Miloslav Šmídmajer

Miloš Forman – What Doesn’t Kill You

Miloš Forman raucht. Foto: Dualfilm Verleih

(Kinostart: 6.10.) Der tschechisch-amerikanische Regisseur hat legendäre Welterfolge und spektakuläre Flops gedreht. Seine windungsreiche Laufbahn zeichnet dieses Doku-Porträt anschaulich nach – mit Forman selbst als glänzend aufgelegtem Erzähler.

Miloš Forman, der 1932 im tschechischen Čáslav zur Welt kam, gehört dem wohl exklusivsten Zirkel des Weltkinos an. Er ist einer von nur drei Regisseuren, die zwei Mal mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet wurden: 1975 für „Einer flog über das Kuckucksnest“, zehn Jahre später für „Amadeus“. Außer ihm ist das nur Frank Capra und Francis Ford Coppola gelungen.

 

Info

 

Miloš Forman –
What Doesn’t Kill You

 

Regie: Miloslav Šmídmajer,

1oo Min., Tschechien 2009;

mit: Miloš Forman, Michael Douglas, Woody Harrelson, Javier Bardem

 

Weitere Informationen

 

Sein letzter Film „Goyas Geister“ über die spanische Inquisition um 1800 liegt bereits zehn Jahre zurück. Doch 2007 fuhr der damals 75-Jährige erstmals seit Jahrzehnten für längere Zeit nach Tschechien, um am Prager Nationaltheater eine Oper zu inszenieren – gemeinsam mit seinen inzwischen erwachsenen Söhnen Petr und Matěj aus erster Ehe.

 

Familie im home video look

 

Dabei nahm Forman Andy und Jimmy aus seiner zweiten Ehe in den USA mit, um den beiden Knaben die Orte seiner Herkunft zu zeigen und seine Verwandten vorzustellen. Auf dieser Reise hat ihn der tschechische Filmemacher Miloslav Šmídmajer begleitet. Was sich anfangs als etwas betuliche Familienzusammenführung ausnimmt, gedreht mit Handkamera im home video look, gewinnt bald an Dynamik und Tiefe.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

15 Minuten mit Mutter in Gestapo-Haft

 

Das ist vor allem der Hauptfigur zu verdanken: Miloš Forman glänzt auf Tschechisch wie auf Englisch als begnadeter Erzähler, der so leidenschaftlich wie pointiert seine Vergangenheit Revue passieren lässt. Prägnant und völlig unsentimental schildert er markante Momente: Sei es sein erster Kinobesuch mit dem Vater 1937, als bei einer Stummfilm-Fassung der Smetana-Oper „Die verkaufte Braut“ das Publikum im Saal mitsang.

 

Oder sein letztes Treffen mit seiner Mutter in Gestapo-Haft, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde: 15 Minuten lang hätten sie nur über Belangloses gesprochen, was „die Situation nur umso grausamer machte“. Seine Eltern starben in NS-Konzentrationslagern; er selbst wuchs bei Verwandten und Freunden auf. An der Prager Filmhochschule schrieb er sich ein, weil er von der Theaterakademie abgelehnt worden war.

 

Nach Prager Frühling emigriert

 

Seine ersten Filme im Stil der „Neuen Welle“ brachten ihn Anfang der 1960er Jahre rasch mit der kommunistischen Obrigkeit in Konflikt. 1967 wurde die Groteske „Der Feuerwehrball“, den Funktionäre durch kleinliche Einmischung ruinieren, in der Tschechoslowakei verboten: Regisseur François Truffaut und Produzent Claude Berri kauften die Rechte und brachten den Film 1968 nach Cannes – wo seine Aufführung durch den Abbruch des Festivals ins Wasser fiel.

 

Doch das öffnete Forman die Tür ins westliche Filmgeschäft: Er verhandelte gerade in Paris über seine erste US-Produktion, als Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling niederschlugen. Während seine Frau mit Petr und Matěj in die Tschechoslowakei zurückkehrte, emigrierte der Regisseur nach New York. Seine erster amerikanischer Film, die skurrile Gesellschaftssatire „Taking Off“ (1971), wurde allerdings ein flop – und Forman war praktisch pleite. Er soll das billige „Hotel Chelsea“, wo er auf Pump wohnte, ein Jahr lang kaum verlassen haben.

 

Psychiatrie-Oberschwester ist KP

 

Diese Durststrecke endete vier Jahre später mit dem phänomenalen Erfolg von „Einer flog übers Kuckucksnest“, der fünf Oscars gewann. Dass er skandalöse Verhältnisse in der US-Psychiatrie so trefflich aufs Korn nehmen konnte, erklärt Forman mit seiner Ostblock-Erfahrung: „Die herrschsüchtige und manipulative Oberschwester Ratched – das war die Kommunistische Partei“.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein“ – brillantes Musical-Melodram von Christophe Honoré mit Catherine Deneuve, Chiara Mastroianni + Milos Forman

 

und hier einen Bericht über den Film „Roman Polanski: A Film Memoir“ – Doku über + mit dem Filmregisseur von Laurent Bouzerau

 

und hier eine Besprechung des Films „Altman“ – anschaulich präzise Doku über den US-Filmemacher Robert Altman von Ron Mann

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Martin Scorsese“  – weltweit erste Werkschau des US-Regisseurs im Museum für Film und Fernsehen, Berlin.

 

In einer präzisen Montage aus Filmausschnitten, historischen Aufnahmen sowie O-Tönen von Schauspielern und Weggefährten geht Regisseur Šmídmajer die weiteren Stationen von Formans Karriere durch und lässt sie von ihm kommentieren: Kassenschlager wie „Hair“ (1979) und „Amadeus“ (1984) ebenso wie Misserfolge, etwa „Ragtime“ (1981) oder „Valmont“ (1989) – dieser Verfilmung der „Gefährlichen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos war Stephen Frears mit seiner Version wenige Monate zuvor gekommen.

 

Freiheitsliebender Individualismus

 

Selbst Vorhaben, die nach jahrelanger Vorbereitung scheiterten, kommen zur Sprache. Dieser umfassende Rückblick wird möglich, weil Forman – anders als sein polnischer Emigranten-Kollege Roman Polanski – kein Vielfilmer ist: In 35 Jahren hat er nur neun Filme realisiert. „Ich muss mich für ein Projekt begeistern können, sonst lasse ich es“, erklärt der Regisseur: „Nach Lektüre eines Drehbuchs warte ich wochenlang, ob meine anfängliche Begeisterung anhält oder abklingt.“

 

So unterschiedlich seine Filmstoffe auch sind, eines verbindet sie: Stets stehen Einzelgänger im Mittelpunkt, die sich dem Konformitätsdruck ihrer Umwelt widersetzen. Und sei es ein Porno-Verleger, der um mehr Pressefreiheit kämpft, wie in „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (1996). Sein freiheitsliebender Individualismus speist sich aus Formans Erfahrungen mit zwei Diktaturen; er bleibt sein kinematographisches Vermächtnis, auch wenn er keine weiteren Filme mehr drehen sollte. Erstaunlich, dass dieses gelungene Doku-Porträt erst jetzt – sieben Jahre nach Fertigstellung – in deutsche Kinos kommt.


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