in Bedrängnis. Er lässt ihren Vertrauten und Berater Rizzio (Mehdi Dehbi) ermorden; sie wendet sich von ihm ab. Zwei Jahre danach stirbt ihr Mann, weil sein Haus explodiert. Das hat ihr neuer Geliebter arrangiert, der Earl of Bothwell (Sean Big­ger­staff); ihn heiratet Mary wenig später. Damit hat sie den Bogen überspannt; ganz Schottland empört sich gegen sie.

 

Blutrote Dessous auf dem Schafott

 

Nach Verhaftung und Flucht setzt sich Mary nach England ab. Da sie den Thronanspruch nicht aufgibt, lässt Elizabeth sie wegsperren. Dennoch bleibt die Gefangene eine Schachfigur im politischen Spiel; Verschwörer wollen sie als Zugpferd einspannen. Als Ende 1586 ein großes Komplott auffliegt, ist Elizabeths Geduld am Ende: Drei Monate darauf lässt sie ihre Rivalin hinrichten – die auf dem Schafott ein blutrotes Unterkleid trägt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films  Leb wohl, meine Königin! – Historiendrama über Marie Antoinette, Frankreichs letzte Monarchin, von Benoît Jacquot

 

und hier einen Bericht über den Film Die Königin und der Leibarzt – Historiendrama von Nikolaj Arcel mit Mads Mikkelsen als Radikal-Reformer am dänischen Hof, mit Silbernem Bären 2012 prämiert

 

und hier einen Beitrag über den Film “Anonymus” – Historien-Thriller über Shakespeare + das elisabethanische Zeitalter von Roland Emmerich.

 

Diesen grellen Schlussakzent nimmt der Film mit. Ansonsten lässt er das lange, triste Finale in England beiseite; stattdessen konzentriert er sich auf die sieben kurzen Jahre in Schottland. In denen Mary alles zugleich versucht: Toleranz predigen, Widersacher ausschalten und die Liebe ihres Lebens finden. Womit sie scheitern muss – als Frau in einer Männerwelt, Außenseiterin in einer Clan-Gesellschaft und Vertreterin einer religiösen Minderheit.

 

Schottische Burgen in der Schweiz

 

Ihren hochfliegenden Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen gibt Camille Ruth­er­ford ein unvergessliches Gesicht: Aufrecht und grazil, sehnig und zerbrechlich verleiht sie jeder Szene eindringliche Intensität. Dagegen wirken die meisten Mannsbilder wie kümmerliche Ränkeschmiede. Nur Sean Biggerstaff als Earl of Bothwell strahlt die souveräne Tatkraft aus, die man von einem Prinzgemahl erwarten würde.

 

Dass die schottischen castles und manors in der Schweiz liegen, merkt man ihnen nicht an. Ihre historisch korrekte, aber karge Ausstattung macht die Isolation hinter mächtigen Burgmauern anschaulich, in der die damalige Elite hauste: Ihre Gemächer ähnelten einer Gruft.

 

Rollenspiel mit Puppen

 

Zudem lässt Regisseur Imbach den verschmitzten Mehdi Dehbi als Berater Rizzio mit Puppen die vertrackte Beziehung der beiden Cousinen durchspielen. Eine fabelhafte Idee: Da fällt alles höfische Gepränge weg; übrig bleibt nur der „enge und glühende Raum einer einzigen Leidenschaft“, wie Stefan Zweig souffliert. Was 450 Jahre Zeitabstand kurzschließt: ein Historienfilm ganz auf der Höhe unserer Gegenwart.


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