Michael Madsen

The Visit – eine außerirdische Begegnung

Foto: © Heikki Färm, Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH. Fotoquelle: farbfilm verleih GmbH

(Kinostart: 22.9.) Das Weltall – unendliche Weiten: Gibt es irgendwo da draußen Leben? Damit beschäftigen sich etliche irdische Experten. Regisseur Michael Madsen sammelt ihre Einschätzungen: Die Ergebnisse ähneln denen von guter Science Fiction.

Wenn die Leute nicht gerade damit beschäftigt sind, Kriege zu führen oder ihren Facebook status zu checken, stellen sie sich manchmal eine der ältesten Fragen der Menschheit: Sind wir die einzige intelligente Spezies im Universum? Ihrer Beantwortung ist unser Zeitalter hochentwickelter Weltraum-Technologie nicht wesentlich näher gekommen als die Epoche von Galileo Galilei, dem Renaissance-Astronomen. Doch was wäre, wenn sich die Frage erübrigte – weil aliens der Erde einen Besuch abstatten würden?

 

Info

 

The Visit – eine ausserirdische Begegnung

 

Regie: Michael Madsen,

83 Min., Dänemark/ Irland/ Österreich 2015;

mit: Jacques Arnould, Paul Beaver, Sheryl Bishop

 

Website zum Film

 

Um dieses Thema geht es im Dokumentarfilm „The Visit“ des dänischen Regisseurs Michael Madsen. Er behandelt das fiktive Szenario der Ankunft von Außerirdischen auf unserem Planeten – mitsamt möglicher Gefahren, Chancen und Konsequenzen. Wie der Film zeigt, sind sie nicht nur aus astrophysikalischer, sondern auch philosophischer und vor allem sozialpsychologischer Perspektive interessant.

 

Aliens direkt ansprechen

 

Regisseur Madsen hat Experten aus unterschiedlichen Bereichen – von Ethik bis zu Biochemie – interviewt, die sich beruflich mit diesem Gedankenexperiment beschäftigen. Sie arbeiten vorwiegend für Institutionen wie das „United Nations Office for Outer Space Affairs“ in Wien oder das britische Verteidigungsministerium. Manche haben allerlei Fragen an die potentiellen Neuankömmlinge; sie werden etwas unbeholfen direkt angesprochen.

Offizieller Filmtrailer


 

Sofort unter Quarantäne stellen

 

„Kannst du etwas sehen, dass uns Menschen verborgen bleibt?“, formuliert etwa Douglas Vakoch, Direktor am kalifornischen SETI-Institut („Search For Extraterrestrial Intelligence“); er ist zuständig für das design von Botschaften an Außerirdische. Der britische Ex-General Paul Beaver nennt drei mögliche Gründe für ihr Eintreffen: Notlandung, Erkundungsmission oder eine feindselige Invasion. Um zu vermeiden, dass die Zivilbevölkerung eigenmächtig Kontakt aufnimmt, müsse die Landestelle weitläufig unter Quarantäne gestellt werden.

 

Der Film, so wird bald deutlich, ist keine außerirdische, sondern eine innerirdische Begegnung: Es geht in erster Linie nicht um aliens, sondern um Menschen. Da gehören die Passagen mit der Sozialpsychologin Sheryl Bishop zu den aufschlussreichsten. Sie beschäftigt sich mit den zu erwartenden Reaktionen bei Erdlingen: Wie würden sich Menschen im ersten Moment der Kontaktaufnahme wohl verhalten? Am wichtigsten wäre, herauszufinden, ob die Außerirdischen intelligent sind und über Selbstbewusstsein verfügen.

 

Hoffentlich netter als Gastgeber

 

Bishop prognostiziert außerdem, dass Panik ausbrechen werde, sollte man versuchen, die Ankunft von aliens vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Der schlimmste Feind des Menschen ist seine Angst vor dem Unbekannten: Alles, was er nicht kennt und nicht kontrollieren kann, ist für ihn eine Bedrohung. Bleibt zu hoffen, dass mögliche Besucher aus dem All mutiger, liberaler und toleranter wären als ihre unfreiwilligen Gastgeber.

 

Darüber hinaus weiß diese Doku kaum mehr über aliens zu berichten, als man über sie aus wissenschaftlich fundierten science fiction-Filmen wie „Interstellar“ (2015) von Christopher Nolan erfährt. Mit dem Unterschied, dass „The Visit“ durch seinen strengen formalen Aufbau ästhetisch in einer Sackgasse landet.

 

Erstmal „Voyager“-Kapsel öffnen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Interstellar“ – visuell überwältigendes SciFi-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan

 

und hier eine Besprechung des Films  “Prometheus – Dunkle Zeichen” – Science-Fiction-Epos von Ridley Scott mit Michael Fassbender.

 

und hier einen Beitrag über den Film „Global Viral – Die Virus-Metapher“ – komplexer Essay-Film von Madeleine Dewald + Oliver Lammert.

 

Im Minutentakt wechselnde Gespräche mit talking heads, die sich nach der Hälfte des Films wiederholen, werden nur von kurzen Stimmungsbildern unterbrochen: etwa der gepflegten Gartenlandschaft vor dem UN-Hauptquartier in Wien oder Menschen, die in Zeitlupe über Bürgersteige in ganz Europa gehen – als sei das repräsentativ für den modus operandi unserer Zivilisation.

 

Dennoch regt die Doku zum Spekulieren an: Was würden aliens über uns denken? Etwa, dass die Menschheit ihren Planeten ökologisch und ökonomisch systematisch herunterwirtschaftet? Vermutlich wäre vorteilhaft, wenn sie vor ihrer Ankunft die Kapsel gefunden hätten, die 1977 in der Raumsonde „Voyager“ ins All geschossen wurde; sie enthält Informationen über die Absender, die damals als essentiell betrachtet wurden.

 

Keine Negativ-Nachrichten

 

Dazu zählen harmlose kulturelle Artefakte wie Grußbotschaften in 55 Sprachen oder Musik-Aufnahmen von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ bis zu „Les Sacres du Printemps“ von Igor Strawinsky. Dagegen wurde alles Negative ausgespart: Krieg und Umweltverschmutzung kommen nicht vor. Ob die Empfänger der Botschaft bemerken, wie einseitig sie ausfällt? Die Antwort liegt irgendwo dort draußen.


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