Susanne Wolff

Styx

Rike (Susanne Wolf) entdeckt ein Boot mit Flüchtlingen. Foto: Copyright Benedict Neuenfels. Fotoquelle: Zorro Film
(Kinostart: 13.9.) In manchen Situationen hilft routinierte Professionalität nicht weiter: In seinem eindringlichen Hochsee-Drama konfrontiert Regisseur Wolfgang Fischer eine zusehends hilflose Seglerin mit dem Leid von schiffbrüchigen Flüchtlingen.

Rike (Susanne Wolff) ist eine zupackende Frau, die weiß, welcher Handgriff wann der richtige ist. Wie souverän die Notärztin Menschenleben rettet, zeigen bereits die ersten Minuten des fast dokumentarisch anmutenden Dramas bei einem fordernden Einsatz nach einem Verkehrsunfall.

 

Info

 

Styx

 

Regie: Wolfgang Fischer,

94 Min., Deutschland/ Österreich 2018;

mit: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa

 

Weitere Informationen

 

Auch in ihrer Freizeit sucht Rike die Herausforderung. Als erfahrene Hobby-Seglerin bereitet sie sich in Gibraltar auf eine große Reise vor. Einige Tausend Kilometer über den wilden Atlantik soll es gehen, auf ihrer professionell ausgestatteten Yacht. Ihr Ziel ist die Insel Ascension, wo einst Charles Darwin ein bis heute florierendes Biotop anlegte.

 

Routinierte Handgriffe

 

Souverän meistert Rike den Sturm, in den sie bald auf hoher See gerät. Trotz der dräuenden Atmosphäre dieses Open-Air-Kammerspiels ist es bis zu diesem Zeitpunkt fast ein Vergnügen, Rike bei ihren routinierten Verrichtungen zuzuschauen. Darüber hinaus bleibt ihre Charakterisierung zunächst spärlich, denn es gibt in diesem Hochsee-Drama kaum Dialoge.

Offizieller Filmtrailer

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Der Wert eines Lebens

 

Die Situation, mit der sie nach dem Unwetter konfrontiert wird, hebelt Rikes Selbstverständnis aus. Nicht weit entfernt treibt ein manövrierunfähiges Flüchtlingsschiff im Meer. Rike setzt einen Notruf ab, doch die Küstenwache antwortet wenig Konkretes – außer der dringlichen Aufforderung, sich von dem Boot fernzuhalten.  

 

Dass die Rettung dieser Menschen keine große Priorität hat und dass auch die Handelsschiffe, die in der Region unterwegs sind, mit den Schiffsbrüchigen nichts zu tun haben wollen, schockiert Rike, aber es überrascht sie nicht. Naiv ist die Ärztin nicht, sie weiß um die unterschiedliche Wertigkeit, die einem Menschenleben in diesem Kontext gegeben wird.

 

Moralisches Dilemma

 

Trotz der Erkenntnis, dass sie nicht annähernd alle Geflüchteten auf ihrem 12-Meter-Boot aufnehmen kann, bleibt sie in Sichtweite des Flüchtlingsschiffs. Einmal nähert sie sich sogar kurz an – mit der fatalen Konsequenz, dass einige Schiffbrüchige versuchen, sich auf ihre Yacht zu retten. Der junge Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) ist der einzige, der es soweit schafft: Ihn zieht sie schließlich bewusstlos aus dem Wasser.

 

Das moralische Dilemma, mit dem Rike sich konfrontiert sieht, spitzt sich zu. Schließlich befindet sich auch Kingsleys Schwester auf dem kenternden Boot. Rike nimmt erneut Kontakt zur Küstenwache auf. Regisseur Wolfgang Fischer, zugleich auch Koautor des Drehbuchs, erzählt seine Geschichte nüchtern und stringent. Auf emotionalisierende musikalische Untermalung wird weitgehend verzichtet.

 

Bedrohliche Weite

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Die Farbe des Ozeans" - Flüchtlings-Drama von Maggie Peren

 

und hier einen Bericht über den Film "Seefeuer - Fuocoammare" - Berlinale-Siegerfilm 2016: Dokumentation über Flüchtlinge auf Lampedusa von Gianfranco Rosi

 

und hier einen Beitrag über den Film "Mediterranea" – authentisches Flüchtlings-Drama in Süditalien von Jonas Carpignano

 

Lediglich am Anfang und am Ende des Filmes erklingen ein paar karge, verhallte Gitarrensounds zu den eindrücklichen Bildern. Die ausweglose Situation spricht für sich. Als Zuschauer kommt man nicht umhin, sich auf die zentrale Fragestellung dieses Konflikts zu konzentrieren. Und die lautet: „Was würde ich in diesem Fall tun?“

 

Visuell besticht der Film vor allem mit der Inszenierung des Meeres: Mal erscheint es als Versprechen von Freiheit und Unendlichkeit, in das Rike fern der Zivilisation splitternackt eintauchen kann, mal ist es ein klaustrophobischer Ort, dessen unendliche Weite bedrohlich wirkt.

 

Mythologisch aktuell

 

Der Filmtitel wurde aus der griechischen Mythologie entliehen: Styx bezeichnet den Grenzfluss zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades. So oft Rike in ihrer beruflichen Praxis schon auf diesem Fluss unterwegs war – in dieser Ausnahmesituation bleibt auch sie hilflos. In der Realität ist das politisch so gewollt. Angesichts der aktuellen Diskussionen um die private Seenotrettung wirkt die hier erzählte Geschichte eindringlicher denn je.


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