Miguel Gomes

Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld

Verbotene Liebe unterhalb des Äquators: Aurora (Ana Moreira) hat mit Gian Luca Ventura (Carloto Cota) eine leidenschaftliche Affäre. Foto: Real Fiction Filmverleih

(Kinostart: 20.12.) Ein Remake des Stummfilm-Klassikers als verspielte Hommage: Das Südsee-Melodram verlegt Regisseur Gomes in Portugals Afrika-Kolonie – wofür ihm die Berlinale ihren Preis für «neue Perspektiven der Filmkunst» verlieh.

Im Prolog wirkt der Film noch wie eine 50 Jahre alte Doku aus dem Ethnologie-Institut: Ein Afrika-Forscher streift im Tropenhelm durch die Savanne, vorbei an tanzenden Schwarzen im Bast-Röckchen; dann wirft er sich lebensmüde einem Krokodil zum Fraß vor – und Schluss.

 

Info

Tabu (2012) –
Eine Geschichte von Liebe und Schuld

 

Regie: Miguel Gomes,
111 min., Portugal/ Deutschland 2012; 
mit: Ana Moreira, Carloto Cotta, Teresa Madruga

 

Weitere Informationen + Kino-Liste

Was die begeisterte Kinogängerin Pilar (Teresa Madruga) auf der Leinwand sieht: Die gläubige Rentnerin lebt allein und hat ein großes Herz, das sie in allerlei Wohlfahrts-Initiativen auslebt. Und auf der Etage ihres Wohnblocks: Ihre greise Nachbarin Dona Aurora bringt sich öfter in die Bredouille – indem sie ihr Geld im Casino verzockt oder ihre schwarze Haushälterin Santa (Isabel Cardoso) der Hexerei bezichtigt. Pilar hilft, wo sie kann.

 

Rentner-Milieu im heutigen Lissabon

 

So führt die erste Hälfte des Films gemächlich ins Milieu pensionierter Herrschaften im heutigen Lissabon ein: mit Kaffeetrinken und kleinen Sorgen, ausbleibenden Au-Pair-Gästen und seltenen Besuchen alter Freunde. Unversehens liegt Dona Aurora im Sterben, fantasiert von einem Krokodil und verlangt nach einem gewissen Ventura. Pilar treibt ihn im Altersheim auf, doch sie kommen zu spät; nun erzählt Ventura den Hinterbliebenen Auroras Lebensgeschichte.


Offizieller Filmtrailer, englisch untertitelt


 

Krokodil-Baby als Geburtstags-Geschenk

 

Und der Film springt zurück in die Welt des Prologs: Portugals afrikanisches Kolonialreich Anfang der 1960er Jahre. Aurora (Ana Moreira) wächst am Fuß des «Mount Tabu» auf, der dem Kamerunberg ähnelt, aber in Mosambik liegen soll. Die verwöhnte Plantagenbesitzer-Tochter lässt sich von schwarzem Personal bedienen, geht auf Großwild-Jagd und heiratet einen betuchten Seitenscheitel-Träger; der schenkt ihr zum Geburtstag ein Krokodil-Baby.

 

Bis dieses Luxus-Geschöpf den Weltenbummler Ventura (Carloto Cotta) und mit ihm die große Liebe kennen lernt. Lange können beide ihre Affäre vor Auroras Gatten verheimlichen, doch dann fliegen sie auf und nehmen Reißaus. Auf der Flucht begeht Aurora eine Verfehlung, die sie für immer von Ventura trennt. The rest is history: Unabhängigkeits-Krieg und Repatriierung der Weißen nach Europa.

 

Kolonial-Konventionen statt Ritual-Tabu

 

Seinen Rückblick auf die Kolonial-Zeit inszeniert Regisseur Miguel Gomes als vertrackte Hommage an Friedrich Wilhelm Murnaus gleichnamigen Stummfilm-Klassiker von 1931: Damals war die Südsee-Schönheit Reri mit einem traditionellen Ritual-Tabu belegt, womit sie für Perlentaucher Matahi unerreichbar wurde. In Gomes’ Version sind es Konventionen der Kolonial-Elite, die das Liebespaar von seinem Glück trennen.

 

Was dieses Melodram recht gestrig aussehen ließe, würde es der Regisseur nicht souverän in Stil-Elemente der Stummfilm-Ära einhüllen. Die Retro-Ästhetik wird dichter, je weiter der Film ins Vergangene ausgreift: Das Lissabon der Gegenwart erscheint schon schwarzweiß im alten 1:1,33-Format, aber gestochen scharf und glasklar vertont.

 

Wehmut mit leiser Ironie versetzt

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films
Der Fluss war einst ein Mensch” von Jan Zabeil, ein Psycho-Drama in Afrika mit Alexander Fehling

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung
Afrika mit eigenen Augen” über Reisen von Afrika-Pionieren im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden.

In Mosambik hat Gomes auf 16-Millimeter-Film gedreht: Körnige Bilder bleiben ohne Dialoge und werden mit verrauschtem Grillen-Gezirpe wie aus alten Archiv-Tonaufnahmen unterlegt. Allein Venturas Off-Kommentar erklärt den Lauf der Dinge im Afrika der ausklingenden Kolonial-Ära – als sich Weiße ihre üppig bemessene Freizeit mit Beat-Musik auf Cocktail-Partys vertreiben und Krokodile als Spielzeug halten.

 

Solche verspielten Details lassen die nostalgische Atmosphäre nie zu vergangenheitsselig werden: Sie beschwören eher das portugiesische Nationalgefühl saudade herauf, das Wehmut nach Verlorenem mit leiser Ironie versetzt. Was den Film gleichsam auch zum Abgesang auf Europas kulturelle Hegemonie über die restliche Welt macht: Die Epoche, in denen Eingeborene sprachlos die Händel der Abendländer beobachteten, ist passé.

 

Regisseur wollte altmodisch sein

 

«Tabu» erhielt im letzten Berlinale-Wettbewerb den Alfred-Bauer-Preis für ein Werk, das «neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet» – was den Regisseur erstaunte: «Ich wollte eigentlich einen altmodischen Film machen.» Doch seinem raffinierten remake gelingt formvollendet beides zugleich: vorwärts in die Vergangenheit!


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