Leonardo DiCaprio

Inception (WA)

Foto: © Warner Bros. Entertainment

(Kinostart: 14.8.) In wessen Unterbewusstsein sind wir? 2010 drehte Regisseur Christopher Nolan einen verschachtelten SciFi-Psychothriller über manipulierbare Träume. Seine komplexe Kopfgeburt kommt wieder ins Kino – und soll wohl über die Verschiebung von „Tenet“ hinwegtrösten.

Die USA bekommen die Corona-Epidemie nicht in den Griff. Zu den Leidtragenden des erratischen Kurses von Staatschef Donald Trump zählt auch die Filmindustrie: Solange strenge Sicherheitsregeln in den Sälen gelten, will Hollywood seine sündhaft teuren Blockbuster nicht durch zu frühe Kinostarts verbrennen.

 

Info

 

Inception (WA)

 

Regie: Christopher Nolan,

148 Min., USA/ Großbritannien 2010;

mit: Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Joseph Gordon-Levitt, Marion Cotillard, Tom Hardy

 

Weitere Informationen

 

Allen voran das Zugpferd der Saison: „Tenet“ von Regisseur Christopher Nolan. Der SciFi-Thriller über einen Agenten, der den Zeitablauf manipulieren kann, sollte ursprünglich Mitte Juli anlaufen. Doch die Produktionsfirma Warner Bros. hat den Start bereits drei Mal verschoben – mittlerweile auf unbestimmte Zeit. Stattdessen kommt, vielleicht um die Nolan-Fans zu vertrösten, ein anderes Werk von ihm erneut ins Kino: der 2010 gedrehte Film „Inception“.

 

Zweitsichtung zum Verständnis

 

Die 160 Millionen Dollar teure Mammutproduktion ist alles andere als ein Pausenfüller. Ihre spektakulären Spezialeffekte beeindrucken nach einem Jahrzehnt immer noch. Und die Konstruktion der Handlung fällt derart verschachtelt aus, dass die meisten Zuschauer sie wohl ohnehin zwei Mal sehen müssen, um all ihre Verästelungen zu verstehen – zumal nach zehn Jahren Zeitabstand.

Offizieller Filmtrailer


 

Im Traum eines Anderen

 

Dabei könnte „Inception“ im Kopf jedes einzelnen Betrachters ablaufen: Stell Dir vor, um Dich herum fliegt alles in die Luft, und Du bleibst ruhig sitzen. Reihenweise gehen Sprengsätze hoch, Trümmer und Scherben prasseln herab, und Du lächelst gelassen. Dir kann nichts passieren, denn es ist nur ein Traum. Allerdings einer, den jemand anders träumt.

 

Durch eine solche Traumwelt bewegt sich dieser Film von Regisseur Christopher Nolan, der sich schon auf verwickelte Psychothriller spezialisiert hatte, bevor er mit der „The Dark Knight“-Trilogie (2005/12) über Batman weltberühmt wurde. In „Memento“ von 2000 lief die Handlung rückwärts, weil die Hauptfigur unter Amnesie litt. In „Insomnia“ von 2002 hatte der Held Halluzinationen wegen Schlaflosigkeit. Und in „Prestige“ von 2006 drehte sich alles um den magischen Trick, an zwei Orten zugleich zu sein.

 

Geheimnisse im Traum entreißen

 

Allesamt Erfolge bei Kritik und Publikum, waren sie Fingerübungen im Vergleich zu „Inception“. Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle des Don Cobb kann ganze Welten erschaffen – sogar mehrere ineinander. Mit seiner verschworenen Crew von Spezialisten steigt er träumend in die Träume anderer Menschen ein und lebt darin mit. Seine fabelhaften Fähigkeiten nutzt das Traum-Team vor allem für banale Industriespionage: Es entreißt träumenden Firmen-Bossen ihre Geschäftsgeheimnisse, für die Konkurrenten viel Geld zahlen.

 

Cobb und seine Leute schrecken vor Gewalt nicht zurück. Es ist ja nur ein Traum – wer stirbt, wacht unbeschadet auf. Allerdings erhalten sie einen heiklen Auftrag: Sie sollen dem Erbe eines Weltkonzerns die Idee einpflanzen, sein Imperium zum Wohle der Wirtschaft zu zerschlagen. Das wäre ihnen möglich, wenn sie ganz tief in sein Unterbewusstsein hinabtauchen. Was enormen technischen und logistischen Aufwand erfordert.

 

Zwischen Traumebenen wechseln

 

Den plausibel zu erklären, füllt einen Großteil der zweieinhalb Stunden Laufzeit. Zum Beispiel benötigt Cobb einen Traumwelt-Architekten – dafür heuert er die Studentin Ariadne (Ellen Page) an. Die entwirft ausgefeilte Traum-Landschaften, in denen sich die Akteure bewegen: Auf der ersten Ebene Straßenschluchten à la Manhattan, auf der zweiten einen Art-Déco-Hotelpalast, auf der dritten eine alpine Bergfestung, auf der vierten eine verlassene Monster-Metropole.

 

In jeder Ebene treffen sie auf Rudel feindlich gesinnter Gestalten, die ihnen ans Leder wollen  – das Unterbewusstsein des Träumers wehrt sich gegen die Eindringlinge. Kurz vorm Exitus müssen sie die Ebene wechseln, was für reichlich Action wie Konfusion sorgt. Ariadnes Frage: „Moment, in wessen Unterbewusstsein sind wir gerade?“ stellt sich das Publikum alle paar Minuten.

 

Halb Paris wird hochgeklappt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Dunkirk“ – monumentales Echtzeit-Epos über die Evakuierung britischer Truppen im Zweiten Weltkrieg von Christopher Nolan

 

und hier einen Bericht über den Film „Interstellar“ – visuell überwältigendes SciFi-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan

 

und hier einen Beitrag über den Film „Remainder“ – faszinierend-komplexer Identitäts-Thriller über Amnesie von Omar Fast.

 

Dennoch gelingt dem Regisseur, sein verschachteltes Kopfgeburten-Kartenhaus nicht einstürzen zu lassen. Dafür sorgt vor allem sein Hauptdarsteller, der mehr als ein Bandenchef von Tüftlern ist: Bei einem gewagten Experiment hat er seine Frau Mal (Marion Cotillard) verloren. Als schuldbewusster Grübler spielt DiCaprio nicht nur seine Lieblingsrolle. Er verleiht dem Film auch das Wissen, wie moralisch fragwürdig seine Konstruktion ist, ohne das er im Strudel spektakulärer Spezialeffekte unterginge.

 

Die sind zeitlos sehenswert: Einmal wird halb Paris hochgeklappt und wie ein Deckel auf die andere Stadthälfte gedrückt. Dann findet ein Zweikampf in der Schwerelosigkeit auf allen vier Seiten des Raumes gleichzeitig statt. Aber in der Hingabe an solch atemberaubendes Augenpulver droht Realitätsverlust.

 

Training für „Tenet“

 

Dieses Problem haben Protagonisten wie Zuschauer gleichermaßen. Erstere behelfen sich im Film mit einem kleinen Test, um zu erkennen, ob sie wieder in der Wirklichkeit angekommen sind – was können letztere tun? Ihn hochkonzentriert betrachten, um ihm folgen zu können; quasi als Trainingsrunde in visuellem Denksport zur Vorbereitung auf die „Tenet“-Premiere.

 

Mit einem Einspielergebnis von mehr 825 Millionen US-Dollar war „Inception“ seinerzeit ein Kassenschlager. Dem Film wäre zu wünschen, dass im zweiten Anlauf noch ein paar Millionen hinzukommen: Als Anreiz für Hollywood, trotz Corona auch künftig traumhafte Leinwanderlebnisse zu bieten.