Golshifteh Farahani

Auf der Couch in Tunis

Selma (Golshifteh Farahani) empfängt ihre Patienten unter freiem Himmel. Foto: Studiocanal

(Kinostart: 30.7.) Den Maghreb therapieren: Eine junge Psychologin eröffnet eine Freiluft-Praxis in Tunesiens Hauptstadt. Dort geht es kaum um Probleme und Komplexe einer blockierten Gesellschaft – Regisseurin Manele Labidi setzt auf Klischee-Komik und Brachialhumor.

Das Wandeln zwischen den Welten ist Drehbuchautorin und Regisseurin Manele Labidi sehr vertraut. Sie wuchs als Kind tunesischer Einwanderer in Paris auf, verbrachte aber auch jedes Jahr einige Wochen in Tunesien; daher ist ihr das Gefühl vertraut, nirgendwo ganz dazuzugehören. Da liegt es nahe, dass sie der Hauptfigur ihres Kinodebüts „Auf der Couch in Tunis“ ähnliche Eigenschaften mitgibt.

 

Info

 

Auf der Couch in Tunis

 

Regie: Manele Labidi,

88 Min., Frankreich 2019;

mit: Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Hichem Yacoubi

 

Website zum Film

 

Selma (Golshifteh Farhani) zieht mit einem scheinbar völlig abstrusen Plan nach Tunis, in die Heimatstadt ihrer Eltern. Hier will die junge, energische Frau nach ihrem Psychologie-Studium eine psychotherapeutische Praxis eröffnen – davon gibt es in Paris schon genug. Außerdem sollte nach Ende eines Vierteljahrhunderts Diktatur unter Ex-Staatschef Ben Ali in Tunesien so einiges zu besprechen sein.

 

Unter Freuds wachsamen Augen

 

Selma zieht zunächst zu ihrem Onkel, der ihren Plan sehr entmutigend kommentiert: „Wir brauchen keine Psychiater, wir haben Allah!“. Da die offizielle Zulassung auf sich warten lässt, richtet Selma auf dem Dach seines Hauses mit einfachsten Mitteln unter den wachsamen Augen einer Fotografie von Siegmund Freud ein Büro ein, verteilt Flyer und wartet auf Patienten.

Offizieller Filmtrailer


 

Amüsement statt Analyse

 

Das Konzept, mit einer fremden jungen Frau ausführlich Probleme zu besprechen, bedarf allerdings einiger Erläuterung; zunächst wird es insbesondere von Herren gründlich missverstanden. Erst als Selma die Hilfe von Baya (Feriel Chamari) in Anspruch nimmt, der gut vernetzten Besitzerin eines Schönheitssalons, kommt der Stein ins Rollen. Bald stehen sehr mitteilungsbedürftige Nachbarn Schlange, um sich auf die Couch der Fremden zu legen, die im Gegensatz zu Familie oder Freunden einfach nur zuhört.

 

Mit diesem Kunstgriff gelingt es Regisseurin Labidi, quasi im Schnelldurchgang eine Gesellschaft im Querschnitt zu präsentieren, ohne dabei aber tief ins Detail zu gehen. Sie will eindeutig mehr unterhalten als analysieren; dabei bedient sie sich gängiger Klischee-Figuren. Da ist der depressive Imam, der sich von seinen Kollegen gemobbt fühlt. Es gibt einen Paranoiker, der seinen Gefängnisaufenthalt verarbeiten muss, und einen sexuell verwirrten Mann.

 

Reale Reizüberflutungs-Atmosphäre

 

Die Frauen haben Probleme dagegen mit zu anspruchsvollen Ehemännern, ihren (Schwieger-)Müttern oder Kindern – alles ganz normal. Etwaige postdikatorische Traumatata schwingen allenfalls unterschwellig mit. Hingegen leistet sich der Film einige Seitenhiebe auf die heutige tunesische Gesellschaft; etwa bei einer Beamtin der Stadtverwaltung, die im Nebenjob in ihrem Büro Dessous verkauft, um ihr mageres Gehalt aufzubessern, oder Selmas Cousine, die mit allen Mitteln Tunesien zu verlassen versucht – bislang vergeblich.

 

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Charaktere comichaft überzeichnet, so dass es schwer fällt, sie und ihre Nöte ernst zu nehmen. Es wird viel grimassiert, gestikuliert und laut geredet, was an klassische italienische Komödien erinnert; dazu passend erklingt italienischer Breitwand-Pop der 1960er Jahre. Diese nostalgische Anmutung herrscht auch optisch: Die Stadt ist noch im hintersten Eckchen in wunderbar samtig-goldenes Licht getaucht. All das zusammen löst eine leicht ermüdende Reizüberflutung aus, was offenbar die Atmosphäre im realen Tunis für alle Sinne erfahrbar machen soll.

 

Deus ex Machina aus dem Dunkeln

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Aus nächster Distanz“ – Drama einer ungewöhnliche Frauen-Freundschaft im Nahen Osten von Eran Riklis mit Golshifteh Farahani

 

und hier eine Besprechung des Films „Hedis Hochzeit“ – prägnantes Porträt eines jungen Tunesiers in der Post-Arabellion-Depression von Mohamed Ben Attia, prämiert mit Silbernem Bären 2016

 

und hier einen Bericht über den Film „Much Loved“ – Gruppen-Porträt von drei Prostituierten in Marokko von Nabil Ayouch

 

und hier einen Beitrag über den Film „Huhn mit Pflaumen“ – Melodram im Teheran der 1950er Jahre von Marjane Satrapi mit Golshifteh Farahani.

 

Den Schauspielern scheint diese Sittenkomödie aber Spaß zu machen; allen voran Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani, die sonst eher leise, differenzierte Charaktere spielt. Hier gibt ihr Regisseurin Labidi die Möglichkeit, ihr komödiantisches Talent voll auszuspielen. Farahanis Bekanntheit dürfte der Grund sein, warum eine iranisch-französische Charakterdarstellerin eine Tunesierin spielt, während alle anderen Figuren mit durchweg guten heimischen Darstellern besetzt sind. Deren offensichtliche Spielfreude kann über manche dramaturgische Schwächen hinwegtäuschen.

 

Ganz ausblenden lassen sie sich aber nicht; in der zweiten Hälfte des Films scheint es, als würde Labidi der Zugkraft ihrer eigenen Geschichte nicht mehr vertrauen. Leider setzt sie viel zu selten auf nachdenkliche Töne. Und wenn die Akteure doch einmal ratlos und still werden, erscheint ein an Freud erinnernder Retter wie ein deus ex machina aus dem Dunkel.

 

Wohlgefallen am Ende

 

Auch Selmas angedeutete Romanze mit einem überkorrekten, aber schmucken Polizisten wirkt zu ätherisch und aufgesetzt – und nach eineinhalb Stunden lösen sich plötzlich alle Probleme in Wohlgefallen auf. Doch wen das nicht stört, und wer zudem Freude an expressivem Brachialhumor hat, kommt in dieser Culture-Clash-Komödie auf seine Kosten.