German comeback in Cannes: Dass nach acht Jahren Pause wieder ein deutscher Film im Wettbewerb des diesjährigen Festivals lief, galt als eine kleine Sensation. Dass „Toni Erdmann“ von Regisseurin Maren Ade vom internationalen Fachpublikum mit stehenden Ovationen bedacht wurde, umso mehr. Was die Kritiker so begeistert hat, ist nun im Kino zu begutachten.
Info
Toni Erdmann
Regie: Maren Ade,
162 Min., Deutschland 2016;
mit: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittenborn
Papa erinnert an westdeutsche Provinz
Als Winfrieds Hund stirbt, fliegt er spontan nach Bukarest, um Ines zu besuchen, was diese mehr stört als freut. Sie hat sich in ihrem Alltag aus business-Konzepten, meetings und schicken Empfängen eingerichtet; zudem will sie noch weiter hoch hinaus und weg, nach Singapur. Der Auftritt des wenig vorzeigbaren Vaters erinnert sie an ihre Wurzeln in der westdeutschen Provinz; nach ein paar Tagen komplimentiert sie ihn fort.
Offizieller Filmtrailer
Pure Provokation mit Schlagerfuzzi-Perücke
Allerdings verschwindet Winfried nicht völlig. Er taucht umgehend als sein alter ego Toni Erdmann wieder auf; seines Zeichens Impresario für alles Mögliche und coach des deutschen Botschafters – oder gleich als dieser selbst. Kleider machen Leute: Dieser Binsenweisheit geht Regisseurin Maren Ade auf wunderbar leichte und zugleich berührende Weise nach. Ihr Film irrlichtert zwischen Familiendrama und Situations-Komödie, ohne sich auf irgendwelche Etiketten festlegen zu lassen.
Schon in ihrem zweiten Film „Alle Anderen“ über ein Paar in der Krise ging es um fragwürdiges Rollenverständnis und Versuche, das zu ändern. In „Toni Erdmann“ erledigt das Winfrieds Kunstfigur: schon rein äußerlich die pure Provokation mit falschen schiefen Zähnen und zotteliger Perücke wie bei einem Schlagerfuzzi der 1970er Jahre.
Wie der Vater, so die Tochter
Diese groteske Erscheinung drängt sich unübersehbar in Ines‘ Leben: ob beim drink mit business women in ihrer Lieblings-Bar, beim Koksen in der dekadenten Luxus-disco oder bei der Besichtigung einer Baustelle – wundersamerweise fliegen dem hässlichen und linkischen Typen alle Sympathien zu. Zur Überraschung von Ines, die unbarmherzig Jobs wegsaniert, Chauvi-Sprüche klopft und sich einen Kollegen als lover hält, der sich vor ihr mit Handmassage zum Affen macht.
Doch als Winfried fragt, ob sie glücklich mit ihrem Leben sei, kontert sie nur mit einer Gegenfrage. Ihr anschließendes beidseitiges Schweigen ist beredt genug. Vater und Tochter haben mehr gemeinsam, als vor allem Ines wahrhaben will: Sie reklamiert für sich genau die Freiheit zur Selbstverwirklichung, die er als Alt-68er ihr vermittelte – auch wenn ihm die Richtung unverständlich bleibt, die sie eingeschlagen hat. Was beide langsam begreifen.
Im Pelzkostüm auf der Nacktparty
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Zeit der Kannibalen" – Unternehmensberater-Groteske von Johannes Naber mit Devid Striesow
und hier einen Bericht über den Film "Wir sind die Neuen" - Generationen-Komödie über Alt-68er versus Jung-Spießer von Ralf Westhoff mit Heiner Lauterbach
und hier einen Beitrag über den Film "Finsterworld" – surrealer Episoden-Reigen von Frauke Finsterwalder mit Sandra Hüller
und hier eine Besprechung des Films "Die Besucher" – Tragikomödie über väterlichen Überraschungsbesuch von Constanze Knoche.
Danach kann sie sich auch von ihrem Vater verabschieden, während er in einem Ganzkörper-Folklorekostüm namens kukeri umhertapst: als riesiges, pelziges Wesen, das er für sie irgendwann einmal war. Diesen Prozess beschreibt Regisseurin Maren Ade mal urkomisch, dann wieder ergreifend – und so spannend, dass mehr als zweieinhalb Stunden Laufzeit rasch verfliegen.
Balance aus absurd + todernst
Ein Familienfilm ganz eigener Prägung, den man so schnell nicht vergisst. Nicht nur, weil der Paradiesvogel Toni alle Grenzen überschreitet, auch die des guten Geschmacks. Sondern auch wegen der behutsamen Zärtlichkeit, mit der Regisseurin Ade ihre beiden Hauptfiguren zeichnet, die Simonischek und Hüller großartig spielen.
Den Film nur als schräge Komödie zu betrachten, täte ihm Unrecht: Er enthält kaum Pointen, aber viele absurde und zugleich todernste Momente. Diese Balance zu halten, ist eine große Kunst – und die euphorische Reaktion durchaus berechtigt.