65. Berlinale

Neuer Deutscher Film – 50 Filmplakate von Margrit und Peter Sickert

Detail des Filmplakats von "... als Diesel geboren" (1979) von Peter Przygodda. Foto: ohe

Sie gaben dem Neuen Deutschen Film ein Gesicht: Das Grafiker-Paar Sickert hat Plakate für Wenders, Fassbinder, Schlöndorff u. v. m. gestaltet. Das Haus der Berliner Festspiele stellt nun 50 Entwürfe aus – überraschend textlastig und verblüffend einprägsam.

Mit 65 Jahren hat die Berlinale das reguläre Verrentungs-Alter erreicht. Da lohnt ein Blick zurück – gottlob nicht auf die Eigenwerbung des Festivals: Seine Plakate zeigen seit Jahrzehnten entweder den von Renée Sintenis gestalteten Bären in allen Variationen. Oder alberne Abstraktionen, wie in diesem Jahr: Verschlungene Wellenlinien sollen wohl die sich öffnende Sicht auf die Leinwand symbolisieren, wirken aber wie ein Duschvorhang.

 

Info

 

Neuer Deutscher Film – 50 Filmplakate von Margrit und Peter Sickert

 

03.02.2015 – 15.02.2015

täglich 10 bis 16 Uhr

im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr.24, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Dagegen sind die Motive von Margrit und Peter Sickert wohltuend konkret. Mehr als 300 Filmplakate hat das Grafiker-Paar in den 1960er bis 1990er Jahren gestaltet; die meisten in den 1970/80er Jahren. 50 ihrer Entwürfe sind nun – leider ohne Erläuterungen – im „Haus der Berliner Festspiele“ zu sehen. Offenbar aus Anlass der Berlinale-Hommage für Wim Wenders: Er erhält den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk. Für etliche seiner Filme entwarfen die Sickerts die Reklameplakate.

 

Chiffre für Macht des Kapitals

 

Wie für manche anderen Regisseure des Neuen Deutschen Films: An den Wänden hängt eine kleine Enzyklopädie des bundesdeutschen Autorenfilms. Manche Titel sind längst vergessen, andere fast sprichwörtlich geworden, etwa „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ (1985) von Alexander Kluge. Da gehen leuchtende Fenster von Wolkenkratzern nahtlos in einen Börsen-Kurszettel über – eine prägnante visuelle Chiffre für die Macht des Kapitals.


Impressionen der Ausstellungen


 

Halber Abspann auf Plakat

 

Auf gleich drei Varianten für „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974) von Kluge und Edgar Reitz dominiert der Bandwurm-Titel. Überhaupt kommen viele Plakate recht textlastig daher. Sie sollten in den von Bleiwüsten begeisterten 1970er Jahren offenbar mehr informieren als optisch verführen, zumindest bei „anspruchsvollen“ Filmen. So brachten die Grafiker häufig den halben Abspann auf dem Plakat unter.

 

Das Poster des britischen road movie „Radio On“ (1979) von Christopher Petit listet neben allen Mitwirkenden auch ein halbes Dutzend New-Wave-Bands auf, die den soundtrack füllen. Darunter steckt am Auto-Armaturenbrett ein Zettel mit den Sätzen: „We are the children of Fritz Lang and Werner von Braun. We are the missing link between the ’20s and the ’80s…“ usw. Das alles durchzulesen dauert länger als mancher Kurzfilm.

 

Wortreiche Fragen + Bemerkungen

 

Zuweilen wird der Inhalt skizziert: Das Plakat zu Wenders‘ Film „Im Lauf der Zeit“ (1976) charakterisiert die Hauptfigur. Dasjenige zu „Mord aus Liebe“ (1993) von Georg Stefan Troller fragt wortreich, ob nicht jeder seinen Partner töten könnte. Und auf dem zum science fiction-Streifen „Die Klapperschlange“ (1981) von John Carpenter warnen Balkenlettern: „New York 1997 – 10 Millionen Einwohner – jeder ein Verbrecher – Manhattan: Ein Gefängnis – einmal drin, kommst Du nie wieder raus…“. So schlimm wurde es dann doch nicht.

 

Auch Kommentare zum Film tauchen öfter auf. Ein-Wort-Eigenlob wie „Meisterwerk“ oder „Kultfilm“ hat sich ebenso bis heute gehalten wie hymnische Pressezitate ohne Kontext. Arg antiquiert wirken dagegen rhetorische Fragen wie „Hoffmann – Terrorist, harmloser Bürger oder einfach verrückt?“ bei „Messer im Kopf“ (1978) von Reinhard Hauff. Oder die Anmerkung zu Martin Scorseses erstem Erfolg „Hexenkessel“ („Mean Streets“) von 1973: „Scorsese’s Film über die Ecke von New York, die ihn noch heute krank macht…“. Woher wussten die Sickerts das bloß?

 

Gestapo-Mann bechert lachend

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Der Titel wird im Bild fortgesetzt” mit Filmplakaten von Hans Hillmann im Folkwang Museum, Essen

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Gemalter Film” über Filmplakate von Renato Casaro im Museum Folkwang, Essen

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Deadly And Brutal” mit handgemalten Filmplakaten aus Ghana in der Pinakothek der Moderne, München.

 

Doch Grafiker sind vor allem für Optik zuständig. Und da fallen ihnen verblüffende Lösungen ein: Ungeniert setzen sie riesige Hakenkreuze auf Plakate. Dasjenige zur Doku „Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie“ (1988) von Marcel Ophüls ziert ein Foto, auf dem der Gestapo-Kommandant lachend bechert. Dazu die Zeilen: „‚Mein Gott‘, sagen die Leute, ‚das war vor 40 Jahren‘. Oder sie sagen: ‚Sind sie etwa Jude, Herr Ophüls?'“ Solche gallige Ironie würde sich heute vermutlich kein Werbetexter mehr trauen.

 

Doch bleiben wir bei den Bildern. Für Motive, die den gesamten Film emblematisch zusammenfassen, haben die Sickerts ein Auge. Etwa Reiter, die aus Nebelschwaden auf den Betrachter zupreschen, darüber blutrote japanische Schriftzeichen:  zum Samurai-Epos „Ran“ (1985) von Akira Kurosawa.

 

Für immer Christiane F.

 

Oder die Abriss-Collage aus Fotos der bleichen Natja Brunckhorst für das Fixer-Drama „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1981) von Ulrich Edel. Dieses Poster hat sich in das Bildgedächtnis der Republik eingebrannt; wie viele Filmplakat-Gestalter können das noch von sich sagen?


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