Richard Linklater

Bernadette

Bernadette (Cate Blanchett), ihr Mann Elgie (Billy Crudup) und ihre Tochter Bee (Emma Nelson). Foto: Universum Film
(Kinostart: 21.11.) Früher Star-Architektin, nun Hausfrau und Mutter: Der Rückzug ins Private macht vielen Frauen zu schaffen. In der Hauptrolle brilliert Cate Blanchett, doch Regisseur Richard Linklater verspielt dramatisches Potential durch zuviel Geschwätz und Gags.

Zwischen Eisbergen gleitet ein Einerkajak voran. Darin sitzt mit schicker Sonnenbrille Bernadette Fox, frühere Star-Architektin und derzeit vor allem Mutter und Ehefrau in Auszeit; sie betrachtet gebannt die antarktische Umgebung. Eine erfrischend ungewöhnliche Heldin steht im Mittelpunkt des neuen Films von Richard Linklater, dem Autorenfilm-Spezialisten für die Irrungen und Wirrungen der US-Mittelklasse; die Hauptrolle ist mit Cate Blanchett kongenial besetzt.

 

Info

 

Bernadette

 

Regie: Richard Linklater,

110 Min., USA 2018;

mit: Cate Blanchett, Kristen Wiig, Billy Crudup

 

Website zum Film

 

Zwanzig Jahre zuvor – so der Hintergrund, der umständlich in einem langen Doppeldialog erklärt wird – steht Bernadette in Los Angeles auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Bereits mit ihren ersten Architektur-Entwürfen konnte sie eine eigene Formensprache und Bauweise etablieren, die ihr Stipendien, Preise und mediale Aufmerksamkeit einbrachten. Auch ihre Ehe mit dem erfolgreichen Programmierer Elgie (Billy Crudup) läuft bestens. Er schenkte seiner genialen Frau ein Medaillon der Jungfrau von Lourdes, das ihr 18 bahnbrechende Einfälle im Leben garantieren soll – von denen sie bislang zwei umgesetzt hat.

 

Nach Seattle zu Microsoft

 

Dann kauft jedoch ein Promi, der Bernadette nicht leiden kann, ihr Meisterhaus; aber nur, um es abreißen zu lassen. Gekränkt wendet sie sich von der Architektur ab und folgt ihrem Mann nach Seattle; dort macht Elgie beim Software-Giganten Microsoft Karriere. Nach mehreren Fehlgeburten zieht seine Frau die zunächst kränkliche Tochter Bee (Emma Nelson) groß; dafür verbraucht sie nach eigenen Worten die übrigen 16 großen Ideen des Medaillons.

Offizieller Filmtrailer

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Brombeeren als Zankapfel

 

Die Kleinfamilie lebt in einem geräumigen, aber heruntergekommenen Haus am Hang, in das es überall hineinregnet. Umwuchert wird es von verwilderten Brombeer-Hecken, welche die spießige Nachbarin Audrey (Kristen Wiig) als Bedrohung ihres Gartens und des gesamten Viertels fürchtet – so werden die Gewächse zum Zankapfel.

 

Nach etlichen Jahren in Seattle hat sich Bernadette in ihrer Nachbarschaft noch nicht eingelebt; sie empfindet dafür wenig mehr als Ekel. Ansonsten wirkt sie unausgelastet: Sie ist allein auf Bee fixiert, was beiden Spaß macht, und managt ihren Alltag mit Hilfe eines ominösen Assistenten, mit dem sie allein über Sprachnachrichten kommuniziert.

 

Antarktis-Reise als Schul-Prämie

 

In für Linklater typischer Manier wird am laufenden Band geredet, kommentiert und gelästert; in der Filmhandlung selbst wie aus dem Off. Einige Figuren und Konstellationen kommen dabei arg klischeehaft daher. Doch als die Ärgernisse sich auswachsen und eskalieren – bis zum Versinken des Nachbar-Hauses in einer Schlammlawine –, nimmt man Bernadette ihre Überforderung durch nervtötende Langeweile und Reibereien mit ihrer Umgebung durchaus ab. Auch Elgie, der öfter im Büro als zu Hause ist, sorgt sich ratlos um seine Frau; als eher schwacher Charakter will er ihre Problem an eine Therapeutin delegieren.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Boyhood" - brillantes Dokudrama über das Aufwachsen eines Jungen in Echtzeit von Richard Linklater

 

und hier einen Bericht über den Film "Before Midnight" - dritter Teil der unendlichen Liebesgeschichte zwischen Ethan Hawke + Julie Delpy von Richard Linklater

 

und hier einen Beitrag über den Film "Carol" - ergreifendes lesbisches Liebesdrama in den 1950er Jahren von Todd Haynes mit Cate Blanchett.

 

Dazu kommt noch etwas, das Bernadette Panikattacken und schlaflose Nächte bereitet: Als Belohnung für ihre guten Schulnoten wünscht sich Bee eine Reise mit ihren Eltern in die Antarktis. Da ihre Mutter von Reiseangst geplagt wird, jagt sie nun nach Pillen und anderen Gegenmitteln. Zu allem Überfluss taucht auch noch ein schnurrbärtiger FBI-Agent auf, der ihren virtuellen Assistenten als Agenten der russischen Mafia enttarnt, den sie in alle Familien-Geheimnisse eingeweiht hat.

 

Sprung aus Badezimmer-Fenster

 

Vor die Wahl gestellt, sich in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen oder ein weiteres Mal davonzulaufen, entschließt sich Bernadette zu einem Sprung aus dem Fenster in ihrem Badezimmer; flugs flieht sie in die Antarktis, da sie Flüge und Schiffspassagen dorthin schon gebucht hatte. Dort schmiedet sie neue große Pläne – und die Ankunft der Restfamilie lässt nicht lange auf sich warten.

 

Man merkt: Dieser Film ist etwas zu bunt und zu geschwätzig geraten; zudem stört der belanglose Soundtrack. Regisseur Linklater gelingt es leider nicht, dem interessanten und komplexen Charakter seiner Protagonistin gerecht zu werden. Dabei hat das Thema, wie herausragende Kreativität durch Routine in Familie, Haushalt und sozialem Umfeld abzusterben droht, viel erzählerisches Potenzial – zumal Cate Blanchett in der Hauptrolle eindrucksvoll glänzt.


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