Mads Mikkelsen

Der Rausch

Martin (Mads Mikkelsen) feiert mit den Abiturienten. Foto: © Henrik Ohsten © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.) Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 22.7.) Experiment Dauerschwips: Thomas Vinterberg erzählt in seiner Oscar-prämierten Sozialsatire, wie vier Freunde wieder Aufregung in ihr Lehrerdasein bringen – durch konsequente Anwendung einer skurrilen Theorie über die Vorteile des Pegeltrinkens.

Nicht nur unser Gegenüber, sondern auch die ganze Welt können wir uns für kurze Zeit schön trinken: eine gelungene Feier im Erwachsenenalter ist ohne Alkohol fast unvorstellbar. Er entspannt und macht wagemutiger – ohne ihn wären manche von uns wohl nicht auf der Welt. Wie vieles, das Spaß macht, ist er aber mit Vorsicht zu genießen. Und den Spaß vermissen die vier Protagonisten in Thomas Vinterbergs neuem Film „Der Rausch“ schon länger.

 

Info

 

Der Rausch

 

Regie: Thomas Vinterberg,

116 Min., Dänemark 2020;

mit: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Magnus Millang

 

Weitere Informationen zum Film

 

Sie arbeiten eine gefühlte Ewigkeit als Lehrer an der gleichen Schule, haben etliche Jahrgänge hoffnungsvoller Eleven ins Leben entlassen und fühlen sich in Routine gefangen. Bei einer Feier kommt ihnen die Idee, die These des norwegischen Psychiaters Finn Skåderud, der Mensch sei mit einem halben Promille zu wenig im Blut geboren, im Selbstversuch zu erforschen. Erst nach Ausgleich dieses Defizits sei man zu Bestleistungen fähig: die Auffassungsgabe ist schneller, die Arbeitsleistung höher; Beispiele wie Churchill oderHemingway belegen dies.

 

Evidenzbasiertes Saufen

 

Da für gebildete Menschen wie sie einfaches Saufen nicht in Frage kommt, muss das Ganze einen seriösen, wissenschaftlichen Anspruch haben. Getrunken wird also nur wochentags bis 20 Uhr, wodurch der vermeintlich leistungssteigernde Pegel gehalten werden soll – ein Plan, den die vier Freunde zunächst auch erfolgreich umsetzen. Für mehr „wissenschaftliche Evidenz“ zur Untersuchung von Skåderuds These braucht es au die Dauer aber mehr.

Offizieller Filmtrailer


 

Lustlos schief

 

Thomas Vinterbergs zurecht mit allen wichtigen internationalen Filmpreisen ausgezeichnetem Film steht ein Zitat des Philosophen Søren Kierkegard voran: “Was ist die Jugend? Ein Traum. Was ist die Liebe? Der Inhalt des Traums.“ Eben diese Liebe – zum Beruf, zur Partnerin, zu sich selbst und zum Leben an sich haben die vier mittelalten Männer augenscheinlich verloren.

 

Martin (Mads Mikkelsen) war einmal ein aufstrebender Historiker, leidenschaftlicher Tänzer und liebevoller Familienvater. Nikolaj (Magnus Millang), der jüngste der Truppe, hat drei kleine Kinder und funktioniert nur noch zwischen uninspiriertem Philosophie-Unterricht und häuslichen Vaterpflichten. Sportlehrer Tommy (Thomes Bo Larsen) wurde von seiner Frau verlassen und hat jeden Schwung verloren, während der zurückhaltende Musiklehrer Peter (Lars Ranthe) seinen Chor lustlos schief vor sich hin singen lässt.

 

Für die Wissenschaft in den Absturz

 

Der leichte Pegel ändert alles. Der Unterricht wird unkonventioneller und dabei auch für sie selbst wieder spannend. Die Schüler hören plötzlich zu, sie lassen sich von ihren Lehrern mitreißen. Auch im Privaten funktioniert die Kommunikation besser. Im Dienste der Wissenschaft gehen sie aber weiter – bis zum unvermeidlichen Absturz, bei dem einer auf der Strecke bleiben wird. Eigentlich wäre „Suff“ die korrekte deutsche Übersetzung des Originaltitels „Druk“.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Kursk“fesselndes Dokudrama über Untergang eines Atom-U-Boots von Thomas Vinterberg

 

und hier eine Besprechung des Films „Die Kommune“ – 1970er-Jahre-Sozialstudie von Thomas Vinterberg samt Interview dazu: „Betrunkene haben Weltkrieg gewonnen“

 

und hier ein Beitrag über den Film „Am grünen Rand der Welt“viktorianisches Liebesdrama nach Thomas Hardys Romanklassiker von Thomas Vinterberg

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Jagd“ – packendes Psycho-Drama von Thomas Vinterberg über Pädophilie mit Mads Mikkelsen.

 

Vordergründig geht es in Vinterbergs Film um Alkohol als Droge und gesellschaftlichen Kitt. Dabei bezieht er keine eindeutige Position – vielmehr exerziert er mit dem Selbstversuch des Freundes- und Kollegenquartetts realistisch und klug das Für und Wider der Volksdroge durch. Innerhalb kürzester Zeit durchleben die Vier alle Stadien des Rausches und der Sucht: Euphorie, Gewöhnung, Übermaß und Kollaps – mit allen sozialen Folgen. Im privaten Umfeld und im Kollegium bemerkt man den verstärkten Alkoholkonsum und die Vernachlässigung des Alltags; man geht erst wohlwollend auf die Männer ein – zieht aber, wie Martins Frau Anika (Maria Bonnevie), am Ende die Reißleine.

 

Alles leichter mit Schwips

 

Dieser konsequente Realismus, bei dem Vinterbergs Dogma-Vergangenheit („Das Fest“, 1998) deutlich zutage tritt, macht den Film so besonders. Er zeigt keine traurigen, mitleiderregenden Randgestalten, sondern gestandene, intelligente Männer, die durch ihr Experiment zeitweise ins Abseits geraten; es hilft ihnen aber auch, sich und ihre Umwelt neu wahrzunehmen: Martin kann endlich seine Gefühle ausdrücken – und will als erster aussteigen. In den schönsten Momenten, etwa wenn die Herren Lehrer wieder zu albernen Teenagern mutieren und nachts auf der Straße rangeln, euphorisiert das Zuschauen geradezu – in manchen stark depressiven Szenen tut es beinahe körperlich weh.

 

Das fühlt sich wie das wahre Leben an, in dem auf schöne übermütige Augenblicke der schlimme Kater folgt. Weil man selbst all diese Momente kennt, empfindet man Sympathie für die Figuren und leidet mit ihnen. Diese Intensität wird von einem großartig zusammen agierenden Ensemble getragen – und mit kongenial eingesetzter klassischer Musik und Chören noch verstärkt. So entsteht eine sonst im Film selten erreichte Nähe zu den Figuren, die lange nachwirkt. Am Ende entdecken die Überlebenden ihre Liebe zum Leben erneut und tanzen – mit einem wirklich nur kleinen Schwips. Denn ohne jeden Rausch fehlt dem Leben das gewisse Etwas.