Dominik Graf

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen

Michael Althen in jungen Jahren. Foto: Zorro Film

(Kinostart: 18.6.) Er lernte seine Frau im Kino kennen, sein Nachruf beschleunigte Antonionis Tod: Der renommierte Filmkritiker Michael Althen lebte ganz für die Leinwand. Ihm widmet Regisseur Dominik Graf ein liebevolles, etwas längliches Porträt.

Als Dominik Grafs Hommage an seinen 2011 viel zu früh verstorbenen Freund Michael Althen bei der Berlinale im Februar uraufgeführt wurde, glich das einer Art Familientreffen. Im Saal saßen viele Branchen-Größen – Kritikerkollegen, Produzenten und Regisseure – und erzählten anschließend von ihren Erinnerungen an den teuren Toten. Sehr bewegend für alle, die dazugehören und dabei waren – aber ist das ein Film fürs reguläre Kinoprogramm?

 

Info

 

Was heißt hier Ende?
Der Filmkritiker Michael Althen

 

Regie: Dominik Graf,

120 Min., Deutschland 2014;

mit: Beatrix Schnippenkoetter, Tom Tykwer, Wim Wenders

 

Weitere Informationen

 

Offenbar schon: Zählt man alle Filmhochschul-Studenten, Nachwuchs-Regisseure, Feuilleton-Schreiber und Amateur-Cineasten im Land zusammen, kommt man auf ein ansehnliches Zielpublikum. Fast allen dürfte der Name Michael Althen etwas sagen, und etlichen unter ihnen viel bedeuten: Er war unbestritten einer der besten, vielleicht der beste Filmkritiker seiner Generation.

 

Biographie-Annäherung mit Eigentexten

 

Für seinen Nachruf ist Dominik Graf der denkbar beste Regisseur. Beide waren eng befreundet; sie drehten gemeinsam zwei Essayfilme. Weswegen Graf auch keine klassische Doku, sondern eine „biographische Annäherung“ komponiert hat; aus Archiv-Fotos und Videobildern, Gesprächen mit Verwandten und Weggefährten sowie langen Passagen aus Texten von Althen selbst.

Offizieller Filmtrailer


 

Feuilleton-Edelfedern vor dem Internet-Reißwolf

 

Er hat neben Filmkritiken manches andere geschrieben: Porträts, Interviews, Kommentare, Glossen, Bücher und vieles mehr. Oft sind die Texte sehr persönlich und handeln mehr von seinen Empfindungen als dem Geschehen auf der Leinwand – was in plötzliche und profunde Augenblicks-Einsichten und Erkenntnis-Splitter mündet. Also ideales Material zur Charakterisierung des Autors in seinen eigenen Worten.

 

Sie beschwören ein Journalisten-Milieu herauf, das noch sehr aktiv ist, dessen Blütezeit aber ziemlich verwelkt erscheint: Feuilleton-Edelfedern der Bildungsbürger-Qualitätspresse Ende des 20. Jahrhunderts, bevor sie in den Internet-Reißwolf geriet. 1962 geboren, wuchs Althen behütet bei München auf; sein Vater war Filmliebhaber und fixte den Jungen an.

 

Kino als wunderbare Alternative zum Leben

 

Michael studierte Germanistik, absolvierte die Münchener Journalistenschule und startete ab 1984 eine steile Karriere in den Feuilletons. „Tempo“, „Der Spiegel“, „Die Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“, „FAZ“ – nahtlos von Station zu Station. Die Honorare waren auskömmlich bis üppig. Keine Brüche, keine Krisen, nirgends. Als 30-Jähriger heiratete er Beatrix Schnippenkoetter; selbstredend hatten sich beide im Kino kennengelernt.

 

Trotz seiner monothematischen Existenzform sind Althens Texte sehr welthaltig: voller Detailbeobachtungen, Lebenserfahrung und Menschenkenntnis – die er vor der Leinwand sammelte. Getreu seiner Maxime: „Kino ist zwar nicht unser Leben, aber doch eine ganz wunderbare Alternative zu dem, was wir für unser Leben halten.“ Und manchmal kaum zu unterscheiden: Als Althen 2007 einen Nachruf auf Michelangelo Antonioni für die Schublade schrieb und der Meisterregisseur drei Tage später starb, argwöhnte er, dessen Ableben beschleunigt zu haben.

 

Überall etwas Positives finden

 

Wem Filme Lebensmittel sind, der kann ganz in ihnen aufgehen: Viele Rezensionen von Althen sind eigentlich nur verständlich, wenn man den Film bereits kennt – möglichst in- und auswendig, wie der Autor selbst. Sein anspielungsreiches Schreiben für Eingeweihte begeisterte movie buffs, schloss aber die 98 Prozent Nicht-Spezialisten aus. Vielmehr: Es hätte sie ausgeschlossen, wenn Althen seine esoterischen Seh-Erfahrungen nicht stets mit mal lakonischer, mal blumig schwärmerischer Poesie des Alltags grundiert hätte. Die begriff jeder und gefiel den Meisten.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier Texte von Michael Althen auf der ihm gewidmeten Hommage-Website michaelalthen.de.

 

und hier eine Besprechung des Films „Von Caligari zu Hitler – Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen“ – Essayfilm über die Stummfilm-Ära der Weimarer Republik von Filmkritiker Rüdiger Suchsland

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die geliebten Schwestern“ – brillantes Dreiecksbeziehungs-Biopic mit Friedrich Schiller von Dominik Graf.

 

Dazu kam, wie SZ-Kollege Tobias Kniebe betont, seine Fähigkeit, in jedem Film etwas Positives aufzuspüren. Selbst wenn er misslungen war: Althen entdeckte darin kurze Szenen oder Gesten, denen er Interesse oder Zuneigung schenkte. Wer das Kino so liebt, dass er es nie völlig abwerten kann, der wird natürlich von seinen Machern geschätzt. Von den Zuschauern sowieso: Gibt er ihnen doch das gute Gefühl, bei keinem Film ihre Zeit komplett zu verschwenden.

 

Kein Führerschein, aber Eisenbahn

 

Dennoch blieb der allzeit liebenswürdige Althen auch immer etwas ironisch auf Distanz. Das würde man ebenso dieser Hommage wünschen, die sich passagenweise arg im Privaten verliert. Wer wann an welchem Tisch in „Schumann’s Bar“ saß und mit wem einen hob, mag zwar die Münchener in-crowd faszinieren, jenseits der Stadtgrenze aber kaum. Dass Althen eine gewisse Weltfremdheit kultivierte, indem er niemals den Führerschein machte, klingt plausibel – doch dafür muss man nicht seine elektrische Eisenbahn aus dem Keller holen.

 

Solche Abschweifungen hätte sich der Geehrte nie erlaubt. Seine Texte mäandern zwar oft, behalten aber ihren Gegenstand fest im Blick. Sie umkreisen ihn gewissermaßen, tasten ihn geduldig ab, spüren den Kern der Sache auf – und machen ihn mit einer überraschenden Volte oder Pointe dingfest. Wissend, wann Schluss ist: So glanzvoll wie in seinen days of glory, die Althen miterlebte und -prägte, wird künftig das deutsche Feuilleton wohl nicht mehr werden.


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