Jacques Audiard

Dämonen und Wunder – Dheepan

Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) und Yalini (Kalieaswari Srinivasan) müssen sich arrangieren, © 2015 Why Not Productions–Page 114–France 2 Cinéma. Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 10.12.) Expedition in den Betonsilo-Dschungel: Trotz heißen Bemühens um Integration gerät ein Flüchtling im Vorstadt-Ghetto zwischen die Fronten – und schlägt zurück. Der brillante Sozial-Thriller von Regisseur Audiard gewann das Festival von Cannes.

Es beginnt spektakulär unspektakulär – wie eine der zahllosen aktuellen Reportagen über die Ankunft von Flüchtlingen. Dheepan, seine Frau Yalini und ihre neunjährige Tochter Illayaal aus Sri Lanka müssen sich bei der französischen Einwanderungs-Behörde registrieren lassen, werden befragt und untersucht. Sie bekommen Starthilfe und eine Sozialwohnung zugewiesen.

 

Info

 

Dämonen und Wunder – Dheepan

 

Regie: Jacques Audiard,

115 Min., Frankreich 2015;

mit: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Vincent Rottiers

 

Website zum Film

 

Doch so einfach ist es nicht. Die drei Tamilen sind keine Familie; nur ihre gefälschten Pässe erklären sie dazu. Beim Verhör durch Beamte wird Dheepans Lüge, er sei in seiner Heimat als Hilfsorganisations-Mitarbeiter vom Staat verfolgt worden, vom Dolmetscher falsch übersetzt – damit er bessere Chancen auf politisches Asyl hat. Obwohl dessen Version zufällig stimmt: Dheepan war tatsächlich Mitglied der „Befreiungstiger“-Rebellen („Liberation Tigers of Tamil Eelam“, LTTE) und wurde von Regierungstruppen gefoltert.

 

Post in Briefkästen wird geklaut

 

Dann führt sie ein schlaksiger Schwarzer durch ihr künftiges Wohnviertel und erklärt Dheepan seinen Job als Hausmeister: Abfall entsorgen, Lampen reparieren und Briefe für die Nachbarn zur Abholung sortieren, weil aus Briefkästen alles geklaut wird. Was dem Neuling schwer fällt, da er kaum Französisch kann; am schnellsten kommt die kleine Illayaal mit der fremden Sprache und Schrift zurecht.

Offizieller Filmtrailer


 

Drogen-Kunden stehen Schlange

 

Das Trio ist in la Coudraie von Poissy gelandet: einer heruntergekommenen Betonblock-Siedlung für Immigranten in der Pariser banlieue. Hier wird das Straßenbild von brennenden Mülltonnen und Kleinkriminellen beherrscht: Tagsüber wickeln sie Drogen-deals in leeren Wohnungen ab; nachts stehen die Kunden in ihren Autos Schlange, um Stoff zu kaufen. Das geschäftige Treiben sehe aus „wie im Kino“, bemerkt Yalini.

 

In ihrer schäbigen Bleibe richtet sich die patchwork-Familie halbwegs wohnlich ein. Dheepan erweist sich als geschickter Handwerker; sogar einen kaputten Aufzug bringt er wieder in Gang. Yalini bekocht einen behinderten Araber und seinen Sohn Brahim (Vincent Rottiers), nachdem der gang leader aus der Haft entlassen worden ist. Und Illayaal schlägt sich in der Grundschule durch, wenn die übrigen Mädchen sie nicht mitspielen lassen.

 

Hauptdarsteller war guerilla-Kämpfer

 

Die Koexistenz zwischen deklassierten oder demoralisierten habitués und den unsicheren, aber hochmotivierten Neuankömmlingen ist prekär: Solange Dheepan und Yalini wortlos ihren Hilfsjobs nachgehen, sind sie wohlgelitten – weil sie erledigen, wofür Andere sich zu schade sind. Doch als Yalini ins Kreuzfeuer eines Bandenkonflikts gerät, muss Dheepan reaktivieren, was in ihm steckt: Anders als die großmäuligen pusher weiß der Ex-guerillero nur zu gut, wie man Krieg führt. Auch das stimmt: Hauptdarsteller Jesuthasan Antonythasan war früher LTTE-Kämpfer.

 

Sein etwas anderes Einwanderungs-Drama dreht Regisseur Jacques Audiard gewohnt schnörkellos: Wie schon in „Ein Prophet“ (2009) über die Hackordnung im Knast und „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012) über eine Schläger-Krüppel-Beziehung reiht er nüchterne Szenen chronologisch aneinander. Die Originalität seiner Filme liegt in setting und Figurenzeichnung: Sie lassen im Alltäglichen Abgründe aufscheinen.

 

Ein Vierteljahrhundert lang Bürgerkrieg

 

Angefangen mit der Herkunft der Protagonisten: Der zeitweise extrem brutal geführte Bürgerkrieg zwischen tamilischen Rebellen und singhalesischer Mehrheit in Sri Lanka dauerte länger als ein Vierteljahrhundert; von 1983 bis 2009. Dabei starben mehr als 100.000 Menschen, ganze Landstriche wurden verwüstet – doch im Westen blieb das praktisch unbeachtet.

 

Indem er seine Helden dort verortet, umgeht Audiard nicht nur geschickt alle Klischees über prominente Kriegsschauplätze wie Syrien oder Libyen und Vorurteile über Orientalen oder Afrikaner – er deutet auch dezent an, wie viele blutige Konflikte weltweit nie in hiesigen Nachrichten auftauchen. Bis ihre traumatisierten Opfer hier ankommen.

 

In der Fremde zusammenrücken

 

Damit nicht genug: Der ganze Film nimmt ihre Perspektive ein. Wie exotisch ihnen Frankreich erscheint, wie irritierend jede Situation, wie riskant sich der erste Gang in den Supermarkt oder ins Klassenzimmer anfühlt. Anstelle noch einer Fallgeschichte über Flüchtlinge als Empfänger milder Gaben macht Regisseur Audiard sie zu souveränen Subjekten.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Hauptdarsteller Jesuthasan Antonythasan über den Film „Dämonen und Wunder – Dheepan

 

und hier eine Besprechung des Films „Mediterranea“Flüchtlings-Drama in Süditalien von Jonas Carpignano

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Geschmack von Rost und Knochen” – Außenseiter-Drama mit Marion Cotillard von Jacques Audiard

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Ein Prophet“ – Häftlings-Entwicklungsdrama von Jacques Audiard mit Tahar Rahim.

 

Sie rücken in der Fremde zusammen und finden emotional zueinander – weil nur ihre tamilische nolens-volens-Gemeinschaft sie vor den Zumutungen der Außenwelt schützt: Daheim sind wenigstens Sprache und Essen vertraut. Dabei bemühen sich alle drei redlich um das, was man landläufig Integration nennt.

 

Brennende Autos als Neujahrs-Folklore

 

Illayaal macht fleißig Hausaufgaben; Yalini plaudert radebrechend mit Brahim, der zu Hausarrest verdonnert ist, und Dheepan packt seine Aufgaben so tatkräftig an wie wohl kein Wohnblock-Hausmeister vor ihm. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so: Gegen flagrante Verwahrlosung und Gewalt in ihrem Umfeld helfen auch keine südasiatischen family values.

 

Darin hat Frankreich zwei bis drei Jahrzehnte Vorsprung: Die meisten Zuwanderer aus dem Maghreb kamen in den 1970/80er Jahren, wurden in der banlieue kaserniert und sich weitgehend selbst überlassen. In manchen quartiers geht es zu wie in der Bronx oder Harlem vor 40 Jahren. Zwar werden die ärgsten Missstände angegangen, doch gegen Dauer-Arbeitslosigkeit und -Diskriminierung helfen weder Staatsknete noch Polizei-Sondereinheiten. Ihre Statistik über in der Silvesternacht ausgebrannte Autos gehört längst zur französischen Neujahrs-Folklore.

 

Wildnis am Stadtrand der Metropolen

 

So entpuppt sich der culture clash-Thriller doch als brisante Sozialreportage. „Dämonen und Wunder“ geht mit dem weltläufigen arthouse-Kinopublikum auf Expedition in eine ihm unbekannte Wildnis: die Ghettos europäischer Metropolen. Schon lange hat kein Siegerfilm beim Festival in Cannes die Goldene Palme so hoch verdient wie dieser.


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