Peter Strickland

Das blutrote Kleid

Das Personal von Dentley & Soper heißt Sie willkommen. Foto: Koch Films

(DVD-Start: 27.5.21) Knallroter Killerdress: Regisseur Peter Strickland zeichnet die Blutspur eines tödlichen Kleides nach wie einen Fiebertraum zwischen Horror und Kitsch – mit dubiosen Mode-Boutiquen und Fashion Victims, die einem Polyesterbiest zum Opfer fallen.

Die Welt von Peter Stricklands Filmen ist ein eigenes Universum, vom italienischen Giallo-Horror der 1960/70er Jahre durchdrungen: Imagination und Realität verschmelzen miteinander. So war „Berberian Sound Studio“ (2012) eine Verbeugung vor den originalen B-Movies. Deren sexuelle Untertöne machte seine SM-Phantasie „The Duke of Burgundy“ (2014) explizit zum Thema, indem er mit viel Weichzeichner die Rollenverteilung in einer lesbischen Beziehung auslotete. „Das blutrote Kleid“ – im Original: „In Fabric“ – handelt einmal mehr von Frauen und ihren Leidenschaften – der Begriff „Modeopfer“ erscheint darin in ganz neuem Licht.

 

Info

 

Das blutrote Kleid

 

Regie: Peter Strickland,

113 Min., Großbritannien 2018;

mit: Sidse Babett Knudsen, Marianne Jean-Baptiste, Steve Oram

 

Weitere Informationen zum Film

 

Anfang der 1980er Jahre sucht die Bankangestellte Sheila (Marianne Jean-Baptiste) nach einem Kleid für ein Blind Date, das erste nach ihrer Scheidung. Im Schlussverkauf der Boutique Dentley & Soper ergattert sie ein rotes Kleid: ein Einzelstück, das ihr die Verkäuferin mit Sätzen aufschwatzt wie „Schenken Sie den Warnungen Ihrer fehlerhaften Selbstwahrnehmung keine Aufmerksamkeit“. Schon da müssten bei Sheila eigentlich die Alarmglocken läuten. Spätestens jedoch dann, als diese Verkäuferin beiläufig mit osteuropäischem Akzent erwähnt, dass das Model – Sidse Babett Knudsen aus „Duke of Burgundy“ als netter Insiderscherz – während der Fotoaufnahmen in diesem Kleid gestorben ist. Dennoch: Sheila kauft das Kleid, denn es passt ihr wie angegossen, und bei ihrem Date will sie Eindruck machen.

 

Das Polyesterbiest

 

Danach bekommt Sheila einen schlimmen Ausschlag, und nachts hört sie seltsame Geräusche aus dem Schrank. Als das Kleid ihre Waschmaschine von innen zerlegt und in unbeobachteten Momenten durch die Wohnung fliegt, steht fest, dass es weg muss. Die Boutique nimmt es nicht zurück. Sämtliche weitere Versuche, es loszuwerden, scheitern. Das Polyesterbiest ist nicht totzukriegen und wird noch mehrmals die Besitzer wechseln. Es führt als buchstäblich roter Faden durch den Film, der dabei auch die Verwertungskette seines textilen Hauptdarstellers durchexerziert: seinen Niedergang vom begehrten Designerstück zum Fetzen aus dem Ramschladen – als lächerliche Kostümierung für einen Junggesellenabschied.

Offizieller Filmtrailer


 

Der Plot rankt sich nicht nur um Sheila; der Fokus wandert hin und her zwischen ihr und der sektenartig organisierten Boutique, wo die operettenhaften Verkäuferinnen nach Feierabend im Keller verschwinden. Dort spielen sie zur Freude ihres sinistren Chefs an anatomisch korrekten Schaufensterpuppen herum. Sheila plagt sich unterdessen mit ihrem erwachsenen Sohn. Der will partout nicht ausziehen, sondern es sich lieber mit seiner Künstlerfreundin – Gwedolin Christie aus „Game of Thrones“ mit schwarzer Langhaarperücke – bei ihr gutgehen lassen. Bis das Kleid sein unheilvolles Werk vollführt.

 

Fiebertraum und böser Kommentar

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Berberian Sound Studio“ – skurril-bizarrer Mystery-Psycho-Thriller von Peter Strickland

 

und hier einen Beitrag über den Film „Duke of Burgundy“ – exquisit stilisiertes Sadomaso-Liebesdrama von Peter Strickland

 

und hier ein Bericht über den Film „Suspiria“ – originelle Neuinterpretation des Giallo-Horrorklassikers von Dario Argento durch Luca Guadagnino mit Tilda Swinton

 

und hier eine Besprechung des Films „Jean Paul Gaultier: Freak & Chic“ – Doku über die „Fashion Freak Show“ des Designers von Yann L’Hénoret.

 

Nur wenigen Regisseuren gelingt wie Peter Strickland der Spagat zwischen Albernheit, einer Prise Kitsch und intelligentem Psychohorror. „Das blutrote Kleid“ hat einige Längen, aber man wird doch hineingezogen in dieses düstere Film-London, wo Grün- und Brauntöne dominieren und Menschen sich gemächlich durch schwach beleuchtete Innenräume bewegen. Tageslicht gibt es kaum; das verführerische Rot des Kleides wird dadurch noch mehr hervorgehoben. Gedämpftes Licht und dunkle Farben, dazu die leise elektronisch pluckernde Musik des „Stereolab“-Nebenprojekts „Cavern of Anti-Matter“ – Strickland kreiert die Atmosphäre eines ausgedehnten Fiebertraums, nach dem man sich nicht ganz sicher ist, was man überhaupt gesehen hat.

 

Bis auf Sheila haben die Figuren keinen greifbaren Charakter, sondern bleiben Randerscheinungen – wie ihre Chefs, die im Hinterzimmer merkwürdige Befragungen durchführen und geradezu dem Absurden Theater entsprungen sein könnten. Wie die transsylvanische Gruselversion einer Hochzeit in Schwarz wirkt das Personal des seltsamen Modekaufhauses, das mit psychedelisch-suggestiver Werbung die Menschen nachts vor seine Türen lockt – mit wortreichen Durchsagen der mysteriösen Verkäuferin als running gag. Ob diese überhaupt ein Mensch ist, soll ein Rätsel bleiben.

 

Augen auf beim Kleiderkauf

 

Wer mag, kann Stricklands 2018 gedrehten und jetzt auf Deutsch als DVD veröffentlichten Film als leicht abseitigen, bitterbösen Kommentar zur Modeindustrie sehen; sie bedient kostspielig die Sehnsüchte und Hoffnungen ihrer Kundschaft, befriedigt sie aber nie. Bis auf das relativ eindeutige Ende überlässt Strickland jede weitere Interpretation dem Zuschauer. Der kann sich genussvoll in diesen etwas morbiden cineastischen Alptraum fallen lassen – und vielleicht ein wenig nachdenken, bevor er das nächste Mal Kleidung kauft.

 

(DVD & Blue-Ray-Start: 27.5.21)