Stéphane Batut

Der flüssige Spiegel

Juste (Thimotée Robart). Foto: © 2020 Film Kino Text

(Kinostart: 3.9.) Persönliche Begleitung ins Jenseits: Das beschäftigt einen jungen Geist in Paris – bis sich eine Lebende in ihn verliebt. Der Debüt-Spielfilm von Regisseur Stéphane Batut oszilliert überzeugend zwischen Naturalismus und Traum; nur das Ende fällt deutlich ab.

Liebe ist in der Kunst und besonders im Film selten nur von dieser Welt. Insbesondere in Erzähltraditionen, die auf die Romantik zurückgehen, gibt es starke Bezüge zu Tod und Geisterhaftem. Viele Gespenster finden keine Ruhe, weil der Schmerz eines unerfüllten Verlangens sie umtreibt. Manch eine Lebende muss ihr Begehren mit ins Grab nehmen, wie zuletzt Paula Beer als Wassergeist in Christian Petzolds „Undine“. Häufig rührt das Leiden daher, dass es den Liebenden nicht gelingt, ihre Vorstellungen vom Anderen mit dessen tatsächlicher Persönlichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Sie erkennen einander nicht.

 

Info

 

Der flüssige Spiegel

 

Regie: Stéphane Batut,

104 Min., Frankreich 2019;

mit: Thimotée Robart, Judith Chemla, Saadia Bentaïeb

 

Weitere Informationen

 

Ums Wechselspiel von Sehen und Gesehenwerden geht es auch im ersten Spielfilm des französischen Regisseurs Stéphane Batut. Ein junger Mann namens Juste (Thimotée Robart) streift durch die Straßen von Paris; rasch wird klar, dass er für die meisten Passanten nicht sichtbar ist. Zudem verfügt er über keinerlei Erinnerungen; er wünscht sich sehnlichst, dass alles „wieder normal“ werden soll. Eine Frau, die zunächst eine Ärztin zu sein scheint, nimmt sich seiner an; sie bietet ihm eine Aufgabe, auf die er sich einlässt.

 

Gemeinsam ins Totenreich

 

Als Geist wandelt Juste, wörtlich: „der Aufrichtige“, fortan auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Er trifft auf Menschen, die ebenfalls bereits aus dem Leben geschieden sind, sich aber noch nicht vom Diesseits verabschiedet haben. Mit ihnen kann er kommunizieren. Er sammelt ihre letzten verbliebenen Erinnerungen, taucht gemeinsam mit ihnen darin ein und begleitet sie anschließend wie der Fährmann Charon in der griechischen Mythologie ins Jenseits. Dort empfängt sie die Frau, mit der er seinen Pakt geschlossen hat.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Pariser Alltag als Hauptakteur

 

Thimotée Robart ist ein Hauptdarsteller, der in seiner ersten größeren Filmrolle die Leinwand ohne jede Anstrengung dominiert. Zudem prägt den Film ein überzeugendes Farb- und Lichtkonzept aus Spiegelungen und Szenen, die von bunten Lichtern der Nacht koloriert sind – in der Tradition von Regisseuren wie Wong Kar-Wai („In the Mood for Love“, 2000) und Rainer Werner Fassbinder (vor allem „Querelle“, 1982). Damit gelingt es Regisseur Batut, eine visuell dichte Atmosphäre zu kreieren. Zugleich wird der wie beiläufig eingefangene Alltag der Pariser Viertel, den diverse Gestalten vielstimmig bevölkern, zu einem weiteren Hauptakteur.

 

Schließlich wird Juste von einem noch lebenden Menschen gefunden: Agathe (Judith Chemla) ist eine berufstätige Frau, etwas älter als er, mit rot gefärbten Haaren, geräumiger Wohnung und Tochter im Grundschulalter. Auch sie scheint stetig auf der Suche zu sein; sie glaubt, in Juste ihre frühere große Liebe wiedergefunden zu haben, die einige Jahre zuvor plötzlich verschwunden ist.

 

Am Ende Plausibilitäts-Verlust

 

Bei gemeinsamen Spaziergängen durch Parks und Straßen nähern sich beide Protagonisten vorsichtig einander an. Da die Chemie zwischen den Darstellern stimmt, gelingt es dem Film über weite Strecken, das Bild einer vorsichtig aufkeimenden Liebe entstehen zu lassen. Dabei wird die Romantik durch etwas übertriebenen Einsatz von Klaviermotiven von Debussy und Rachmaninow leicht überstrapaziert, doch das ist spätestens mit der ersten explizit erotischen Liebesszene vergessen. Sie ist sehr überzeugend um den Popklassiker „I Go to Sleep“ (1965) von „The Kinks“-Bandleader Ray Davis herum arrangiert, der für den Film neu adaptiert wurde.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Undine“ – ergreifendes Wassergeist-Liebesdrama von Christian Petzold mit Paula Beer

 

und hier eine Besprechung des Films „Eine größere Welt“ – fesselndes Drama über das Eintauchen in die Welt einer Schamanin von Fabienne Berthaud

 

und hier einen Bericht über den Film „Am Ende ein Fest“ – warmherzige Sterbehilfe-Tragikomödie aus Israel von Sharon Maymon + Tal Granit

 

und hier einen Beitrag über den Film „Personal Shopper“ – Mystery-Thriller über eine Star-Einkäuferin mit Jenseits-Kontakt von Olivier Assayas mit Kristen Stewart.

 

Bis dahin wirkt Batuts Geschichte, die zwischen Naturalismus und traumhafter Jenseitigkeit oszilliert, wie ein eleganter französischer Gegenentwurf zu „Undine“, dem Kritikerliebling im Berlinale-Wettbewerb. Wenn gegen Ende die Kräfte von Leben und Tod um die Liebenden ringen, verliert der Film allerdings deutlich an Plausibilität. Auch die vorher sehr schön eingesetzten filmischen Stilmittel zum atmosphärischen Sichtbarmachen und Verbergen weichen eher grellen und groben Effekten, die an Werbespots für autonomes Fahren erinnern.

 

Im Symbolischen fischen

 

In der Geschichte des Kinos gibt es einige große Filme, die angesichts bildgewaltig-visionärer Reflektionen über Lieben, Sehen und Übersinnliches darauf verzichten können, im strengen Sinn nachvollziehbar und glaubwürdig zu sein – etwa Nicolas Roegs Meisterwerk „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von 1973.

 

Aber daran reicht Batuts Debüt nicht heran: Vom Eintauchen in den flüssigen Spiegel bleibt eher der Eindruck einer vertanen Chance, da der Regisseur ausgiebig in unausgegoren Symbolischem fischt, ohne auf den Punkt zu kommen. Obwohl die Ansätze viel versprechend sind; von den Mitwirkenden des Films ist künftig sicher noch einiges zu erwarten.