
Die ersten Minuten von „Mond“ scheinen endlos zu sein, so zäh und brutal ist der Kampf. Bei Mixed Martial Arts – einer Disziplin, bei der Techniken aus verschiedenen Kampfsportarten fast regelfrei erlaubt sind – treffen die Kämpferinnen oder Kämpfer in einem käfigartigen Oktogon aufeinander; das brutale Spektakel wird auch cage fight genannt.
Info
Mond
Regie: Kurdwin Ayub,
93 Min., Österreich 2024;
mit: Florentina Holzinger, Andria Tayeh, Celina Antwan, Nagham Abu Baker
Weitere Informationen zum Film
Jobangebot aus Jordanien
Auch privat gibt es für Sarah kaum Lichtblicke. Ihre Freunde lachen über die ewig gleichen Witze, und ihre Schwester verspießert nach der Familiengründung zusehends. Einen Ausweg scheint ein Jobangebot aus Jordanien zu bieten. Auch hier begeisterten sich junge Frauen neuerdings für Kampfkunst, versichert ihr superreicher Arbeitgeber in spe beim Vorstellungsgespräch über Zoom. Seine drei jüngeren Schwestern sollen deshalb eine Privatlehrerin bekommen. Sarah zögert nicht lange.
Offizieller Filmtrailer
Diffuse Bedrohung in jeder Szene
Ihre Ankunft in Amman hat etwas von „Lost in Translation“; in dieser Tragikomödie mit Bill Murray und Scarlett Johansson spießte Regisseurin Sofia Coppola 2003 missglückende interkulturelle Kommunikation auf – allerdings mit besänftigendem Humor, der in „Mond“ fehlt. Der Chauffeur, der Sarah von ihrem Luxushotel zum noch luxuriöseren Anwesen der Familie bringt, antwortet auf der langen Fahrt auf keine ihrer Fragen. Es bleibt unklar, ob er so instruiert wurde, oder sie einfach nicht versteht.
So hat Sarah plötzlich viel Zeit, nachzudenken, was sie hier eigentlich sucht. Fortan schwingt in fast jeder Szene etwas diffus Bedrohliches mit; etwa wenn Sarah kurz nach Ankunft an ihrem Einsatzort eine Verschwiegenheits-Erklärung unterschreiben soll. Als sie ihren Arbeitgeber erwähnt, verfällt das Bar-Personal im Hotel in Schnappatmung – diese Familie ist so berühmt wie berüchtigt.
Perfomance-Künstlerin spielt Leistungssportlerin
Der Job selbst erweist sich als wenig fordernd. Am ersten Tag geben die Schwestern schon in der Aufwärmphase auf, am nächsten Tag wollen sie lieber einen Shopping-Ausflug machen. Während die älteste namens Nour (Andria Fateh) sich zumindest Mühe gibt, zeigen Shaima (Nagham Abu Baker) und Fatima (Celina Sarhan) vor allem dann Interesse an Sarah, wenn sie ihr Handy brauchen – alle drei dürfen selbst keines besitzen. Schnell bröckelt die Fassade aus saturierter Langeweile, und eine dramatische Entwicklung bahnt sich an: Sarah muss sich entscheiden, ob sie dem Trio zur Flucht aus ihrem Goldenen Käfig verhelfen will.
Die Rolle einer ehemaligen Leistungssportlerin, die eine neue Aufgabe im Leben sucht, ist der erste Auftritt von Florentina Holzinger in einem Kinofilm. Hier spielt die Choreographin und Performance-Künstlerin – ansonsten für ihre drastischen Inszenierungen mit hohem Schock- und Ekelfaktor bekannt – ohne jede Theatralik, mit geradezu beiläufig anmutender Natürlichkeit. Schon für ihren Debütfilm „Sonne“ hat die kurdisch-österreichische Regisseurin Kurdwin Ayub 2022 Laiendarstellerinnen engagiert.
Weiße Retter im Kino
Im Mittelpunkt des Films stand eine multikulturelle Mädels-Clique in Wien, deren Coverversion des 1990er-Jahre-Hits „Losing My Religion“ unbeabsichtigt in den Sozialen Medien landete, woraufhin ihnen Empörung, aber auch Zuspruch aus der kurdischen Community entgegenschlug. Dagegen beschreibt die Regisseurin ihren zweiten Film „Mond“ als Auseinandersetzung mit dem so genannten „White-Savior-Komplex“.
Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass weiße Protagonisten sich bisweilen berufen fühlen, Menschen in nichtwestlichen Weltregionen vor Gefahren zu retten oder ihre Entwicklung zu fördern – in Literatur und Filmen ebenso wie in der Realität, oft ohne genauere Kenntnis ihrer Lebenswelt. Als prominente Beispiele dafür gelten die Helden der Kino-Klassiker „Lawrence von Arabien“ (1962) von David Lean oder „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) von Kevin Costner.
Effektives Spiel mit den Konventionen
Hintergrund
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und hier einen Beitrag über den Film "Innen Leben – Insyriated" – ergreifendes Syrienkriegs-Drama über verbarrikadierte Bewohner von Philippe Van Leeuw.
Dramaturgische Konventionen werden somit ausgehebelt; gleichzeitig bleibt die Handlung verstörend realistisch. Dabei wissen die Zuschauer stets nur so viel wie Sarah selbst, und das ist nicht viel. So bleibt etwa eine zentrale Frage unbeantwortet: Wieso sollen die Schwestern Kampfsport lernen, wo doch die Männer in ihrem Umfeld sonst auf allen Ebenen ihre Handlungsfreiheit beschränken? Zumindest in Sarahs Welt steht körperliche Aktivität immer auch für Selbstermächtigung.
Faszination + Ratlosigkeit
Derartige Auslassungen erfüllen ihren Zweck. Manche Nebenhandlung wirkt jedoch überflüssig, was den Erzählrhythmus gelegentlich holpern lässt. So scheint Sarahs Ausflug in einen Techno-Club, der in ekstatische Entgrenzung mündet, keine dramaturgische Funktion zu haben –außer, um einen starken Kontrast zur sonstigen nüchternen Inszenierung zu setzen. Dennoch fasziniert Ayubs elliptischer Erzählansatz; ihr Film lässt das Publikum im produktiven Sinn ratlos zurück.