Cécile de France

Eine größere Welt

Corine (Cécile de France, li.), die Schamanin Oyun (Tserendarizav Dashnyam, mi.) und Übersetzerin Naraa (Narantsetseg Dash, re.). Fotoquelle: MFA+ FilmDistribution

(Kinostart: 9.7.) Wenn der innere Wolf ruft: Eine Französin lässt sich von Nomaden in der Mongolei zur Schamanin ausbilden. Gelungene Mischung aus berührendem Drama und einfühlsamer Semi-Doku von Regisseurin Fabienne Berthaud ohne Ethnokitsch oder Gefühlsduselei.

Eigentlich soll Corine (Cécile de France) in der Mongolei nur ergänzende Töne und Geräusche für eine Reportage einfangen. Während der Aufnahme einer schamanistischen Zeremonie fängt sie plötzlich an, zu zittern, fällt in Trance und beginnt, wie ein Wolf zu heulen. Ohnehin durch den Verlust ihres Ehemanns sehr mitgenommen, bringt sie dieses Erlebnis noch mehr durcheinander.

 

Info

 

Eine größere Welt

 

Regie: Fabienne Berthaud,

100 Min., Frankreich/Belgien 2019;

mit: Cécile de France, Narantsetseg Dash, Tserendarizav Dashnyam

 

Website zum Film

 

Ebenso wie der Rat einer erfahrenen mongolischen Schamanin, sich von ihr ausbilden zu lassen; andernfalls nähme sie ein böses Ende. Zurück in Frankreich lässt Corine diese Erfahrung einer „größeren Welt“ nicht mehr los. Als man sie mit Medikamenten ruhigstellen will, entschließt sie sich zur Rückkehr nach Mittelasien.

 

Abhilfe für angeknackstes Selbstwertgefühl

 

Diese Begebenheit hat tatsächlich 2001 stattgefunden. Corine Sombrun hat über ihre Erlebnisse in der Mongolei ein Buch geschrieben, das unter dem Titel „Mein Leben bei den Schamanen“ 2005 auch auf Deutsch erschienen ist. Es diente Regisseurin Fabienne Berthaud als Vorlage für ihren Spielfilm „Eine größere Welt“. Wie schon bei ihrem letzter Spielfilm „Sky – Der Himmel in mir“ (2015), wo eine Frau bei einem Roadtrip allein durch den Westen der USA ihr Selbstwertgefühl stärkt, interessiert Berthaud abermals die Figur einer emotional angeschlagenen Frau, die in der Natur und mithilfe archaischer Rituale ein neues Verhältnis zu sich selbst findet.

Offizieller Filmtrailer


 

Zur Recherche bei den Tsaatan

 

Das gelingt ihr wohltuend sachlich, ohne gefühliges Selbstfindungs-Geschwurbel. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sich die Regisseurin nicht nur von der Autorin Corine Sombrun beraten ließ, sondern gemeinsam mit ihr und der Übersetzerin Naraa, die im Film sich selbst spielt, im realen mongolischen Nomadendorf der Tsaatan an der Grenze zu Sibirien eine Weile recherchierte. Ihr Verständnis für die Existenzform dieses Volks von Rentierhirten, die weitab von der modernen Zivilisation leben, ist jederzeit spürbar; ihr Film nimmt sowohl das Thema als auch seine Protagonisten sehr ernst.

 

Gedreht wurde an Originalschauplätzen in der Mongolei. Das verleiht der Handlung teilweise semidokumentarischen Charakter, wodurch sie weitgehend ohne Ethnokitsch auskommt: Die Dorfbewohner spielen sich selbst. Nur die Rolle der Schamanin Oyun (Tserendarizav Dashnyam) übernahm eine Schauspielerin.

 

Faszinierende Trance-Rituale

 

Trotz ihres Bemühens um Wahrhaftigkeit nimmt sich Berthaud einige dramaturgische Freiheiten. So wird die Filmfigur der Corine dazu motiviert, ihre Trance-Zustände steuern zu lernen, weil sie hofft, damit transzendentalen Kontakt zu ihrem verstorbenen Ehemann aufnehmen zu können. Das gerät in manchen Szenen etwas zu melodramatisch, obwohl man der Witwe ihren Verlustschmerz durchaus abnimmt.

 

Für die heilende Kraft der Natur und deren beruhigende Wirkung findet Regisseurin Berthaud jedoch wunderschön stimmige Bilder; etwa, wenn Corine gelöst und mit geschlossenen Augen auf einer Wiese sitzt und einfach nur lauscht. Gemeinsam mit ihr macht der Zuschauer als teilnehmender Beobachter diese innere und äußere Reise gleichsam mit; dabei kann man sich der Faszination kaum entziehen, die von schamanischen Ritualen und den Trance-Phasen ausgeht, die der Film in verschwommen bruchstückhafte Schwarzweißbilder fasst.

 

Erst einmal Holzhacken + Rentier-Melken

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „La belle saison – Eine Sommerliebe“lesbisches Liebesdrama in den 1970er Jahren von Catherine Corsini mit Cécile de France

 

und hier einen Bericht über den Film „Der letzte Wolf (3D)“ – Bestseller-Verfilmung aus der chinesischen Mongolei als Systemkritik im Wolfspelz von Jean-Jacques Annaud

 

und hier einen Beitrag über den Films „My Reincarnation – Wiederkehr“ – Doku über den Sohn eines tibetischen Lamaismus-Lehrmeisters von Jennifer Fox.

 

Die Schwierigkeiten einer Stadtbewohnerin aus Westeuropa mit nomadischen Tätigkeiten wie Holzhacken oder Rentier-Melken zeigt der Film aber auch. Auf diese Weise beginnt zunächst Corines Ausbildung, obwohl sie so rasch wie möglich mit den Geistern sprechen will. Der detaillierten Schilderung des Alltags gibt die Regisseurin angemessenen Raum.

 

Da sieht man Cécile de France ganz gerne beim Wassertragen oder Durchstreifen der majestätisch unberührten Landschaft zu; irgendwann erscheint auch der unvermeidliche Wolf. Als Corine schließlich für ihre Initiation bereit ist, erscheint das dazugehörige Beiwerk aus Trommel und Fransenmaske nicht mehr seltsam.

 

Nächstes Jahr in der Mongolei

 

Dass Autorin Corine Sombrun ihre Trance-Fähigkeiten inzwischen für die Forschung in den Neurowissenschaften einsetzt, bleibt eine Randnotiz; ohnehin gäbe das visuell nicht viel her. Gut, dass der Film sich auf den Schauplatz Mongolei konzentriert: Seine Mischung aus anrührendem Kinodrama und ethnografisch recht korrekter Schilderung ohne gefühliges Pathos ist sehr gelungen. Damit weckt er Neugier auf Unbekanntes; wäre nicht Corona-Blockade, würde man glatt gern dorthin reisen.