Benedict Cumberbatch

The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben

Rückschlag: Alan Turing (Benedict Cumberbatch) wird vom eigenen Geheimdienst aufgehalten. Foto: SquareOne Entertainment

(Kinostart: 22.1.) Mathematik als Friedensbringerin: Alan Turing begründete die Informatik und besiegte die Nazis, doch die Justiz trieb ihn in den Selbstmord. Seine tragische Vita erzählt Regisseur Morten Tyldum brillant als Genesis der Computer-Ära.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge: Diese 2500 Jahre alte Einsicht von Heraklit gilt auch im Digital-Zeitalter. Computer hätten nicht binnen 50 Jahren die Welt erobert, zumindest nicht so rasch, wenn nicht der Zweite Weltkrieg ihre Entwicklung enorm beschleunigt hätte. IBM, Apple und Microsoft sind in gewissem Sinne Abkömmlinge von Hitler, Churchill und Stalin.

 

Info

 

The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben

 

Regie: Morten Tyldum,

114 Min., Großbritannien/ USA 2014;

mit: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode

 

Website zum Film

 

Genauer: Diese Unternehmen sind die kommerziellen Erben der Mathematik-Überflieger, die von den Kriegsherren beauftragt oder gezwungen wurden, alles Denkbare für den Sieg zu leisten. Die meisten Informatik-Gründungsväter sind nur noch Fachleuten bekannt. Einer der wichtigsten war der Brite Alan Turing (1912-1954): der vielleicht brillanteste Kopf von allen – und zugleich derjenige, dessen kurzes Leben am tragischsten verlief.

 

Mit 16 Einstein lesen, mit 26 Doktor

 

Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten beeindruckte schon als Kind durch überragende Intelligenz. Mit 16 Jahren eignete er sich die Schriften von Albert Einstein an, mit 19 studierte er Mathematik in Cambridge, mit 26 schrieb er seine Promotion in Princeton. Was ihn bei Kriegsausbruch zum idealen Kandidaten für eine Geheimdienst-Sondereinheit machte; sie sollte deutsche „Enigma“-Chiffriermaschinen für Funksprüche der Wehrmacht entschlüsseln.


Offizieller Filmtrailer


 

Vertraute mit Kreuzworträtsel rekrutiert

 

Da setzt der Film ein. Der frischgebackene Mathe-Doktor (Benedict Cumberbatch) wird für das „Enigma“-Team in Bletchley Park angeheuert, einer Waldsiedlung nördlich von London. Schnell gerät er mit seinen fünf Kollegen aneinander, wird von Geheimdienst-Chef Stewart Menzies (Mark Strong) zurechtgewiesen – und beschwert sich brieflich bei Premierminister Winston Churchill. Der befördert ihn prompt zum Team-Leiter; Not kennt kein Gebot.

 

Wie viele Höchstbegabte ist Turing weder ungehobelt noch Misanthrop. Er versteht nur die kleinlichen Bedenken nicht, die Normalsterbliche gegen seine wohldurchdachten Kalküle einwenden, und setzt sich rücksichtslos darüber hinweg. Turing feuert zwei Linguisten, setzt ganz auf Mathe und rekrutiert eine Vertraute, die Studentin Joan Clarke (Keira Knightley) – mithilfe eines kniffligen Kreuzworträtsel-Wettbewerbs.

 

Decodierungs-Durchbruch mit „Heil Hitler!“

 

Sie hilft ihm bei der Konstruktion einer Monster-Maschine, der so genannten „Turing-Bombe“. Dieser elektromechanische Koloss, groß wie eine Schrankwand, soll die Unmenge von „Enigma“-Kombinationen so weit verringern, dass sie sich entschlüsseln lassen. Monatelang gelingt das nicht; der ungeduldige Geheimdienst droht, das Team aufzulösen. Erst macht Turing seiner Joan einen Heiratsantrag, um sie zu halten; wenig später löst er die Verlobung.

 

Dann die rettende Einsicht: Jeder deutsche Funkspruch enthält die Grußformel „Heil Hitler!“, nach der man gezielt suchen kann. Das ist der Durchbruch: Turings Leute finden rasch diverse Entschlüsselungs-Methoden; deutscher Funkverkehr ist kein Kauderwelsch mehr. Natürlich wird der Wehrmacht bald klar, dass die Alliierten sie belauschen, und ändert ihre Verfahren. Dennoch: Historiker nehmen an, dass die „Enigma“-Dechiffrierung den Krieg um zwei bis vier Jahre verkürzt und dadurch unzählige Menschenleben gerettet hat.

 

Unbemerkt Informatik beiseite lassen

 

Mathematik als Friedensbringerin: Ist das nicht wundervoll? Ein ähnliches Wunder ist dieses biopic, das Turing ein längst fälliges Denkmal setzt, ohne auch nur eine Sekunde lang in triumphales Pathos abzugleiten. Der norwegische Regisseur Morten Tyldum umgeht solche Kriegsfilm-Klippen elegant, indem er den Film als Kammerspiel anlegt. Der Feldzug seines Helden spielt sich fast nur in schummrigen Arbeitsräumen ab, dem natürlichen Habitat von Wissenschaftlern.

 

Ebenso gelingt es Tyldum, theoretische Informatik völlig außen vor zu lassen, ohne dass der Zuschauer es merkt. Der Film suggeriert erfolgreich, man verstünde halbwegs, woran Turing arbeitet, was natürlich nicht stimmt. Mit einem raffinierten Codierungs-Trick: Im Mittelpunkt stehen die menschlichen Dramen zwischen allen Beteiligten – und die sind so intensiv und überwältigend, dass die ratternde Turing-Bombe im Hintergrund kaum auffällt.

 

Freitod nach Hormontherapie

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ – Biopic über den Physiker Stephen Hawking von James Marsh

 

und hier einen Bericht über den Film “Citizenfour”beeindruckende Doku  über Edward Snowden von Laura Poitras

 

und hier einen Beitrag über den Film Diplomatie – virtuoses Kammerspiel über die Rettung von Paris im Zweiten Weltkrieg von Volker Schlöndorff

 

Wozu ihre Humanisierung beiträgt: Turing nennt seine Schöpfung „Christopher“ – nach seinem einzigen, heiß geliebten Schulfreund, der früh verstarb. Der Informatik-Vordenker ist schwul, was ihm zum Verhängnis wird. 1952 fliegt seine Beziehung zu einem 19-Jährigen auf; da Homosexualität damals noch strafbar ist, wird er verurteilt. Um der Haft zu entgehen, unterzieht sich Turing einer Hormontherapie; sie löst schwere Depressionen aus. Zwei Jahre später vergiftet er sich selbst.

 

Dieses tragische Ende behandelt Regisseur Tyldum so taktvoll kurz wie anrührend. Als letzten ergreifenden Auftritt für Benedict Cumberbatch, der die Hauptfigur zwei Stunden lang fabelhaft furios verkörpert: eigenwillig bis zum Starrsinn, eigenbrötlerisch bis zur Isolation und trotzdem jederzeit liebenswert – ein Genie zum Gernhaben. Seine Meisterleistung ist zurecht für einen Oscar nominiert; eine von insgesamt acht Nominierungen für den Film.

 

Multiple Oscar-Relevanz

 

Ebenso verdient ist diejenige für die beste Nebendarstellerin: Keira Knightley spielt so differenziert und uneitel wie noch nie. Dazu kommen Nominierungen in allen Königskategorien wie bester Film, Regie, Drehbuch und Schnitt. Sollte die Jury bei der Vergabe auf Relevanz achten, dürfte sie „The Imitation Game“ mehrfach auszeichnen: Endlich erhellt ein Film, woher die Maschinen kommen, die heute unser aller Leben bestimmen.


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