Paolo Sorrentino

La Grande Bellezza – Die große Schönheit

Welkes Fleisch lockt frisches nicht mehr: Jep Gambardella (Toni Servillo) mit nackter Frau auf einer Party. Foto: © DCM

(Kinostart: 25.7.) Rom sehen und sterben – aber vorher wird endlos gefeiert. „Il Divo“-Regisseur Paolo Sorrentino lässt einen alternden Reporter geistreich und gelangweilt durch die Stadt streifen: als herrliche Hommage an Fellinis „La Dolce Vita“.

In den Brunnen steigt niemand, und doch ist Paolo Sorrentinos neuer Film unverkennbar eine Hommage an Federico Fellini. Der hatte mit „Das süße Leben“ schon 1960 Rom ein recht monumentales Denkmal gesetzt, an dem sein Regie-Kollege auch ein halbes Jahrhundert später nicht rütteln will.

 

Info

 

La Grande Bellezza –
Die große Schönheit


Regie: Paolo Sorrentino

142 Min., Italien 2013

mit: Toni Servillo, Carlo Verdone, Roberto Herlitzka, Galatea Ranzi

 

Website zum Film

 

Wie beim großen Vorbild klingt der italienische Titel natürlich besser. „La Dolce Vita“ schmilzt so cremig auf der Zunge, wie „La Grande Bellezza“ feinste Lautmalerei ist, während „Die große Schönheit“ eher nach Kants kantiger Ästhetik klingt.

 

Ruinen sind schöner als welkes Fleisch

 

Schönheit ist das große Thema Italiens. Und auch das der Italiener. In einem Land, wo man nicht nur von Natur-, sondern auch allerorten von Kunst- und Architektur-Schönheiten umgeben ist, fällt es den Menschen verständlicherweise schwer, im Wettstreit mit schönen Formen und wohlgestalteten Oberflächen zu konkurrieren. Letzten Endes – und vor allem im Alter – bleibt noch die heruntergekommenste Ruine ansehnlicher als das welkende Fleisch der Leiber.


Offizieller Filmtrailer


 

Gelangweilte Bohemiens

 

Auch Jep Gambardella (Toni Servillo) wird alt; sein kultivierter Zynismus droht mitunter unmenschlich zu werden. Auf seiner Angeber-Dachterrasse gegenüber des Kolosseums empfängt er seine Freunde, wenn man diesen Kreis von gleichfalls in die Jahre gekommenen, gelangweilten Bohemiens so nennen will, und lädt zum verbalen Schlagabtausch.

 

Dabei wird er schon mal persönlich, der hoch bezahlte Magazin-Journalist; er schrieb vor vielen Jahren einen sehr erfolgreichen Roman, dem er allerdings nie eine Fortsetzung folgen ließ. In der Gewissheit des Avantgardisten von einst macht er nun lustlos Reportagen über Kunst und so.

 

 Das Leben des Lebemannes

 

Aber das ist nur eine alltägliche Begleiterscheinung im Leben des Lebemannes. Er hätte auch zum Gockel anstelle eines in Würde zerknitternden Dandy reifen können, wenn er nicht mit 65 Jahren noch einen so federnden Gang und eine derart schlanke Silhouette hätte. Doch so ist es eine reine Freude, ihm zuzuschauen, wie er durch die Straßen und Plätze im nächtlichen Rom streift.

 

Zum Beispiel mit Orietta (Isabella Ferrari) über die Piazza Navona. Aus ihrer dort gelegenen Wohnung stiehlt er sich allerdings am nächsten Morgen davon – aus Furcht, sich mit ihr unterhalten zu müssen. Oder über den Cimitero Verano, wo er einen Freund begraben muss und begreift, dass immer mehr gehen als kommen. Oder die prächtige Via Veneto, in deren Nähe ein alter Kumpel noch immer ein Strip-Lokal betreibt. Dessen Tochter Ramona (Sabrina Ferilli) wäre beinahe Jeps Freundin geworden.

 

Rom sehen und sterben

 

Die Stadt ist eine gefährliche Schönheit. Das wird schon gleich zu Anfang deutlich, wenn die Kamera von Luca Bigazzi über die Sehenswürdigkeiten gleitet und nur kurz halt macht, weil ein japanischer Tourist an der Fontana dell’Acqua Paola tot umfällt. Rom sehen und sterben, heißt es ja in einer Redewendung. Gesehen hat Jep von Rom wohl alles in seinem Leben, sterben will er allerdings noch nicht. Deshalb wird erst einmal gefeiert.

 

Mit dem rauschenden Fest, das gleich zu Anfang zu Ehren von Jeps Geburtstag gefeiert wird, hat Sorrentino eine der gelungensten Party-Sequenzen der neueren Filmgeschichte abgeliefert. Die Tanz-Szenen sind treffsicher choreografiert, die Gäste ziehen authentische Grimassen. Alles eine Spur zu pompös, alles ein wenig zu dick aufgetragen wie das Make-up der Damen, egal ob sie es nötig haben oder nicht, alles etwas zu laut und schrill und hysterisch. Aber so lernen wir den Jubilar kennen – und lieben!

 

Auf der Suche nach dem Sinn

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films„Cheyenne – This Must Be The Place“  von Paolo Sorrentino mit Sean Penn + David Byrne

 

und hier einen Bericht über den Film „To Rome with Love“ – Rom-Komödie von Woody Allen

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Rom sehen und sterben…“ über deutsche Künstler in der Ewigen Stadt von 1500 bis 2011 in der Kunsthalle Erfurt

 

Wer hätte schon etwas an Jeps Leben auszusetzen? Natürlich scheint alles reichlich substanzlos, was er da treibt. Und doch ist er auf der Suche nach dem Sinn. Ein schweres Unterfangen für Nihilisten. Oft redet Jep von Flaubert, der ein Buch über das Nichts schreiben wollte und es nie tat. Gern würde er es nun selber schreiben, aber er tut es auch nicht. Weil er nicht kann.

 

Die Episoden und angeschnittenen Anekdoten flattern nur so durch den Film; wie ein Schmetterling, der auch eher für die Schönheit geboren ist, denn geradeaus fliegen liegt ihm nicht. Diese Leichtigkeit von Sorrentinos Regiearbeit ist eine große Stärke des Films. Nur zum Ende hat ihn wohl die Frage bekümmert, ob ihm das alles nicht etwas zu oberflächlich geraten könnte: Er lässt seinen Protagonisten kurz moralisch werden. Doch muss man Jep da auch nicht zu ernst nehmen. Das will ihm selbst ja nicht recht gelingen.

 

Wunderbarer Film über Schönheit

 

Mit „Il Divo“ hat Sorrentino 2008 einen sensationellen, weil gleichzeitig lehrreichen wie absurd witzigen Film über Politik in Italien gedreht. „La Grande Bellezza“ ist nun ein wunderbarer Film über die Schönheit geworden. Und die findet hauptsächlich an der detailliert gezeichneten Oberfläche statt. Aber unter dieser Oberfläche sind die Verwundungen und einige verheilte Narben zu spüren. Gerade sie sind es, die wirkliche Schönheit erst erkennbar machen.


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