Eliza Hittman

Niemals Selten Manchmal Immer

Skylar (Talia Ryder, li.) begleitet Autumn (Sidney Flanigan) nach New York. Fotoquelle: Universal Picutures International Germany

(Kinostart: 1.10.) Flickenteppich USA: Jeder Bundesstaat hat andere Gesetze zu Abtreibung – dafür reist eine schwangere 17-Jährige nach New York. Die etwas andere Coming-of-Age-Story von Regisseurin Eliza Hittman glänzt mit präziser Beobachtung alltäglicher Zumutungen.

Ein Elvis-Imitator, singende Nerds in Buchstaben-Pullovern und eine Gruppe von Bobby-Socks-Tänzern wie aus den Anfangstagen der US-Popkultur eröffnen den Film von Eliza Hittman. Sie treten bei einem Talentwettbewerb an ihrer High School auf, dessen vergangenheitsselige Rückbesinnung durch den Auftritt von Autumn Callahan (Sidney Flanigan) beendet wird. Zwar gibt auch sie mit „He’s Got the Power“ einen 1960er-Jahre-Hit zum Besten. Doch der handelt von sexueller Hörigkeit; Autumns Version leitet aus anheimelnder Nostalgie in die härtere Realität der Gegenwart über.

 

Info

 

Niemals Selten Manchmal Immer

 

Regie: Eliza Hittman,

101 Min., USA/ Großbritannien 2019;

mit: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Théodore Pellerin

 

Weitere Informationen

 

Während ihres Vortrags ruft ein Mitschüler „Schlampe!“: Hier im repressiven gesellschaftlichen Klima der postindustriellen Provinz Pennsylvanias begegnet man weiblichem Selbstbewusstsein mit wenig Sympathie. Dass die Grenzen mitten durch den engsten Familienkreis verlaufen, wird anschließend beim Essen im Restaurant deutlich. Autumns Vater zeigt sich wenig empathisch gegenüber seiner Tochter: Wenn sie sich traurig oder unwohl fühle, solle sie ihr Hirn untersuchen lassen.

 

Emotionale Tiefe in Gesichtern

 

Die Ursachen ihrer Niedergeschlagenheit liegen aber anderswo: Autumn ist ungewollt schwanger. Nun schildert Autorenfilmerin Hittman, wie die 17-jährige Protagonistin versucht, eine Abtreibung durchführen zu lassen und so die Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben zurückzuerlangen. Das geschieht ohne dramatische Überhöhung; stattdessen beobachtet der Film die eher banalen Alltagsumstände, mit denen Autumn und ihre Cousine und Vertraute Skyler (Talia Ryder) auf ihrem Weg konfrontiert werden. Große emotionale Tiefe entsteht dadurch, welche Reaktionen sich in den Gesichtern der Mädchen spiegeln.

Offizieller Filmtrailer


 

Körperliches Einvernehmen

 

In Pennsylvania müssen Eltern von Minderjährigen einem Schwangerschaftsabbruch zustimmen. Also beschließen Autumn und Skyler, nach New York zu fahren – praktisch ohne Geld. Ihre Reise gleicht einem Praktikum im Fach „Leben als Erwachsene“ und öffnet ihnen die Augen für grundlegende Zusammenhänge zwischen Geld, Macht und Begehren.

 

Darüber müssen die Mädchen kaum ein Wort verlieren. Hittman verlässt sich auf ihr Einvernehmen, das seinen Ausdruck im Körperlichen findet: wenn sie einen viel zu großen und schweren Koffers mitschleppen, dessen Bedeutung außer als Hindernis nie ganz klar wird; wenn sie vor übergriffigen Männern fliehen oder sich an der Hand halten, während eine von ihnen mit einem Hipster knutscht, um ihr nächstes Fast-Food-Menu zu finanzieren.

 

Von Stolperstein zu Stolperstein

 

Von der selbst ernannten Welthauptstadt New York sind ausschließlich etwas schäbige Eingangsbereiche zu sehen. Ähnlich wie im Kino der belgischen Dardenne-Brüder registriert die Kamera dagegen sehr genau Stolpersteine auf dem Weg der Mädchen; etwa mehr oder weniger versteckte Belästigungen bei der Arbeit an der Supermarktkasse oder in der U-Bahn. Regisseurin Hittman beobachtet präzise die Momente, in denen die Reibung an kleinen versteckten Widerständigkeiten des Alltäglichen ihren Ausdruck findet.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „24 Wochen“ergreifendes Abtreibungsdrama von Anne Zohra Berrached

 

und hier das Interview „Ich habe selbst abgetrieben“Gespräch über den Film „24 Wochen“ mit Anne Zohra Berrached

 

und hier einen Beitrag über den Film „Lady Bird“ – stimmiges Coming-of-Age-Porträt einer 17-Jährigen von Greta Gerwig.

 

Immer wieder spiegelt sich in den Zügen der bravourös agierenden Hauptdarstellerinnen, wie anstrengend es für sie ist, die Beherrschung zu wahren, auch wenn alles dagegenspricht. Etwa bei plump-dreisten Vereinnahmungsversuchen durch Mitarbeiterinnen der lokalen Schwangerschaftsberatung im heimischen Pennsylvania.

 

Keine Vaterschafts-Frage

 

Später muss Autumn in einer New Yorker Klinik Fragen zu ihren Erfahrungen mit Sexualität und Partnerschaft im Multiple-Choice-Verfahren beantworten: „niemals, selten, manchmal, immer“. Dabei kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten – was Bände spricht, wie sehr sie die Gestaltungsmacht über ihr Schicksal längst verloren hat.

 

An keiner Stelle gibt der Film Erklärungen ab: weder zur Frage, wer der Vater des als Fremdkörper und Bedrohung empfundenen Fötus‘ in Autumns Bauch sein könnte, noch dazu, ob und welche intime Beziehungen sie zu Jungs an ihrer Schule hat. Gerade mit der Verengung des Blicks auf eine sehr persönliche Perspektive macht Regisseurin Hittman anschaulich, wie das Individuum körperlich von sozialen Umständen beherrscht wird. Nur eine Gegenkraft kann das wenigstens ab und zu durchbrechen – bedingungslose Freundschaft.