Andrea Segre

Venezianische Freundschaft

Bepi (Rade Šerbedžija) und Shun Li (Zhao Tao) auf seiner Fischer-Hütte in der Lagune von Venedig. Foto: Rendezvous Filmverleih

(Kinostart: 5.12.) Globalisierung auf der Mikro-Ebene: Im Stammcafé der Fischer von Chioggia serviert plötzlich eine Chinesin. Regisseur Andrea Segre erzählt mit malerischen Bildern und exzellenten Hauptdarstellern von Immigranten-Problemen.

Ein Venedig-Film, in dem die Serenissima mit Canal Grande und Rialto-Brücke kaum auftaucht: Er spielt fast ausschließlich im benachbarten Chioggia. Die Kleinstadt in der Lagune lassen Touristen links liegen. Dabei entgeht ihnen die ursprüngliche Schönheit von Hafen, Inseln und Barken der Fischer, die ihrem Handwerk wie seit Generationen nachgehen. Viele besitzen kleine Pfahlhütten auf dem Wasser.

 

Info

 

Venezianische Freundschaft

 

Regie: Andrea Segre,

98 Min., Italien 2011;

mit: Zhao Tao, Rade Šerbedžija, Marco Paolini

 

Website zum Film

 

Der verschlafene Heimatort von Regisseur Andrea Segre ist die perfekte Kulisse für eine behutsam erzählte Geschichte. Über den Zusammenstoß der Kulturen am Kneipentresen: Chinesische sweat shop-Besitzer haben ein Traditions-Café im Hafen von Chioggia gekauft. Dort soll ihre talentierte Arbeiterin Shun Li (Zhao Tao) fortan servieren und kassieren.

 

Binationale Schwärmerei für Poesie

 

Plötzlich steht Li radebrechend hinter dem Tresen und wird von den Stammgästen misstrauisch beäugt: Die kann ja nicht einmal verschiedene Espresso-Varianten zubereiten! Nur Bepi (Rade Šerbedžija) hilft ihr nachsichtig. Bald finden sie heraus, dass sie beide für Poesie schwärmen: Li verehrt einen berühmten chinesischen Dichter, Bepi schmiedet selbst Verse. Außerdem sind beide Einwanderer; Bepi kam vor 30 Jahren aus Jugoslawien ins Veneto.


Offizieller Filmtrailer


 

Culture clash story auf leisen Pfoten

 

Ihre zarte Verbindung beschränkt sich auf freundliche Gesten und kleine Aufmerksamkeiten; harmloser Höhepunkt ist ein gemeinsamer Tagesausflug zur Fischerhütte in der Lagune. Doch schon das missfällt ihrer Umwelt. Die Bosse von Li schieben sie in einen entfernten Betrieb ab und nötigen sie, den Kontakt abzubrechen; andernfalls werde sie ihren in China wartenden Sohn nie wieder sehen. Bepis Kumpel greifen zu schlagenden Argumenten.

 

Diese culture clash story kommt ganz unspektakulär daher, gleichsam auf leisen Pfoten. Regisseur Segre greift keinen der Groß-Konflikte aus den Nachrichten auf, bei denen lautstark Gruppen-Interessen aufeinander prallen: Mafia und reguläre Wirtschaft, illegale Einwanderer und Grenzschutz oder fahrendes Volk und Alteingesessene.

 

Textilfabriken für Zehntausende Arbeiter

 

Stattdessen zeigt er die Folgen der Globalisierung auf der Mikro-Ebene: Eines Morgens öffnet sich die Lokaltür, und anstelle altbekannter Gesichter wartet eine Chinesin auf Kundschaft. Die wird nicht rundweg abgelehnt, solange sie eilfertig das Bestellte auftischt. Gibt es aber Ärger, kochen sofort Ressentiments hoch: Dann wird eine ausgebeutete sweat shop-Sklavin zur Zielscheibe für alle Ängste und Aggressionen gegen die „gelbe Gefahr“.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die eindringliche Doku „Das Venedig Prinzip“ von Andreas Pichler über Verfall durch Massentourismus

 

und hier eine Besprechung des Films „Die vierte Macht“  – deutsch-russischer Polit-Thriller von Dennis Gansel mit Rade Šerbedžija 

 

und hier einen Bericht über die Video-Installation „Ten Thousand Waves“ von Isaac Julien mit Zhao Tao im Museum Brandhorst, München.

 

Chinesen kannte man in Italien lange nur als Restaurant-Besitzer. Inzwischen haben sich im Golf von Neapel, rund um Rom, in der Toskana und im Veneto Textil- und andere Fabrikanten angesiedelt, die Zehntausende chinesischer Arbeiter beschäftigen. Sie werden in Gettos kaserniert, denn ihre Chefs fürchten, ansonsten die Kontrolle über ihre undurchsichtigen Geschäfte zu verlieren. Diese Abschottung fördert nicht gerade Akzeptanz.

 

Schönheit der Lagunen-Landschaft

 

Regisseur Segre kennt das Milieu der halblegalen Hinterhof-Firmen gut: Der studierte Sozialforscher hat mehrere Dokumentarfilme über Immigranten und ihre Probleme gedreht. Dass er dieses Thema kompetent und vielschichtig darstellt, ist daher weniger bemerkenswert als die souveräne Art und Weise, wie er das tut: In delikat komponierten Bildern, die den spröden Reiz und die zerbrechliche Schönheit der Lagunen-Landschaft stimmungsvoll einfangen.

 

Auf den Wellen bricht sich jeden Abend das Sonnenlicht. Was in Venedig als kitschige Postkarten-Ansicht jede Menge Tagestouristen anlocken würde, genießen hier nur ein paar Einheimische.

 

Wie Zhao Tao und Rade Šerbedžija, deren zurückhaltendes Spiel der dezenten Signale und wortlosen Verständigung den Film wunderbar trägt: verhalten nonchalant bei der Chinesin, gutmütig brummig beim kroatischen Schauspieler. Ein Paar, das zu gut zueinander passt, als dass es dafür in dieser Welt ein happy end gäbe.


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