George Clooney

The Midnight Sky

Augustine (George Clooney) und Iris (Caoilinn Springall). Foto: © 2020 - Netflix

(Netflix-Start: 23.12.20) Allein in der Endzeit-Arktis: Als letzter Mensch auf Erden soll George Clooney das letzte Raumschiff im All warnen. Visuell halbwegs ansehnlich, inhaltlich ein schlichtes Rührstück; als SciFi-Regisseur greift der Schauspieler tief in die Mottenkiste.

Dieser Film beginnt drei Wochen nach „dem Ereignis“ mit Innenaufnahmen eines verwaisten Observatoriums in der Arktis. Auf Schreibtischen sind technische Artefakte einer computerisierten Zivilisation ausgebreitet, daneben Zauberwürfel und Maskottchen in Gestalt von Tieren und Raumfahrtmodellen.

 

Info

 

The Midnight Sky

 

Regie: George Clooney,

118 Min., USA 2020;

mit: George Clooney, Felicity Jones, David Oyelowo

 

Website zum Film

 

Im Jahr 2049 ist die Erde fast gänzlich unbewohnbar. In einer geräumigen Kantine – die so aussieht, wie man sich 2019 modernistische Einrichtung vorstellte – setzt sich ein einsamer George Clooney an einen Tisch mit Ausblick ins eisige Weiß. Gefühlte Ewigkeiten stochert er in seinem Portionsteller-Essen herum und blickt leer vor sich hin.

 

Nicht ohne tägliche Bluttransfusion

 

In seiner Science-Fiction-Dystopie spielt Clooney den Astronomen Augustine Lofthouse und führt zugleich Regie. Dabei gefällt er sich als bärtig zerfurchter und Whisky trinkender Schatten des Mannes, der er einmal gewesen sein soll. Seine Lage soll eine Folge von Rückblenden und Dialogen mit nur dafür auftauchenden Figuren erklären: Lofthouse ist unheilbar krank und von täglichen Bluttransfusionen abhängig. Als das übrige Personal der Polarstation ins Ungewisse evakuiert wurde, blieb er, um allein die Stellung im ewigen Eis zu halten; es sei, sagt er, ein Ort so gut wie jeder andere.

Offizieller Filmtrailer


 

Jupitermond ähnelt Colorado

 

Bald stellt sich aber heraus, dass er – außer lange und nachdenklich in die Kamera zu schauen und verloren in leeren Räumen umherzuschlurfen – noch zwei weitere Aufgaben hat. Zum einen muss er die Crew eines Raumschiffs davon abhalten, auf der verstrahlten Erde zu landen. Sie ist auf dem Rückweg vom Jupitermond K23 und hat bei ihrer Mission herausgefunden, dass dort menschliches Leben in einem Ambiente möglich ist, das offenbar dem US-Bundesstaat Colorado ähnelt.

 

Allerdings hat die Mannschaft seit längerem keinen Kontakt zum Heimatplaneten gehabt; daher weiß sie nichts von der Katastrophe, die sich dort ereignet hat. Darüber will Lofthouse sie unterrichten. Um sein erklärtermaßen letztes Ziel zu erreichen, wartet er zwischen regelmäßigen Dialysen und Schwächeanfällen ausdauernd am Mikrofon auf das Zustandekommen einer Funkverbindung.

 

Neil-Diamond-Song inspiriert

 

Seine zweite Aufgabe beginnt, als er feststellt, dass er in seiner Welt doch nicht ganz allein ist: Ein etwa siebenjähriges Mädchen wurde allem Anschein nach bei der Evakuierung des Observatoriums vergessen. Da die Kleine zunächst beharrlich schweigt, monologisiert Clooney weiter mit bedeutungsschweren Blicken und zahlreichen Erklärungen zu seiner Befindlichkeit.

 

Auf dem Raumschiff geht derweil das Bordleben seinen alltäglichen Gang; das Setdesign macht Anleihen bei Klassikern wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick und neueren Interpretationen des Genres. Offizierin Sully (Felicity Jones), an Bord für den Kontakt zur Außenwelt zuständig, erwartet vom Captain ein Kind. In Erinnerungen kann man in einem Raum mit unscharfen Hologrammen schwelgen. Wenn Inspiration gefragt ist, singen alle so gut sie können den Popsong „Sweet Caroline“, den Neil Diamond 1969 schrieb.

 

Wie ein Delphin im Raumschiff

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Tenet“komplex-absurder SciFi-Actionthriller von Christopher Nolan

 

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und hier ein Beitrag über die Ausstellung „Kubricks 2001 – 50 Jahre „A Space Odyssey““ – glänzende Schau über Entstehung + Rezeption von Stanley Kubricks SciFi-Meisterwerk im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt/ Main.

 

und hier einen Bericht über den Film „The Ides of March – Tage des Verrats“ – brillanter Polit-Thriller über den US-Wahlkampf von + mit George Clooney.

 

Nicht nur das Aussehen des Gefährts erinnert an eine rotierende Version von „Raumschiff Enterprise“; dazu passen auch die Gefahren, die gemeistert werden müssen. Nach Kollisionen mit Meteoritenschwärmen stehen Reparaturen an der Außenhülle an. Dabei sieht vieles durchaus beeindruckend aus – aber die Erzählung bleibt im gemütlichen Rahmen des Familienfernsehens von anno dazumal.

 

Mit immerhin einer schönen Innovation: In den Verbindungstrakten zwischen einzelnen Raumschiff-Abschnitten herrscht eine Art menschenfreundlicher Schwerelosigkeit. Sie erlaubt, durch delphinartige Schwimmbewegungen voranzukommen.

 

Clash des Mittelmaßes zweier Welten

 

Damit derweil auf Erden die Handlung nicht völlig zum Erliegen kommt, will Lofthouse mit dem Mädchen, für das er vorhersehbar väterliche Gefühle entwickelt, ein anderes Observatorium mit einer stärkeren Antenne erreichen. Also machen sich beide auf den Weg und trotzen den Naturgewalten ihrer endzeitlichen Umgebung. Damit wappnen sie sich auch für die so plötzliche wie rührselige Auflösung, wenn am Ende beide Handlungsstränge zusammengeführt werden.

 

Clooneys siebte Regiearbeit lief zu Weihnachten 2020 als „Netflix Original“ an. Sie wurde mit besonderer Spannung erwartet, weil sie als Zusammenarbeit zwischen einem der letzten Hollywood-Stars alter Schule und dem Streaming-Dienst gleichsam einen Ausblick auf den künftigen state of the art zu versprechen schien. Entstanden ist jedoch eher ein Zusammenprall von Mittelmaß aus beiden Welten – mit einem Budget von 100 Millionen US-Dollar. Davon hätte man mehr in Drehbuch-, Figurenentwicklung und Dramaturgie stecken sollen, anstatt in den dramatisch dräuenden Score und visuelle Spielereien.

 

Seit 23.12.20 bei Netflix