Elisabeth Moss

Der Unsichtbare

Cecilia Kass (Elisabeth Moss) flieht aus dem Haus ihres Freundes. Foto: Universal Pictures International Germany

(Kinostart: 27.2.) Wenn der Ex-Partner nach seinem Selbstmord herumspukt: In dieser Neuverfilmung eines 1897 erschienenen Romans von H.G. Wells setzt Regisseur Leigh Whannell auf sich langsam steigernde Spannung – in der Hauptrolle glänzt Elisabeth Moss.

Déjà vu galore: Auf dem an Remakes und Fortsetzungen ohnehin nicht armen Kinomarkt tummeln sich besonders im Horrorgenre viele Neuaufgüsse ohne kreative Note. Alte Marken und Klassiker werden notdürftig aufgefrischt, um schnell Kasse zu machen, was Freunden des gepflegten Gruselns wenig Freude bereitet. Auch „Der Unsichtbare“ von Leigh Whannell ist eine Neuverfilmung – doch der Regisseur, der als Drehbuchautor und Hauptdarsteller in dem Schocker „Saw“ (2004) bekannt wurde, geht zum Glück eigene Wege.

 

Info

Der Unsichtbare

 

Regie: Leigh Whannell,

110 Min., Australien/ USA 2019;

mit: Elisabeth Moss, Aldis Hodge, Oliver Jackson-Cohen

 

Engl. Website zum Film

 

Sein Film basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von H. G. Wells (1866-1946), der erstmals 1933 für die Leinwand adaptiert wurde. Diese Version übernimmt allerdings nicht viel mehr als die Grundidee: Ein Wissenschaftler sorgt in unsichtbarer Gestalt für Angst und Schrecken. Statt sich sklavisch an die Vorlage zu halten, entwirft Whannell ein Szenario, in dem häuslicher Missbrauch eine tragende Rolle spielt – ähnlich wie im Folklore-Horrorfilm „Midsommar“ treibt eine fatale Beziehung die Handlung voran.

 

Alles voller Kameras + Mauern

 

Schon der stimmungsvoll gedrehte Anfang, der an den Nerven zerrt, lässt erahnen: Das Leben der Architektin Cecilia Kass (Elisabeth Moss) in der Hightech-Villa ihres Partners, des renommierten Optik-Forschers Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen), muss bedrückend sein. Überall lauern Videokameras und zeichnen alles auf. Das Grundstück umgibt eine dicke Mauer, die nicht nur Fremde abschrecken soll – sondern auch Cecilia warnt, dass ein Ausbruch aus dem goldenen Käfig nicht geduldet wird.

Offizieller Filmtrailer


 

Manipulativer + kontrollsüchtiger Ex

 

Trotzdem stiehlt sie sich eines Nachts aus dem Haus und kann mit Hilfe ihrer Schwester (Harriet Dyer) fliehen. Fortan hält sie sich bei einem Freund aus Jugendtagen und dessen Tochter versteckt. Allmählich fällt die Furcht vor ihrem manipulativen und kontrollsüchtigen Ex von Cecilia ab – da erreicht sie die Nachricht, er habe Selbstmord begangen. Zu ihrer Überraschung erbt sie außerdem einen Großteil seines Vermögens. Doch daran hat sie nicht viel Freude: Irgendwie beschleicht sie das Gefühl, dass Adrian seinen Tod nur inszeniert und einen Weg gefunden hat, sie ungesehen zu terrorisieren.

 

Ursprünglich sollte diese Neuinterpretation mit Star-Besetzung und großem Aufwand im Rahmen des so genannten „Dark Universe“ entstehen. Mit dieser Filmreihe wollte Hollywood-Riese Universal hauseigenen Horrorklassikern einen modernen Anstrich verpassen. Schlechte Kritiken und ein bescheidenes Einspielergebnis für „Die Mumie“, den ersten Teil des Projektes, machten aber die hochfliegenden Pläne zunichte. Anstelle einer Blockbuster-Serie werden nun mit niedrigeren Budgets Neuverfilmungen produziert, die für sich allein stehen.

 

Allgegenwärtige Bedrohungs-Atmo

 

Dieser Richtungswechsel machte Whannells eher intime Sci-Fi-Schauermär über eine destruktive Partnerschaft erst möglich. Die kreative Freiheit, die dem Regisseur gewährt wurde, spiegelt sich insbesondere in der ersten Film-Stunde wider. Während heutzutage im Mainstream-Horrorkino üblich ist, schon früh auf den Putz zu hauen, baut „Der Unsichtbare“ mit Bedacht langsam eine Atmosphäre allgegenwärtiger Bedrohung auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Midsommar“unkonventioneller Mystery-Horror-Thriller von Ari Aster

 

und hier einen Bericht über den Film „Border“schwedischer Fantasy-Horror-Thriller von Ali Abbasi

 

und hier eine Besprechung des Films „Gute Manieren“herzzerreißendes Horror-Melodram von Juliana Rojas und Marco Dutra

 

Obschon der Film die emotionale Ausdruckskraft von „Midsommar“ nicht ganz erreicht, gibt es immer wieder erschütternde Momente. Diese Szenen verdeutlichen, welche Schäden umfassende Kontrolle und perfide Machtspiele in der Seele eines Menschen anrichten.

 

Garstige Schlusspointe

 

Der subtile Ansatz wird in der zweiten Hälfte jedoch vergröbert. Zuweilen streift das Geschehen die Grenze zur unfreiwilligen Komik; zudem wird mancher logische Widerspruch offenkundig. Dass die mit typischen Genre-Versatzstücken gespickte Stalking-Geschichte dennoch spannend bleibt, hat vor allem einen Grund: die Hauptdarstellerin.

 

Elisabeth Moss, soeben auf der Berlinale für ihren Part im Psychothriller „Shirley“ von Josephine Decker gefeiert, lädt Cecilias Ausbruch aus der Opferrolle mit unbändiger Energie auf. Damit bereitet sie eine nicht sehr überraschende, in ihrer Konsequenz aber erfrischend garstige Schlusspointe vor. So wird „Der Unsichtbare“ durchaus zum ansprechenden Sehvergnügen – trotz einiger Schönheitsfehler.