Çayan Demirel+ Ertuğrul Mavioğlu

Bakur – North

PKK-Kämpfer bestatten gefallene Kameraden. Foto: Tamam Filmverleih

(Kinostart: 19.5.) Sieht aus wie Pfadfinder-Leben, ist aber Bürgerkrieg seit 30 Jahren: Die PKK lässt ihren Untergrund-Alltag dokumentieren. Ein aufschlussreicher Propagandafilm – bei Disziplin und Motivation scheint die Kurden-Guerilla unschlagbar.

Kriege sind heutzutage mehr als je zuvor Kriege der Bilder. Wem es gelingt, seine Sicht des Konflikts in passenden Bildern zu verbreiten, der gewinnt die entscheidende Schlacht um die öffentliche Meinung. Mediale Bilder machen Krieg überhaupt erst wahrnehmbar: Aufnahmen von syrischen Flüchtlingen bewegen die ganze Welt. Dass zur gleichen Zeit ein Bürgerkrieg im Jemen tobt, wird praktisch ignoriert – weil es davon kaum Bilder gibt.

 

Info

 

Bakur – North

 

Regie: Çayan Demirel + Ertuğrul Mavioğlu,

92 Min., Türkei 2015;

mit: PKK-Soldaten + -Kommandeuren

 

Engl. Website zum Film

 

Auch der Krieg in Südost-Anatolien, den das türkische Militär seit mehr als 30 Jahren gegen die kurdische PKK führt, ist wieder aufgeflammt; im Juli 2015 erklärte Staatschef Recep Tayyip Erdoğan den Friedensprozess für gescheitert. Von den gegängelten türkischen Medien ist unabhängige Berichterstattung nicht zu erwarten. Da lohnt ein Blick auf diesen Dokumentarfilm, der 2013 entstand, als die Verhandlungen zwischen Ankara und den Rebellen auf gutem Wege schienen.

 

Dies- und jenseits der Grenze gedreht

 

Dem kurdischen Regisseur Çayan Demirel und dem linken Journalisten Ertuğrul Mavioğlu tritt man sicher nicht zu nahe, wenn man sie als PKK-nah bezeichnet: Andernfalls hätten sie wohl keinen Zugang zu Stützpunkten der Kurden-Guerilla erhalten. Nach eigenen Angaben haben sie in den türkischen Provinzen Tunceli (kurdisch: Dersim), Diyarbakır (Amed) und in der Region Botan gedreht, die teils zur Türkei, teils zum Irak gehört.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Führer-Kult als bekannt vorausgesetzt

 

Für Kurden zählen alle drei Gegenden zum Norden ihres Siedlungsgebiets; seit 1920 ist es auf vier Staaten aufgeteilt und wird von ihnen mit den Himmelsrichtungen bezeichnet. Davon abgesehen erläutern die Regisseure die Geschichte des türkisch-kurdischen Konflikts, etwa den mehrfach erwähnten Dersim-Aufstand 1937/38, ebenso wenig wie die der PKK. Die 1978 gegründete „Kurdische Arbeiterpartei“ wechselte mehrfach die Strategie, benannte sich jeweils um und etablierte eine Korona von Tochter- und Dach-Verbänden.

 

All das wird ebenso als bekannt vorausgesetzt wie die Ausnahmestellung von Mitgründer Abdullah „Apo“ Öcalan. Er formte die PKK zur stalinistischen Kader-Organisation samt entsprechendem Personenkult; die Führer-Verehrung nahm nach seiner Verhaftung 1999 noch zu und trägt messianische Züge. Jedenfalls werden Kämpfer vor der Kamera nicht müde, ihre unerschütterliche Treue zu Apo und gefallenen „Märtyrern“ zu beteuern.

 

Monatelang in Höhlen überwintern

 

Ansonsten treten sie überraschend unmartialisch auf. Von kurzen Schießübungen abgesehen, kommen kaum Waffen ins Bild. Stattdessen werden ausgiebig Alltagsszenen gezeigt: vom Brotbacken und Uniformschneidern bis zu Sport und Badespaß. Fast entsteht der Eindruck einer Doku über Pfadfinder-Lager, aber die Schauplätze zeugen von blutigem Ernst. Kämpfer inspizieren alte Schützengräben, heben Gräber aus oder führen durch ihre Winter-Stellungen: teils natürliche, teils eigenhändig gegrabene Höhlen-Systeme, in denen sie monatelang ohne Tageslicht hausen.

 

Dabei lässt das Regie-Duo kommentarlos nur PKK-Vertreter zu Wort kommen. Einfache Soldaten erklären, warum sie sich – meist nach Repressalien des türkischen Militärs – den Freischärlern anschlossen; Offiziere erläutern ihre kurz- und langfristigen Ziele.

 

Emanzipations-Chance für Kurdinnen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Memories on Stone – Bîranînên li ser kevirî“ – raffinierter Meta-Film über Filmemachen in Kurdistan von Shawkat Amin Korki

 

und hier einen Bericht über den Film „Babamin Sesi – Die Stimme meines Vaters“ – Familienporträt kurdischer Aleviten in der Türkei von Orhan Eskiköy + Zeynal Doğan

 

und hier eine Kritik des Films „Meş – Lauf!“ – erstes nur auf Kurdisch gedrehtes Drama über den PKK- Guerillakrieg von Shiar Abdi.

 

Viel Raum nehmen Aussagen von Kämpferinnen ein: Sie hätten zur Waffe gegriffen, um nicht nur die türkischen Besatzer zu vertreiben, sondern auch 5000 Jahre patriarchalische Unterdrückung zu beseitigen. Da wird ein Erfolgsgeheimnis dieser Guerilla deutlich: In einer Kultur, die für Frauen nur häusliche Unterordnung vorsieht, bietet sie eine rare Chance zu Qualifizierung und Emanzipation.

 

Keine Frage: Dieser Film ist pure Propaganda. Viele Interview-Passagen wirken eingeübt, und vermutlich wurde jedes Wort mit PKK-Offiziellen abgestimmt. Darin unterscheidet sich „Bakur – North“ nicht von jedem x-beliebigen Imagefilm einer Institution oder Firma. Zudem hat sich seit 2013 die politische Großwetterlage geändert: Ob die Untergrund-Armee derzeit ebenso auskunftsfreudig und verständigungsbereit auftreten würde, darf bezweifelt werden.

 

Nur regionale Autonomie verlangt

 

Dennoch – bzw. gerade deswegen – ist diese Auftragsproduktion durchaus interessant: weil sie vorführt, wie die PKK sich selbst sieht. Als legitime Vertreterin der Interessen aller Kurden in der Türkei, was sie garantiert nicht ist, und als hoch motivierte und disziplinierte Truppe, die auf heimischem Territorium militärisch kaum zu schlagen ist; was offenbar zutrifft.

 

Wobei die Akteure auf revolutionäre Phrasen völlig verzichten. Sie verlangen – verklausuliert als „demokratischen Konföderalismus“, die seit 2005 geltende PKK-Doktrin – kaum mehr als regionale Autonomie; um diesen Preis hätte Präsident Erdoğan zum Friedensstifter werden können. Doch er hat ein anderes Bild im Kopf: sein Selbstporträt als großer neo-osmanischer Führer, mindestens so bedeutend wie Staatsgründer Atatürk, der „Vater aller Türken“.


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